Pflege von Angehörigen Bald wird es leichter, auf Kur zu gehen

Angehörige zu pflegen macht krank - viel zu oft. Das soll sich jetzt ändern. Eine der Maßnahmen: Von 2019 an soll es leichter werden, eine Kur bewilligt zu bekommen. So geht es.

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Machen, machen, machen und doch nie fertig werden. Dieses Gefühl verfolgte Silvia Raab ständig. Nachts lag sie wach und dachte: "Ich muss für Mama Suppe vorkochen, ich muss den Arzt anrufen, ich muss mich kümmern." Silvia Raab pflegt seit drei Jahren ihre demenzkranke Mutter. Irgendwann merkte sie: Ich stehe nur noch unter Strom.

Wie Silvia Raab geraten immer mehr pflegende Angehörige an ihre Grenzen. Sie schuften und schuften, bis sie irgendwann nicht mehr können. Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt. Was das heißt, dokumentiert der jüngste Pflegereport der Barmer: Für 85 Prozent der pflegenden Angehörigen bestimmt die Pflege den Alltag. Die Hälfte von ihnen kümmert sich täglich mehr als zwölf Stunden um den Pflegebedürftigen. 55 Prozent leiden unter Rückenschmerzen, 49 Prozent unter psychischen Störungen.

Um daran etwas zu ändern, haben pflegende Angehörige Anspruch auf eine Kur. Allerdings ist diese Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme kaum bekannt, und bislang galt der Grundsatz: Erst mussten ambulante Maßnahmen ausgeschöpft sein, dann wurde eine Kur genehmigt. Diese Vorgabe fällt jetzt weg. Ab 1. Januar 2019 können pflegende Angehörige auch dann eine stationäre Reha in Anspruch nehmen, wenn eine ambulante Versorgung ausreichend wäre.

"Viele Pflegende verlieren sich selbst"

Die Kur dauert drei Wochen. Auf dem Programm stehen Therapien, Sport, Entspannung und Stressbewältigung, in Gruppen- und Einzelgesprächen wird die Pflegesituation in den Blick genommen. "Viele pflegende Angehörige haben nur noch den Pflegebedürftigen im Blick und verlieren sich dabei selbst", sagt Susanne Knörle, Therapeutin in der Fachklinik St. Marien. Gemeinsam wird von außen auf die Pflege geguckt: Wie sieht der Alltag aus? Und wie geht es mir damit?

Silvia Raab brauchte ein paar Tage, bis sie bei der Kur zur Ruhe kam. "Wenn man im Hamsterrad steckt, nimmt man das hin. Hier habe ich zum ersten Mal meine Situation reflektiert", sagt sie.

Die Kur muss von einem Arzt verschrieben und von der Krankenkasse genehmigt werden. Wichtig ist, dem Arzt ausführlich von den eigenen Belastungen im Pflegealltag zu erzählen. Plötzliche Weinanfälle und häufige Rücken- und Kopfschmerzen können die Alarmzeichen sein, dass der Körper im Notfallprogramm läuft und dringend eine Auszeit braucht. Oder, wie bei Raab, das Gefühl, einfach nicht mehr zu können, ständig für den anderen da sein zu müssen und nie mehr rauszukommen.

Rehabilitation für Pflegende
    Für eine Rehabilitation sind unterschiedliche Träger zuständig.
    - Bei pflegenden Angehörigen, die nicht (mehr) berufstätig sind, kommt in der Regel die Krankenkasse für die Kosten auf.
    - Berufstätige pflegende Angehörige fallen normalerweise in die Zuständigkeit der Rentenversicherung.
    - Ist die Reha aufgrund eines Unfalls notwendig, muss die Unfallversicherung zahlen.
    - Mütter mit Kindern unter 18 Jahren im gemeinsamen Haushalt, können eine Mütterkur mit Schwerpunkt Pflege in Anspruch nehmen. Hier ist wiederum die Krankenkasse zuständig.

