Kunstwerke aus der Psychiatrie Leid und Wahn auf Leinwand

Verdrehte Körper, düstere Farben, abstrakte Formen - Gemälde von psychisch Kranken können einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben gewähren. Einige Patienten schufen wahre Kunstwerke. Hier eine Auswahl.
Gemälde von Else Blankenhorn (1873-1920): "Innere Spannung ablassen"

Gemälde von Else Blankenhorn (1873-1920): "Innere Spannung ablassen"

Foto: Else Blankenhorn/ Sammlung Prinzhorn

Können Strichführung, Farbwahl und das Bild als Ganzes für eine bestimmte psychiatrische Erkrankung sprechen? Um 1900 suchten Ärzte in Zeichnungen und Malereien ihrer Patienten nach Anzeichen für eine Diagnose. Erfolgreich war der Ansatz nicht. Als Therapiemethode ist das Malen indes noch heute wichtiger Bestandteil psychiatrischer Behandlungen.

Denn Patienten verarbeiteten in ihren Werken traumatische Ereignisse, Ängste oder Erfahrungen mit ihrer Erkrankung. Sie begannen, ihre Gefühle auszudrücken, ihre Gedanken und Wahrnehmungen in Bildern, Skulpturen und abstrakten Objekten festzuhalten. Das Resultat waren bemerkenswerte Arbeiten.

Die Bilder sagen, wofür Worte fehlen

Schon in den zwanziger Jahren erkannte Hans Prinzhorn, dass in einigen seiner Patienten großes Talent schlummerte. Der Kunsthistoriker und Assistenzarzt der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg begann, Werke von ihnen zu sammeln. Insgesamt 5000 Zeichnungen sowie Ölgemälde, Holzschnitzereien und Textilien umfasst die weltberühmte historische Sammlung Prinzhorn  am Universitätsklinikum Heidelberg. SPIEGEL ONLINE zeigt ausgewählte Werke - und erzählt die Geschichten dahinter.

"In Kunst können Patienten ihre innere Spannung ablassen", sagt der Psychotherapeut und Kunstwissenschaftler Georg Franzen, der das Institut für Kunstpsychologie in Celle leitet. Heute, etwa hundert Jahre später, sei künstlerisches Schaffen nicht mehr aus der psychiatrischen Versorgung wegzudenken. Beinahe jede Klinik biete Kunsttherapie als Ergänzung zu Psychotherapie und Medikamenten an. "Patienten können dabei innere Bilder ausdrücken und mit Pinsel oder Stift festhalten, wofür ihnen oftmals die Worte fehlen", sagt Franzen. Über die Werke kämen Therapeut und Patient dann ins Gespräch, arbeiten die in Farbe und Form aufgemalten Gefühle und Gedanken durch. Das helfe, die Gesundheit wiederzuerlangen. "Künstlerisches Schaffen fördert die Konzentrationsfähigkeit, die emotionalen Kompetenzen und steigert das Selbstwertgefühl der Patienten", erklärt der Kunst- und Psychotherapeut.

Krankheit als treibende Kraft

Doch nicht nur der Grundstein für eine Therapieform wurde in den Psychiatrien des vergangenen Jahrhunderts gelegt. Heute wie damals entstehen in den Einrichtungen wahre Meisterwerke - Künstlerkarrieren beginnen. Heute bauen sich immer wieder Psychiatrie-Erfahrene eine Existenz als Künstler auf. Die sogenannte Outsider-Art ist inzwischen eine feste Größe auf dem Kunstmarkt. Dabei steht nicht mehr die Erkrankung im Vordergrund - auch wenn sie nicht selten treibende Kraft hinter dem Schaffen ist.

Auch offene Ateliers von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sind sehr beliebt. "Kunstakademien besuchen diese regelmäßig, um die besondere, kreative Atmosphäre dort zu erleben", sagt der Kunsthistoriker und Psychologe Thomas Röske, der seit 2002 die Sammlung Prinzhorn leitet und am Mittwoch den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)  mit einem Vortrag dazu eröffnet hat. Seit 1980 sind mehr als 12.000 Kunstwerke von Psychiatrie-Erfahrenen aus Vergangenheit und Gegenwart hinzugekommen. Ein Fundus, der weiter wächst.

Zur Autorin
Foto: privat

Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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