Während der Coronakrise wurden viele Untersuchungstermine abgesagt, betroffen waren auch Krebspatienten
Während der Coronakrise wurden viele Untersuchungstermine abgesagt, betroffen waren auch Krebspatienten
Foto: Javier Pardina/ Stocksy United

Krebskrank in der Coronakrise "Wissen Sie nicht, dass wir eine Pandemie haben?"

Der Lungenkrebspatient Werner Haas hatte schon einen OP-Termin. Maria Relli hat Brustkrebs, unheilbar. Die Termine von beiden wurden wegen Corona abgesagt. Zwei Berichte über Kollateralschäden der Krise.
Von Irene Berres

Es war ein Sturz, der Werner Haas* vermutlich das Leben gerettet hat. An einem Wochenende Ende Januar fiel der 64-Jährige so unglücklich, dass er sich den zwölften Brustwirbel brach. Er musste operiert werden.

Der Eingriff glückte, doch bei den Untersuchungen entdeckten die Ärzte einen Schatten auf der Lunge. Anfang Februar folgte ein MRT: Im rechten oberen Lungenlappen wuchs etwas Festes, wahrscheinlich Bösartiges. Die Ärzte tippten auf Krebs.

Haas müsse noch einmal operiert werden, rieten sie, am besten innerhalb von vier Wochen, so erinnert sich seine Frau am Telefon. Lungenkrebs ist aggressiv. Je früher er behandelt wird, desto größer sind die Heilungschancen. Die Ärzte entließen ihren Patienten nach Hause, die Reha für den Rücken wurde vertagt. Haas sollte Kraft schöpfen für den nächsten Eingriff.

Das Coronavirus schien zu diesem Zeitpunkt noch fern, nur in China häuften sich die Fälle. Weder Haas noch seine Frau Sigrid Frank ahnten, wie sehr es sie in den kommenden Wochen treffen würde, ohne dass sie selbst erkrankten.

Ende Februar bestätigte ein PET-CT den Krebsverdacht: Auf den Bildern strahlte ein Tumor im rechten oberen Lungenflügel, auch in einem angrenzenden Lymphknoten war ein Fleck erkennbar, die Krebszellen schienen bereits zu wandern. Am 1. April wollte der Chirurg operieren.

Dann kam das Coronavirus.

Google: Was bedeutet elektiv?

Anfang März liefen die ersten Bilder aus Italien im Fernsehen, die wirkten wie aus einem Endzeitfilm. Ärztinnen und Ärzte, das Pflegepersonal, sie betreuten in Schutzanzügen Patienten, denen Maschinen Luft in die Lunge pressten. Es mangelte an Intensivbetten, die Mediziner mussten zwischen Erkrankten entscheiden, zwischen Leben und Tod. Auch Deutschland wappnete sich.

Am 13. März schrieb Gesundheitsminister Jens Spahn einen Brief an die Geschäftsführer aller deutschen Krankenhäuser: Eingriffe, die sich verschieben ließen, sollten gestoppt werden. Nie zuvor hat es eine solche Bitte gegeben im deutschen Gesundheitssystem.

Sigrid Frank, die Frau des Lungenkrebspatienten, hörte im Radio davon. In dem Krankenhaus ihres Mannes sollten ab dem 17. März keine elektiven Operationen mehr stattfinden. Elektiv?

Bei Google findet sie: Elektiv ist, was nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage stattfinden muss. Wenige Stunden vielleicht nicht, habe sie gedacht. Aber mein Mann hat Krebs, Lungenkrebs.

Am 16. März mailte sie dem Chirurgen ihres Mannes, die Antwort kam prompt.

"Dann kam die eiskalte Antwort"

Sigrid Frank über die Nachricht des Chirurgen, der eigentlich ihren Mann operieren sollte

Aufgrund der erhöhten Infektionsgefahr müsse die OP verschoben werden. Am nächsten Tag rief eine Mitarbeiterin an, nannte den 6. Mai als neuen Termin. Mehr als vier Wochen später. Niemand wisse, wie sich der Corona-Ausbruch bis dahin entwickeln werde, habe sie gedacht, erzählt Frank.