Der Arzt sollte in der Verordnung detailliert darlegen, welche gesundheitlichen Probleme aus der Pflege resultieren. Das Attest wird zusammen mit einem Antrag bei der Kasse eingereicht. Dabei holt man sich am besten Hilfe bei einer Kurberatung oder bei einer Klinik, die Kuren für pflegende Angehörige anbietet. Die Krankenkasse prüft den Antrag und schickt in der Regel innerhalb eines Monats den Bescheid. Lehnt sie den Antrag ab, hat man vier Wochen Zeit, Widerspruch einzulegen.

Bewilligt die Kasse die Kur, stellt sie eine Liste möglicher Kurkliniken bereit. Spätestens jetzt muss die Versorgung des Pflegebedürftigen organisiert werden. Er kann zum Beispiel über die Kurzzeitpflege oder über eine Ersatzpflege betreut werden. Manche Kurkliniken bieten an, den Pflegebedürftigen mit aufzunehmen. "Wir ermutigen Pflegende, möglichst alleine zu kommen, weil es ihnen sonst sehr schwer fällt loszulassen. Genau das ist aber wichtig", sagt Anne Schilling vom Müttergenesungswerk, das Kuren für pflegende Angehörige anbietet.

Was passiert mit den Pflegebedürftigen?
Kurzzeitpflege
Bei der Kurzzeitpflege zieht der Pflegebedürftige vorübergehend in ein Pflegeheim. Die Pflegeversicherung beteiligt sich ab Pflegegrad 2 mit bis zu 1612 Euro an den Kosten für die Pflege und Betreuung. Für Unterkunft und Verpflegung muss der Pflegebedürftige selbst aufkommen.
Ersatz- oder Verhinderungspflege
Ersatz- oder Verhinderungspflege heißt, dass der Pflegebedürftige zu Hause von einer anderen Pflegeperson versorgt wird. Das können Familienangehörige, Nachbarn, aber auch professionelle Pflegekräfte sein. Die Pflegeversicherung zahlt für eine Ersatzpflege bis zu 1612 Euro im Jahr. Kurzzeitpflege und Ersatz- und Verhinderungspflege lassen sich kombinieren.

Viele Pflegende verlassen für die Kur das erste Mal die Pflegesituation. Und sehen plötzlich: Es geht. Das macht Mut, andere Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Die Frage "Wie lässt sich die Pflege künftig so gestalten, dass sie mich weniger belastet" ist ein zentrales Thema der Kur.

"Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, immer dieses Gefühl, noch mehr tun zu müssen", sagt Silvia Raab. "Während der Kur habe ich verstanden: Diese ganze Aufopferung bringt nichts. Ich muss mich um mich selbst kümmern, sonst kann ich nicht auf Dauer pflegen."

