Streit um Pockenerreger "Die Viren werden mit Waffen bewacht"

Gefahr durch Bioterrorismus oder Lagerung für die Forschung? Die letzten Pockenviren sollten längst vernichtet werden. Doch Forscher debattieren über den Sinn der Aufbewahrung in zwei Hochsicherheitslabors.

Pockenviren unter dem Mikroskop
AP / CDC

Pockenviren unter dem Mikroskop


Die Aufregung im Sommer 2014 ist groß: Bei einem Umzug finden Wissenschaftler in einem Abstellraum der US-Gesundheitsbehörde NIH nahe der Hauptstadt Washington mehrere Reagenzgläser mit Pockenviren. Sie stammten wohl aus den Fünfzigerjahren und waren einfach vergessen worden - dabei gehören Pocken zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. Die Reagenzgläser seien sofort in Sicherheit gebracht worden und Menschen zu keiner Zeit in Gefahr gewesen, versicherte die US-Behörde für Infektionskrankheiten CDC (Centers for Disease Control and Prevention) damals rasch.

Aber Vorfälle wie dieser lassen bei vielen Menschen die Angst vor den Pocken wieder aufflammen. Zu den Frühsymptomen der Krankheit zählen hohes Fieber und Abgeschlagenheit. Danach entwickeln sich besonders an Gesicht, Armen und Beinen charakteristische Bläschen - gefüllt mit eitriger Flüssigkeit.

Zum letzten Mal war die Krankheit, die im 18. Jahrhundert alleine in Europa 60 Millionen Menschen das Leben kostete, 1977 in Somalia aufgetreten. Kurz darauf wurden die Pocken von der Weltgesundheitsorganisation WHO nach einem weltweiten Impfprogramm offiziell als ausgerottet erklärt. Ein Riesen-Erfolg.

Immer noch Virenbestände

Auch alle noch verbliebenen Restbestände von Pockenviren in Labors sollten vernichtet werden, wie die WHO bei ihrer 49. Jahresversammlung vor genau 20 Jahren (25. Mai 1996) beschloss. Als Frist wurde der Sommer 1999 angesetzt - doch auch mehr als 15 Jahre später lagern die letzten offiziellen Bestände weiter in einem US-amerikanischen und einem russischen Labor.

Die WHO hat Entscheidungen zu dem Thema immer wieder vertagt. Bei einem derzeit stattfindenden Treffen stehe es erneut auf der Tagesordnung, sagte ein WHO-Sprecher. Ob diesmal eine Entscheidung fallen wird, ist noch nicht abzusehen.

"Die Hauptursache dafür ist politisch", sagt David Evans, Mediziner an der Universität im kanadischen Alberta, der sich seit Jahren mit Pocken beschäftigt. Die zuständigen Politiker schwankten zwischen der Sorge vor Bio-Terrorismus und der Notwendigkeit der Forschung an den Viren. "In den USA liegt eine endgültige Entscheidung gerade ein bisschen auf Eis. Und in Russland ziehen sie einfach mit, sie werden ihre Bestände nicht zerstören, bevor die USA sie nicht zerstören, das ist eine Sache des Nationalstolzes."

"Mit Waffen bewacht"

Die Bestände seien sicher, behauptet Evans, der beide Labore mehrfach inspiziert hat. Die Viren lagern in der Nähe von Nowosibirsk in Russland und in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. "Die Viren werden unter anderem von Männern mit Waffen bewacht." Die Gefahr, dass die Erreger in die Hände von Terroristen kämen, sei extrem gering, sagt der Mediziner. "Heutzutage könnten Terroristen sie synthetisch nachbauen, das wäre viel einfacher als die Viren zu klauen."

Die Forschung an den Pocken könnte aber deutlich heruntergefahren, wenn nicht sogar ganz beendet werden, sagt Evans. "Wir haben gegen Pocken ein gutes Medikament, einige gute Impfstoffe und gute Diagnose-Möglichkeiten. Ich glaube nicht, dass die andauernde Forschung noch von Wert ist."

Und eine völlige Vernichtung der Viren? Das ginge zu weit, findet Evans. "Wir sollten sie da lassen, wo sie sind, wegsperren und überwachen. Wenn wir sie dann - aus was für einem Grund auch immer - doch noch einmal brauchen sollten, dann haben wir sie und müssen sie nicht extra synthetisch nachbauen."