Noch gibt es nur wenige Fälle in Deutschland.

Ihr Mann, der Erkrankte, resignierte. Erst der Sturz, dann die Krebsdiagnose, jetzt Corona. Seine Frau schickte dem Chirurgen eine weitere Mail. "Dann kam die eiskalte Antwort", sagt Frank.

Haas müsse nach der Krebsoperation ein bis zwei Tage auf der Intensivstation behandelt, vielleicht auch kurz künstlich beatmet werden, schrieb der Arzt. Die Klinik aber sei verpflichtet, diesen Platz für mögliche Corona-Patienten freizuhalten. Er bitte höflich um Verständnis. Von einem Infektionsrisiko schrieb er nichts.

Sigrid Frank war entsetzt. Für einen kurzen Moment resignierte auch sie.

Wenn der Krebs nicht heilbar ist - und Corona kommt

Auch bei Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen hat der Corona-Ausbruch die Versorgung mitunter abrupt gestoppt. So erlebte es Maria Relli*. Vor mehr als zehn Jahren erhielt die heute 59-Jährige zum ersten Mal die Diagnose Brustkrebs. Es folgten OP, Chemotherapie, Bestrahlung, fünf Jahre Medikamente und die Botschaft: Sie sind wieder gesund.

2016 aber bekam sie hartnäckige Knochenschmerzen. Anfangs dachte niemand an den Krebs, dann entdeckten Ärzte die Metastasen in ihren Knochen. Seither versuchen sie, den Krebs zu beherrschen, aufzuhalten, so gut es geht. Geheilt werden kann Relli nicht mehr.

Sie müsse jederzeit bereit sein für neue Therapien, erzählt Relli. Dafür überprüfen Ärztinnen und Ärzte regelmäßig im PET-CT, ob in ihrem Körper neue winzige Metastasen wachsen, ob der Krebs weiter wuchert. Bei der letzten Untersuchung im Dezember zeigten die Aufnahmen neue Tumorablagerungen.

"Manchmal weiß man nicht, woran man sterben soll. Ob am Krebs oder an den Nebenwirkungen der Therapie."

Maria Relli

Relli musste an der Schulter bestrahlt werden. Auch im Kiefer wuchs etwas, diese Stelle aber wollten die Ärzte erst mal nur beobachten. Jede Behandlung ist ein Abwägen zwischen ihrem Nutzen und Nebenwirkungen, die manchmal so stark sind, dass Relli nicht weiß, woran sie sterben soll: am Krebs oder an dessen Therapie?

Am 24. März sollte das nächste PET-CT stattfinden, ein paar Tage vorher aber klingelte Rellis Telefon: Das PET-CT müsse verschoben werden, sagte ein Mitarbeiter der Nuklearmedizin. "Warum?", fragte Relli. "Wissen Sie nicht, dass wir eine Pandemie haben?"

Relli verstand nicht, was das mit ihr zu tun hat, einer Patientin mit metastasiertem Brustkrebs. Ob es einen neuen Termin gebe? Voraussichtlich Ende Mai, sagte er. Zwei Monate später als geplant. "Für so eine Krankheit ist das eine Ewigkeit", erzählt Relli.

Die 59-Jährige vertraut dem Gesundheitssystem und ihren Ärzten. Doch diese Absage schockierte sie. Sie kontaktierte ihre Onkologin, die die Bilder aus der Nuklearmedizin bewertet. Aber hier hieß es: Ohne PET-CT mache auch der Termin bei der Ärztin keinen Sinn. Er müsse ebenfalls verschoben werden.

"Ich habe mich vollkommen verlassen gefühlt", erzählt Relli. Sie hat Angst: Werde ich überhaupt noch weiter behandelt? Was ist da los?

Sorge um die, die gar nicht erst kommen

Fälle wie diese hätten eigentlich auch während der Coronakrise nicht passieren dürfen. Wer dringend behandelt werden muss, soll weiterhin behandelt werden. Doch was ist dringend? Die Antwort darauf muss jeder behandelnde Arzt selbst finden.

