Krebs in Deutschland Wohnort beeinflusst die Überlebenszeit

Wie lange jemand nach einer Krebsdiagnose überlebt, hängt offenbar mit dem Wohnort zusammen. Bürger aus reicheren Landkreisen haben bessere Aussichten als die in ärmeren Regionen. Forscher haben Daten von rund einer Million Krebspatienten analysiert.

Krebspatientin: Bessere Aussichten für Betroffene in reicheren Regionen
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Krebspatientin: Bessere Aussichten für Betroffene in reicheren Regionen


Heidelberg - Wie lange Menschen nach einer Krebsdiagnose überleben, hängt stark mit der Gesundheitsversorgung im jeweiligen Land zusammen. Erst kürzlich zeigte sich etwa, dass Bürger in Osteuropa merkbar schlechtere Aussichten haben als Westeuropäer. Die gute Nachricht: Im Vergleich zu allen europäischen Nachbarn haben die Deutschen eine relativ gute Überlebensrate.

Doch gibt es auch innerhalb von Deutschland merkliche Unterschiede?

Um das herauszufinden, hat ein Team um Lina Jansen vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Daten von 10 der 16 deutschen Landeskrebsregister ausgewertet. In die Analyse flossen Informationen von rund einer Million Patienten ab 15 Jahren ein, die zwischen 1997 und 2006 an einer der 25 häufigsten Krebsarten erkrankt waren, darunter etwa Lungen-, Darm-, Prostata-, Brust- und Hautkrebs.

Das Ergebnis: Patienten, deren Landkreis zum Fünftel der sozioökonomisch schwächsten zählte, starben früher als Patienten aus den übrigen Regionen. Am deutlichsten war dieser Effekt im ersten Vierteljahr nach der Diagnose. Das Sterberisiko der Krebspatienten aus den schwächeren Kreisen war 33 Prozent höher als jener aus allen anderen Kreisen. Ein Dreivierteljahr nach Diagnose lag der Unterschied bei 20 Prozent, in den folgenden vier Jahren blieb er bei 16 Prozent. Bei 21 der 25 untersuchten Krebsformen hatten die Bewohner der schwächsten Landkreise deutlich schlechtere Überlebenschancen.

Die Analyse erfolgte auf Ebene der Landkreise und nicht der konkreten Wohnorte. Diese Unschärfe der Krebsregister dient dazu, die Anonymität der Patienten zu sichern. Die Forscher teilten die Landkreise nach sozioökonomischen Kriterien in fünf Gruppen, erfasst wurden dafür unter anderem das durchschnittliche Einkommen, die Arbeitslosenquote sowie die Anzahl von Verbrechen und Verkehrsunfällen.

Noch nicht alle Bundesländer ausgewertet

Welche Landkreise konkret an welchem Punkt der Liste standen, verrät die DKFZ-Studie nicht. Zudem wurden nicht Daten aus dem gesamten Bundesgebiet ausgewertet, weil die Krebsregister-Daten einiger Bundesländer nicht vorlagen oder nicht den nötigen Standards entsprachen.

Die relative Überlebensrate nach fünf Jahren listen die Forscher im "International Journal of Cancer" wie folgt:

  • Im Fünftel der sozioökonomisch schwächsten Kreise lag sie bei 56,5 Prozent.
  • In den anderen Kreisen lag sie zwischen 60,5 und 63,5 Prozent.

Wie dieser Unterschied zu erklären ist, können die Forscher noch nicht sagen. Denkbar wäre, dass die medizinische Versorgung in den wirtschaftlich schlechter gestellten Landkreisen weniger gut ist. Möglicherweise leiden die Krebspatienten aus diesen Regionen häufiger an weiteren Krankheiten.

Eines können die Forscher aber schon ausschließen: "Zunächst hatten wir vermutet, dass Menschen in ärmeren Gegenden möglicherweise die Früherkennung seltener wahrnehmen. Dann würde Krebs bei ihnen erst in späteren Stadien mit schlechteren Heilungschancen entdeckt", sagt Lina Jansen. Doch das sei nicht der Grund. Auch als die Forscher bei der Datenanalyse berücksichtigen, in welchem Stadium sich der Tumor bei der Diagnose befand, blieben die Unterschiede bestehen.

