Todesurteil Tumor Wo acht von zehn Krebserkrankungen zu spät entdeckt werden

Zwei Drittel aller Krebsfälle weltweit treten in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. Die Tumoren sind bei Entdeckung meist nicht mehr heilbar - vor allem in Afrika fehlen Experten, Vorsorge und Therapien.
Aus Tansania berichtet Katharina Nickoleit
Die 48-jährige Justan Foy gehört zu den vielen Patientinnen in Tansania, deren Krebserkrankung zu spät entdeckt wurde

Die 48-jährige Justan Foy gehört zu den vielen Patientinnen in Tansania, deren Krebserkrankung zu spät entdeckt wurde

Foto: Christian Nusch

Justan Foy weiß, dass sie bald sterben wird. Sie leidet an Gebärmutterhalskrebs. Außer Morphium, das ihre Schmerzen lindert, gibt es im KCMC-Hospital in der tansanischen Stadt Moshi nichts, was ihr noch helfen könnte.

"Vor eineinhalb Jahren spürte ich zum ersten Mal, dass etwas nicht in Ordnung ist", erzählt die 48-Jährige mit einer Stimme, der man anhört, wie viel Kraft sie diese Unterhaltung kostet. "Ich hatte Blutungen und Unterleibschmerzen, aber in dem kleinen Gesundheitsposten sagten sie nur, das habe mit der Menopause zu tun. Keiner kam auf die Idee, dass es Gebärmutterhalskrebs sein könnte."

Bei acht von zehn Patienten ist der Krebs nicht mehr heilbar

Mehr als 18 Millionen Menschen leiden weltweit an Krebs, es ist global gesehen die zweithäufigste Todesursache: Im Jahr 2018 starben schätzungsweise 9,6 Millionen Menschen daran. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat jetzt ihren Weltkrebsbericht mit aktuellen Zahlen herausgegeben. Zwei Drittel der Krebspatienten leben der WHO zufolge in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ihr Tumor wird in 70 Prozent der Fälle so spät entdeckt, dass die Krankheit nicht mehr heilbar ist. In Afrika ist dieser Anteil sogar noch größer.

Der Krebsspezialist Oliver Henke erlebt diese Situation häufig. "80 Prozent der Patienten kommen erst in einem Stadium zu uns, in dem der Krebs nicht mehr geheilt werden kann", sagt der Onkologe, der seit drei Jahren in Tansania arbeitet, wo er am Fuße des Kilimanjaros die dritte Krebsstation des ganzen Landes aufbaut. Er und sein Team sind für den ganzen Nordosten Tansanias zuständig, sie sind die einzigen Ansprechpartner für 15 Millionen Menschen.

"Manche Patienten müssen 600 Kilometer weit reisen, um hierherzukommen und erst einmal sparen, bis sie das Geld für den Bus zusammen haben", erzählt Henke. Auch Fehldiagnosen wie bei Justan Foy seien keine Seltenheit. "Die Patienten werden von einem Krankenhaus zum nächsten geschickt, in denen nirgendwo ein Krebsspezialist sitzt. Das kann die Überweisung zu uns schon mal um ein Jahr verzögern."

Sechs Bestrahlungsgeräte für eine ganze Nation

Nicht nur in Tansania, auch in fast allen anderen Ländern südlich der Sahara sind die Gesundheitssysteme nicht auf Tumorpatienten eingestellt. Lange galt die Krankheit hauptsächlich als Geißel der Industrienationen, doch inzwischen sterben in Entwicklungsländern daran mehr Menschen als an Malaria, Aids und Tuberkulose zusammen.

Die WHO warnt jetzt, dass die Zahl der Krebsfälle in den kommen zehn Jahren noch um 60 Prozent steigen werde, wenn der jetzige Trend anhalte. 80 Prozent der Erkrankungen würden Entwicklungs- und Schwellenländer treffen. "Das ist ein Weckruf für uns, die inakzeptablen Ungleichheiten zwischen Krebsstationen in reichen und armen Ländern anzugehen", sagte Ren Minghui von der WHO-Abteilung für nicht übertragbare Krankheiten.

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Afrika: Immer mehr Menschen leiden unter Tumorerkrankungen

Foto: Christian Nusch

Tatsächlich haben die unterfinanzierten Gesundheitssysteme dem Krebs wenig entgegenzusetzen. Es fehlt an Fachärzten, an Laboren, an Medikamenten. In ganz Tansania gibt es gerade einmal sechs Bestrahlungsgeräte. "Das ist typisch für Afrika, insbesondere wenn es um sehr teure Maschinen geht", sagt Onkologe Henke. "Wenn man Südafrika außen vor lässt, dann gibt es einige deutsche Großstädte, die mehr Geräte haben als der ganze afrikanische Kontinent."