Um sicherzustellen, dass die Versorgung von Krebspatienten nicht unter dem Corona-Ausbruch leidet, bildeten die Vorstände des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe Ende März eine Taskforce. Sie starteten Umfragen unter den onkologischen Spitzenzentren in Deutschland, sammelten Anfragen von Patientinnen und Patienten, die sich verzweifelt an die Hotlines wenden. Auch die Kontakte in diesem Text hat die Deutsche Krebshilfe vermittelt.

Die Ergebnisse: "Das System ist gestresst, das hatten wir befürchtet", sagte Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Ende April. Bei den akut Erkrankten aber, den Krebspatienten, bei denen sich eine Strahlentherapie, eine Chemotherapie oder eine Operation nicht um drei oder vier Wochen verschieben lasse, habe die Behandlung zum größten Teil weiter funktioniert.

"Gerade entsteht eine Bugwelle von Patienten"

Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums

Dass vereinzelt Fehler passierten, ließe sich natürlich nicht ausschließen, sagt Baumann. "Ich kenne auch Fälle, bei denen Behandlungen verschoben worden sind, die nicht hätten verschoben werden sollen."

Sorgen bereitet der Taskforce aber vor allem eine andere Patientengruppe: Diejenigen, die noch gar nicht wissen, dass in ihrem Körper ein Tumor wächst. Seit sich das Coronavirus ausbreitet, meiden viele Menschen trotz Beschwerden Arztpraxen und Kliniken. Hinzu kommen Einschränkungen bei den Früherkennungsuntersuchungen, etwa auf Darmkrebs, bei denen ebenfalls Erkrankungen erkannt werden.

"Gerade entsteht eine Bugwelle von Patienten", sagte Baumann. "Und diese Bugwelle muss schnell abgebaut werden. Sonst führt sie dazu, dass Diagnosen verschleppt werden und Krebserkrankungen erst in weiter fortgeschrittenen Stadien erkannt werden, wenn die Prognose für die Betroffenen schlechter ist."

Lungenkrebs-OP: Drei Anfragen, drei Antworten

Sigrid Frank und ihr an Lungenkrebs erkrankter Mann erfuhren schließlich, dass die meisten Krankenhäuser drängende Operationen trotz Coronakrise weiter durchführen. Nachdem der Chirurg der lokalen Klinik geschrieben hatte, dass nur ein bis zwei Tage Intensivstation die Krebs-OP ihres Mannes verhindern, kontaktierte Frank ihre Hausärztin. Sie konnte nicht mehr.

Die Medizinerin schrieb ihre Patientin für eine Woche krank, rief am nächsten Tag aber noch mal an. Sie habe nachgedacht. Ihrer Meinung nach operierten andere Kliniken in der Nähe Lungenkrebspatienten. Sigrid Frank kontaktierte drei Krankenhäuser, jeweils eins in Würzburg, Erlangen und Nürnberg. Zwei Kliniken meldeten sich innerhalb eines Tages zurück, ein Lungentumorzentrum sogar innerhalb weniger Stunden.

Die Experten waren sich einig: Wenn stimmt, was Frank schildert, darf die Operation nicht aufgeschoben werden. Es folgten weitere Untersuchungen. Mitte April wurde Haas operiert. Die Ärzte entfernten rund ein Drittel seines rechten Lungenflügels, auch der Verdacht, dass die Krebszellen bereits einen Lymphknoten erreicht haben, bestätigte sich.

Am 6. Mai bezog Haas ein Bett in einer Fachklinik für eine Reha, um seine Lunge zu trainieren. Dort feierte er vor ein paar Tagen seinen 64. Geburtstag. Das nächste Ziel: Fit werden für die anstehende Chemotherapie. Immerhin den Glauben an das Gesundheitssystem hat das Paar zurückgewonnen. Maria Rellis Fall ist in dieser Hinsicht schwieriger.