Otmar Wiestler, Vorstandvorsitzender des DKFZ betonte, wie wichtig es sei, die Ursachen aufzudecken. "Nur wenn wir die Gründe kennen, können wir gezielt etwas dafür tun, dass alle Krebspatienten in Deutschland die gleiche Chance haben."

wbr



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Seite 1
lafrench 31.01.2014
1. Sozio-ökonomische Daten?
Soziökonomische Daten können alles mögliche sein. Vielleicht hätte es gereicht, nur nach dem Bildungshintergrund zu fragen. Alle Krebskranken, die auch Akademiker sind, fahren direkt nach der Diagnose (egal wo sie nun wohnen) zum besten Spezialisten der speziellen Krebsunterart in Deutschland - oder notfalls auch ins Ausland. Wenn man nur diese eine Chance hat, ergreift man sie und setzt alles daran. Nur das muss erst be-greifen, man muss es er-fassen können, wenn man diese Art der Diagnose bekommt. Brauche ich, um das zu wissen als Wissenschaftler eine Studie? Ernsthaft?
salmo-nelli 31.01.2014
2. Arm und reich...
Ich weiß auch nicht, wie die unterschiedlichen Überlebensraten zustandekommen, aber möglicherweise spielt die intaktere, sauberere Umwelt in manchen Gegenden eine Rolle oder die konkreten Bedingungen in Kliniken. Nach meinen Erfahrungen muss man in Kliniken, die direkt in ärmlichen Gegenden mit hohem Arbeitslosen- und Migrantenanteil liegen mit Einigem rechnen, aber gewiss nicht mit sorgfältiger Diagnostik und Versorgung. Es beginnt bereits mit dem Fehlen von grundlegenden Hygienestandards, d.h. konkret verdreckte (im Beistelltisch unterste Schublade dümpelt eine braune ekle Brühe, von der man keinesfalls wissen will, woraus sie besteht) und zugequalmte Zimmer (Rauchen wird offen geduldet), fehlendes Toilettenpapier und fehlende Sterilisierflüssigkeit, fehlende Ansprechpartner, seien es Ärzte oder Schwestern ( "der Arzt kommt gleich" und dann hat man am dritten Tag immer noch keinen gesehen oder gesprochen). Wenn man früh morgens aufgenommen wird, bekommt man mit viel Glück abends die erste karge Mahlzeit. Die treibt dann der blanke Hunger rein... Am dritten oder vierten Tag habe ich mich auf eigene Verantwortung davongemacht, ohne den geplanten Eingriff vornehmen gelassen zu haben.. Rückblickend betrachtet, war das wohl auch besser so. Ein weiteres Problem ist das Warten auf einen Facharzttermin. Ich durfte gerade ein volles Vierteljahr auf einen Termin beim Lungenfacharzt warten. Der stellte Asthma fest und empfahl Allergietests. Diese werden jetzt in weiteren 3 1/2 Monaten in Angriff genommen. Solange gibt es halt keine adäquate Behandlung. Ich hoffe nur, ich habe keinen Krebs und erkranke auch später nicht daran. An meinem Wohnort dürften die Überlebenschancen nicht so toll sein.
syracusa 31.01.2014
3. Kompetenz der Ärzte
Zitat von sysopCorbisWie lange jemand nach einer Krebsdiagnose überlebt, hängt offenbar mit dem Wohnort zusammen. Bürger aus reicheren Landkreisen haben bessere Aussichten als die in ärmeren Regionen. Forscher haben Daten von rund einer Million Krebspatienten analysiert. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krebs-in-deutschland-wohnort-beeinflusst-die-ueberlebenszeit-a-950426.html
Das wird sicher auch mit der Kompetenz der Ärzte zusammen hängen. Selbst wenn es bei der Bezahlung keine Unterschiede gibt, werden sich in wohlhabenden Regionen wegen der höheren Lebensqualität mehr Ärzte bewerben, wobei die besseren Bewerber höhere Chancen auf Anstellung haben.
FritzW. 31.01.2014
4. Kausalität
Hier handelt es sich um epidemiologische Daten die eine Kausalität suggerieren, die so aber nicht bewiesen worden ist. Schon frühere Studien haben einen Zusammenhang mit Regionen und Erkrankungen hergestellt. Es mussja nicht sein, dass die Behandlung schlechter ist. Meistens sind die Ausgangsbedingungen schon schlechter: Begleiterkrankungen, mehr Übergewicht, mehr Nikotin- und Alkoholabusus.
Hajojunge 31.01.2014
5. Weil Du arm bist, mußt Du früher sterben
Zitat von sysopCorbisWie lange jemand nach einer Krebsdiagnose überlebt, hängt offenbar mit dem Wohnort zusammen. Bürger aus reicheren Landkreisen haben bessere Aussichten als die in ärmeren Regionen. Forscher haben Daten von rund einer Million Krebspatienten analysiert. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krebs-in-deutschland-wohnort-beeinflusst-die-ueberlebenszeit-a-950426.html
Der Film mit Bernhard Wicki von 1956 ist aktueller denn je. Bildungsstand und Bankkonto beeinflussen die Überlebensrate direkt proportional. An der Überlebensrate bei Krebs hat sich seither recht wenig geändert. Die Leute werden heutzutage lediglich früher diagnostiziert und sind damit entsprechend länger krank.
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