Pharmaindustrie Ärzte verschmähen billigere Krebsmittel

Mehr als eine halbe Milliarde Euro könnten die Kassen sparen, wenn Ärzte billigere, aber gleich wirksame Krebsmedikamente verordnen würden. Doch bei den Medizinern gibt es noch immer Vorbehalte.

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Bis zu 526 Millionen Euro jährlich könnten die gesetzlichen Kassen hierzulande einsparen, wenn Ärzte auch bei komplexen Medikamenten auf Nachahmerprodukte setzen würden. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse der Wissenschaftler Gerd Glaeske und Wolf-Dieter Ludwig, die im Auftrag der Techniker Krankenkasse entstand.

Patienten, etwa mit Brust- oder Lymphdrüsenkrebs, bekommen heute zusätzlich zu ihrer Chemotherapie oft auch komplexe biologische Arzneimittel. Diese sind teuer, doch immer mehr Wirkstoffe verlieren ihren Patentschutz. Von da an dürfen andere Firmen diese Biologika nachahmen. Ihre Produkte sind bis zu 30 Prozent günstiger - sie werden Biosimiliars genannt.

Ärzte haben Bedenken

Eine Verordnung solcher Nachahmprodukte ist bei einfachen Arzneimitteln wie Kopfschmerzpillen, Antibiotika oder Blutdrucksenkern Standard. Bei Krebsmitteln aber stößt sie noch immer auf Bedenken. Neben der Qualität der Biosimilars zweifeln die Behandler an der Zulassung. Auch neue Nebenwirkungen werden befürchtet. Doch tatsächlich gelten für sie die gleichen strengen Zulassungskriterien wie für Originalmedikamente.

Die Autoren der Analyse weisen darauf hin, dass bisher keine Ergebnisse aus veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten gegen die Anwendung von Biosimilars sprächen. Auch habe es in Europa keine einzige Marktrücknahme von Biosimilars aufgrund von Sicherheitsbedenken oder unzureichender Wirksamkeit gegeben.

Trotzdem spielen aktuell die neuen Generika in Deutschland kaum eine Rolle: Im Jahr 2016 entfielen auf Biosimilars lediglich 1,9 Prozent des Verordnungsvolumens der biologischen Arzneimittel. Der Umsatzanteil betrug nur gut drei Prozent vom Gesamtumsatz der Biologika von 5,89 Milliarden Euro. Glaeske und Ludwig sehen Bedarf für mehr Informationen bei Ärzten, vor allem auch bei den Onkologen.



insgesamt 6 Beiträge
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mr_stagger_lee 19.09.2017
1. Zulassungskriterien
Für Biosimilars gelten mitnichten die gleichen (strengen) Zulassungskriterien wie bei Orginalprodukten. Es gibt deutlich weniger Studien und somit Daten vor der Zulassung und praktisch keine (kaum) danach. Wie sieht es mit Daten bezüglich Langzeitnebenwirkungen aus? Fehlanzeige. Trotzdem haben die Autoren aus meiner Sicht grundsätzlich recht.
auweia 19.09.2017
2. Weiß nicht, was die Aufregung soll.
Ein Arzt - auch ein Kassenarzt - soll zunächst mal seinen Patienten helfen.Er sollte sich nicht in erster Linie um die wirtschaftlichen Folgen seines Tuns kümmern müssen. Wenn ein Patient eine bestimmte Darreichungsform besser verträt als eine andere - ist das in meinen Augen genug Begründung, der Medikamentenauswahl des Arztes zu vertrauen. Nun ist das Budget, wie überall, endlich. Neue Verfahren, neue Medikamente, höhere (Lebens-)Erwartungen der Patienten können nicht mehr wie früher komplett abgedeckt werden. Man kann sich dann entscheiden: Erhöhe man das die Mittel für die Krankenkassen (das hieße Anhebung der Beiträge oder höhere Steuerzuschüsse) oder wird rationiert. Die Entscheidung ist gefallen - es wird Alternative 2. Scheinzahl und Punktwert pro Schein werden begrenzt, ein Medikamentenbudget wird eingeführt. Auftritt: Krankenkassencontroller, Verpflichtung des Arztes zur Wirtschaftlichkeit statt Erhöhung des Budgets. das reicht bis zu Strafzahlungen für Überschreitung des Madikamentenbudgets und Nichtvergütung von Mehrleistungen des Arztes. Also bitte nicht wundern, wenn es nur wenige und kurze Arztkontakte gibt und nur wenige, teilweise unverträgliche Medikamente bzw. umständliche, widerwillige Prozeduren bei Abweichungen seitens der Kassen. Ihr habt es so gewollt.
Affenhirn 19.09.2017
3. Generika sind nicht identisch
Für Generika gelten hinsichtlich der Wirkstoffe gegenüber dem Originalpräparat Toleranzen, die die Wirkungsweise relevant beeinflussen können. Das Zusammenwirken von Wirkstoffen und Füllstoffen, die vom Originalprodukt abweichen können, ist bei Generika wesentlich weniger überprüft, als bei Originalpräparaten. Kostenvorteile bei Generika entstehen so u.a. schon durch schwächere Pflichtuntersuchungen. In sofern sind Vorbehalte der Ärzteschaft nicht unangebracht.
schumiwulf 19.09.2017
4. Das wäre schön...
"Doch tatsächlich gelten für sie die gleichen strengen Zulassungskriterien wie für Originalmedikamente." Das wäre schön, ist aber leider nicht der Fall. In neoadjuvanten Vergleichsstudien zeigen sich teilweise große Unterschiede bspw bzgl der pCR Rate. Das hat mit similar nichts mehr zu tun... Auch kann man Biosimilars nicht mit Generika vergleichen.
FrauTrallala 19.09.2017
5. Biosimilars sind KEINE Generika
Bei Generika handelt es sich um kleine Moleküle die identisch mit dem Original sind, einfache chemische Nachbauten. Biologika sind unendlich viel komplexer, es sind gigantische Moleküle, die nicht einfach im Labor "gebaut" werden können. Es sind hoch spezifische Antikörper wie sie auch unser Immunsystem selbst herstellt, sie können nur von der Maschinerie in einer lebenden Zelle produziert werden, was die Herstellung dementsprechend teuer und sehr kompliziert macht. Biosimilars können aus Prinzip gar nicht identisch zum Original sein, da nur Zelllinien die auf die ursprüngliche Original-Zelle zurück gehen, identische Antikörper produzieren können. Dennoch nimmt der Gesetzgeber eine ausreichende Similarität an und erlaubt eine vereinfachte Zulassung. Aktuelles Bsp. Rituximab, ein Produkt das sowohl zur Behandlung bestimmter Blutkrebs-Arten als auch für die Behandlung von Rheuma zugelassen ist. Das kürzlich erschienene Biosimilar musste nur in wenigen Indikationen (Rheuma) an einem kleinen Patientenkollektiv (~160 Personen) eine ähnliche Wirkung wie das Original beweisen und erhielt per sog. Extrapolation automatisch alle anderen Zulassungen wie das Original, auch für Krebs, ohne Daten am Patienten. Antikörper arbeiten nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip, und kleinste Abweichungen können dazu führen dass der Schlüssel nicht mehr richtig passt. Das mag nicht so schlimm sein bei nicht tödlichen Krankheiten (Rheuma, Schuppenflechte, Morbus Crohn etc.), bei denen man Zeit hat die Therapie umzustellen. Aber beispielsweise bei aggressivem Krebs verstehe ich die Zurückhaltung der Ärzte sehr gut, hier hätte der Artikel die Argumente der anderen Seite ebenfalls beleuchten sollen!
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