Was ist das auf den Bildern? Sie weiß es nicht

Auch sie konnte die Absage ihres Termins nicht akzeptieren, wollte nicht warten, während im Verborgenen möglicherweise der Krebs wächst. Sie rief bei einer Privatklinik an, bekam innerhalb einer Woche einen Termin. Am 8. April fand das PET-CT statt. 1000 Euro zahlte Relli für die Untersuchung in der Privatklinik, die, wie sie berichtet, keine Kassenleistung ist.

Geld, das sie mühsam gespart hatte, denn Relli, promovierte Literaturwissenschaftlerin, fehlt schon länger die Kraft für ihren Beruf als Lektorin und Übersetzerin. Zweimal die Woche arbeitet sie noch an einer Mittelschule, hilft Schülern mit Migrationshintergrund bei den Hausaufgaben und lernt mit ihnen Deutsch. Auch um diesen Job fürchtet sie jetzt.

Nachdem Relli die Untersuchung in der Privatklinik gemacht hatte, erklärte sich ihre behandelnde Onkologin bereit, die Bilder anzusehen. Es gebe keinen Anlass, die Therapie zu verändern, sagte sie. Alles könne erst mal weiterlaufen, ein richtiger Termin sei derzeit nicht notwendig. Stattdessen soll Relli im August das nächste Mal vorbeikommen, dann steht das nächste PET-CT an.

Es ist eine gute Nachricht, doch ein Teil der Verunsicherung bleibt. Relli hat den Arztbrief der Privatklinik gelesen, versucht, ihn zu verstehen. "Da haben sich schon neue Sachen gebildet", sagt sie. "Ich würde das gern besprechen. Stattdessen bin ich allein mit den Bildern und Fragen, die ich niemandem stellen kann."

Was sieht sie? Eine Wirbelsäule? Einen Brustwirbelkörper?

Runterfahren ist einfacher als hochfahren

Mitte April zeichnete sich in Deutschland ab, dass italienische Verhältnisse ausbleiben. Die Zahl der Infizierten ging zurück, zumindest die Welle scheint gut überstanden, die Intensivbetten stehen leer. Ein Grund zur Freude, ja, aber auch ein Zeichen dafür, dass es weitergehen muss, auch für die anderen Patientinnen und Patienten.

Jens Spahn reagierte am 17. April: In einer Pressekonferenz kündigte er an, dass die Krankenhäuser ab Anfang Mai schrittweise in den Regelbetrieb zurückkehren sollen. Zwar sollen noch immer Intensivbetten für Covid-19-Patienten freigehalten werden, Ziel sei aber eine "neue Balance". Baumann, der Chef des DKFZ, begrüßte die Aussage.

Mitte Mai veröffentlicht die Corona-Taskforce der Krebszentren jedoch eine neue Mitteilung : Die von Spahn geforderte Rückkehr in den Normalbetrieb mache sich nur zögerlich bemerkbar, heißt es darin. Zwar gebe es einzelne positive Entwicklungen, es sei aber noch keine deutliche Verbesserung spürbar. Therapien würden nach wie vor verkürzt und verschoben, die Nachsorge würde ausgesetzt.

Diesen Eindruck bestätigt auch Christian Prinz, Leiter des Darmkrebszentrums am Helios Universitätsklinikum Wuppertal: Die Patienten würden langsam ungeduldig, erzählt er. Es sei jedoch deutlich einfacher, die Versorgung runterzufahren, als sie wieder aufzunehmen. Seine Klinik hat bereits aufwendige Hygienekonzepte etabliert, um eine größtmögliche Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter zu gewährleisten. "Diese gestalten sich in der täglichen Routine jedoch sehr aufwendig", sagt Prinz. Das bremst.

Solange es keinen Impfstoff gibt, wird ein Normalbetrieb kaum möglich sein. Dennoch muss das Gesundheitssystem einen Weg finden, wieder allen einen Platz zu geben, und Menschen ermutigen, wieder zum Arzt zu gehen, besonders, wenn sie Beschwerden haben.

Sonst könnte der Kollateralschaden durch das Virus größer werden als die Folgen des Virus selbst.

*Name von der Redaktion geändert.