Impfung gegen tödliche Erkrankung

Dass die Zahl der Tumorerkrankungen derartig steigt, hat verschiedene Ursachen. Die Bevölkerung wächst und wird älter, es gibt schlicht mehr Menschen, bei denen Krebs auftritt. Aber auch der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle: Viele Menschen bewegen sich weniger und ernähren sich ungesünder. Und bösartige Tumoren - wie etwa Gebärmutterhalskrebs oder Leberkrebs -, die durch Infektionen entstehen, kommen etwa in Deutschland viel seltener vor als in Afrika, wo 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch Viren verursacht werden. Viele davon könnten durch eine Impfung verhindert werden.

In Ländern etwa, in denen flächendeckend gegen Hepatitis geimpft wird, tritt Leberkrebs immer seltener auf. Auch der Gebärmutterhalskrebs, der durch Humane Papillomviren (HPV) verursacht wird, könnte viel weniger Frauen treffen - wenn es gelänge, mehr Mädchen gegen das Virus zu impfen.

Impfungen gegen HPV und Hepatitis B könnten der Internationalen Agentur für Krebsforschung zufolge eine Million Krebsfälle pro Jahr verhindern. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut, auch Jungen zu impfen. Diese können nicht nur Überträger der Erreger sein, sondern auch selbst an unterschiedlichen Tumorformen erkranken, etwa im Rachen oder am Penis.

Foto: Thomas Trutschel/ Photothek via Getty Images

Kenia hat im vergangenen Herbst offiziell für alle zehnjährigen Mädchen eine kostenlose HPV-Impfung eingeführt. "Gebärmutterhalskrebs ist in Kenia die häufigste Todesursache für Frauen", sagt Rose Jalango vom kenianischen Gesundheitsministerium, weltweit sterben jedes Jahr rund 300.000 Frauen  daran. "In Kenia sind es neun Frauen pro Tag ", so Jalanago.

… und keiner geht hin

Seit November 2019 sind alle Gesundheitsstationen des Landes mit dem Impfstoff ausgerüstet. Auch das Baraka Medical Center in der Hauptstadt Nairobi. Die Klinik kümmert sich um eine halbe Million Menschen in Mathare, dem größten Slum der Stadt.

Doch Florence Wachira, die für die Impfungen zuständig ist, hat innerhalb eines Monats gerade mal ein Mädchen gegen HPV immunisiert. "Es ist ein neuer Impfstoff, über den die Eltern noch nichts wissen", so Wachira. "Sie sind verunsichert und machen sich Gedanken, dass ihre Töchter unfruchtbar werden könnten."

Das Gerücht, dass Impfkampagnen in Wahrheit versteckte Sterilisationsprogramme seien, hält sich in Kenia hartnäckig und flammt mit jedem neu eingeführten Impfstoff wieder auf. "Es ist schwierig, jemanden zu überzeugen, der sich sicher ist, dass es sich um etwas Schädliches handelt", sagt Wachira. "Die Menschen müssen verstehen, dass die Impfung ihre Töchter schützt." Dazu bräuchte es Aufklärungskampagnen, die schnell teurer sind als der Impfstoff selbst.

Früherkennung könnte Leben retten

Mindestens ebenso wichtig wären Vorsorgeuntersuchungen. Doch Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung sind in den meisten afrikanischen Gesundheitssystemen bislang nicht vorgesehen. Um diese Lücke in seinem Einzugsbereich zu schließen, organisiert das Krebszentrum von Oliver Henke regelmäßig Aufklärungs- und Vorsorgekampagnen.

An diesem Tag findet sie in einer kleinen Gesundheitsstation im Massai-Gebiet statt. An Brustmodellen aus Silikon lernen Frauen, wie sie darin versteckte Tumoren ertasten können. Ein Mitarbeiter mit Albinismus klärt über Hautkrebs auf.

300 Menschen bekommen heute eine Vorsorgeuntersuchung. Die Männer werden auf Prostatakrebs gescreent, die Frauen auf Brust- und Gebärmutterhalskrebs. Wenn möglich, behandeln die Ärzte die Frauen noch vor Ort. Mitunter können sie bösartige Zellen bereits in einem frühen Stadium entfernen, damit die Frauen nicht viel zu spät mit einem fortgeschrittenen Tumor ins Krankenhaus kommen. So wie Justan Foy.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es in einem Zitat zu Kenia, jedes Jahr stürbe eine halbe Million Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Diese Zahl liegt aber bei rund 300.000 und bezieht sich auf die weltweiten Todesfälle. Wir haben korrigiert.