Von Christina Horsten, dpa/joe

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hdudeck 24.05.2016
1. Ich vermisse hier den Aufschrei der Umweltaktivisten,
handelt es sich doch hierbei um eine bedrohte Species! Die Natur hat viele Millionen Jahre gebraucht, diese zu entwickeln und dann kommt der Mensch und rottet sie in wenigen Jahrzehnten einfach aus. Sowas gehoert ins Museum und sollte allen Menschen zugaenglich sein! Aber mal ehrlich, kommt es einen nicht komisch vor, das nur die grossen Zwei diese noch verwahren? Ein Schelm, der boeses dabei denkt!
quark2@mailinator.com 24.05.2016
2.
Es dauert eh nicht mehr lange, bis synthetische Viren gefährlicher sind als alles, was die Natur hervorbrachte. So wie Drohnen und Softwareviren wird man es in Zukunft vermutlich für OK halten, Viren zu produzieren, die präzise genau einen Menschen umbringen (oder halt seine Leistungsfähigkeit dauerhaft herabsetzen) ... vielleicht wird das ja schon gemacht. Obama hat mit seinem Mist die Grenze zwischen Krieg und Frieden aufgebrochen und das bekommt man so schnell nicht rückgängig gemacht. Schöne neue Welt. Wir haben ein politisches und wirtschaftliches System von vor 500 Jahren, welches zunehmend nicht mehr in der Lage ist, den wissenschaftlichen Fortschritt zu kontrollieren. Künstliche Intelligenz ist da auch so ein Riesenproblem. Das Dumme ist halt, daß die Masse der Leute keine brauchbare Intuition dafür hat, was wirklich gefährlich ist. Siehe Angst davor, Opfer eines Anschlags zu werden, statt auf sein Essen aufzupassen ...
doubledutch 24.05.2016
3. @ quark2 : ??
Wie sinnvoll es ist, Viren die eine Gefahr darstellen könnten, aufzuheben war eigentlich das Thema. Beim lesen Ihres Kommentares frage ich mich, woher Sie Ihr Wissen herholen. Auch die Bemerkung "Obama hat mit seinem ganzen Mist.." ist sehr unreflektiert, wenn man an die Politik seine Vorgänger denk, wenn nicht gar völlig aus der Luft gegriffen. Auch ihre Sicht auf Politik und Wirtschaft entspricht nicht den Tatsachen. Sicherlich gibt es ungleichgewicht in Reich und Arm, nur politisch gibt es Grundlegende Unterschiede zwischen dem System von Herren und Hörigen von damals und dem weitläufigen System der Demokratie von heute. Vielleicht auch nicht perfekt, aber faktisch ganz anders. Kurzum – bevor Sie also unfundierte Belehrungen betreiben, entweder bitte Fakten mit Quellenangaben nennen oder einfach mal nicht nur Stimmungsmache betreiben sondern sich zum Thema äussern. Man will wirklich nicht überall diese unreflektierten Gedanken lesen. Danke. MfG, Joey
calinda.b 24.05.2016
4.
Hoffentlich nicht bloss von 2 pensionierten Polizeibeamten im 3. Job. Da müssen autistische Psychopathen ran (in der Armee keine Mangelware), die keine Sekunde unaufmerksam sind. PS. Hoffentlich bewachen sie die Nuklearabfälle genau so drastisch, denn gegen eine schmutzige Bombe ist kein Kraut gewachsen. PPS. Es ist ja bloss noch für 184000 Jahre.
Newspeak 24.05.2016
5. ...
"In den USA liegt eine endgültige Entscheidung gerade ein bisschen auf Eis. Und in Russland ziehen sie einfach mit, sie werden ihre Bestände nicht zerstören, bevor die USA sie nicht zerstören, das ist eine Sache des Nationalstolzes." Und man sollte dazusagen, daß die Russen Pocken als strategische Waffe sahen, waffenfähig gemacht, im Tonnenmaßstab (!) produziert und für den Einsatz auf Interkontinentalraketen vorgesehen haben, bis weit in die 90er Jahre hinein und vermutlich noch heute. Während nämlich die "zivilen" Biowaffeneinrichtungen tatsächlich aufgelöst wurden oder heute etwas anderes machen, weiß man praktisch nichts über die militärvirologischen Institute. Die Bestände seien sicher, behauptet Evans, der beide Labore mehrfach inspiziert hat. Die Viren lagern in der Nähe von Nowosibirsk in Russland und in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. "Die Viren werden unter anderem von Männern mit Waffen bewacht." Hoffentlich gutbezahlte Männer mit Waffen. Sonst wüsste ich als Terrorist, zumal mit Beziehungen zum stinkreichen saudischen Königshaus, was ich täte. Nebenbei. Das "Viren synthetisch herstellen" wurde erfolgreich gezeigt. An Polio. Einem der einfachsten Viren, die es gibt. Pocken sind mit bei den komplexesten Viren, die es gibt. Ich glaube, da sollte jemand noch mal Biologie lernen.
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