Im Video: Die Alten-Republik

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
m.gu 16.11.2018
1. Ein kleiner Lichtblick für die Betroffenen, begrüßenswert und auch
menschlich. Doch was geschieht mit dem Pflegenden wenn es nicht mehr geht? Die letzte Station im Leben eines jeden Menschen ein Pflegeplatz im Heim und eine finanzielle Last für viele Familienangehörige bis zu 2 500 Euro im Monat. Wird das Pflegegeld und die teilweisen niedrigen Renten abgezogen zahlen die Angehörigen aus eigener Tasche immer noch ca. 500 - 1000 Euro im Monat dazu. In keinem westlichen Nachbarland werden die Pflegebedürftigen und die Angehörigen so bestraft wie in Deutschland. Beispiel s. Quelle: "Pflege in Österreich gesetzlich geregelt." Auszug Zitat: "Die Leistungen sind für alle Versicherten gleich, unabhängig vom Einkommen und Vermögen." Der Rentner zahlt dann 80% seiner Rente für den Pflegeplatz, 20% stehen ihm laut Gesetz an Taschengeld zu. Die Restbezahlung übernimmt der Staat aus Steuermittel, sozial gerecht und menschlich. Denn der Pflegende hat während seines Arbeitslebens seine Kraft zum Wohle des Volkes eingesetzt. Ähnliches gilt auch für die anderen westlichen Nachbarländer, nur in Deutschland ist heute so etwas nicht möglich. Warum?
hausfeen 16.11.2018
2. Ja, und bei der Pflege der Angehörigen ist genau die Krux.
Kurzzeitpflege ist erstens teuer, da kommen gern mal 2000 Euro zusammen und zweitens fehlt die Qualität, weswegen man ja schließlich man häusliche Pflege gewählt hat.
hexenbesen.65 19.11.2018
3.
Zitat von m.gumenschlich. Doch was geschieht mit dem Pflegenden wenn es nicht mehr geht? Die letzte Station im Leben eines jeden Menschen ein Pflegeplatz im Heim und eine finanzielle Last für viele Familienangehörige bis zu 2 500 Euro im Monat. Wird das Pflegegeld und die teilweisen niedrigen Renten abgezogen zahlen die Angehörigen aus eigener Tasche immer noch ca. 500 - 1000 Euro im Monat dazu. In keinem westlichen Nachbarland werden die Pflegebedürftigen und die Angehörigen so bestraft wie in Deutschland. Beispiel s. Quelle: "Pflege in Österreich gesetzlich geregelt." Auszug Zitat: "Die Leistungen sind für alle Versicherten gleich, unabhängig vom Einkommen und Vermögen." Der Rentner zahlt dann 80% seiner Rente für den Pflegeplatz, 20% stehen ihm laut Gesetz an Taschengeld zu. Die Restbezahlung übernimmt der Staat aus Steuermittel, sozial gerecht und menschlich. Denn der Pflegende hat während seines Arbeitslebens seine Kraft zum Wohle des Volkes eingesetzt. Ähnliches gilt auch für die anderen westlichen Nachbarländer, nur in Deutschland ist heute so etwas nicht möglich. Warum?
Stimmt so nicht ganz ! Bei uns war es der Fall. Es gibt Eigenbehalts-Grenzen, und die liegen schon recht hoch. Wir hätten, wenn es "worst-case" gewesen wäre, noch nicht mal 150 Euro bezahlt. (Meine Mutter hat meinen Vater gepflegt, Pflegestufe 3, zuhause. Dann ist er das letzte Vierteljahr in ein Heim gekommen. Bei 3 Kindern hätte jedes Kind zwischen 100 und 150 Euro zahlen sollen....wenn die Rente, Pflegegeld und Erspartes nicht gereicht hätte). Das Pflegeheim ist wirklich zu empfehlen, wir konnten Tag und Nacht dahin, konnten jederzeit mit den Pflegekräften sprechen usw. Da hätte ich gern die 150 Euro gezahlt, damit meine Mutter entlastet gewesen wäre. (Alle Kinder sind Vollzeit Berufstätig, haben selber Familie). Aber wir waren jeden Tag mehrere Stunden dort zu besuch. Eine Kur hätte meine Mutter NIE beantragt...sie hatte das Gefühl, meinen Vater im Stich zu lassen.Selbst nach seinem Tod hat sie eine Kur immer abgelehnt.... Noch heute hat sie Schwierigkeiten von der Pflege her (Kreuz noch mehr kaputt, Schlafstörungen usw..)
Max Brandt 05.12.2018
4. Respekt für Silvia Raab - Anerkennung vom Staat ist wichtig
Wenn jemand wie Silvia Raab eine solche Leistung bringt ist es richtig und wichtig, dass der Staat dies anerkennt! Das sind genau die Menschen die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Eine Kur wie im Artikel beschrieben und das von der CSU eingeführte Landespflegegeld gehen hier in die richtige Richtung. Es ist wünschenswert, dass man hier auch beim Rentenbezug später einen Faktor einbaut.
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