Medizin-Innovation Zur Krebsdiagnose reicht ein Blutstropfen

Krebszellen schnell und direkt im Blut nachweisen? Das verspricht eine neue Methode namens Liquid Biopsy. Sie könnte Diagnose und Therapie revolutionieren.
Proben: Krebs-Erbgut lässt sich im Blut aufspüren

Proben: Krebs-Erbgut lässt sich im Blut aufspüren

Foto: DPA

Zeige mir dein Blut, und ich sage dir, ob du Krebs hast. Das ist eines der großen Versprechen einer neuen Diagnosemethode, deren enormes Potenzial seit einigen Monaten unter Krebsmedizinern für Aufsehen sorgt. Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie) heißt die Technik. Sie ermöglicht es, winzige Abschnitte des mutierten Erbmaterials von Krebszellen im Blut nachzuweisen.

Es gibt eine einfache Erklärung dafür, warum solche DNA-Fragmente zirkulieren: "Bei einem wachsenden Tumor sterben immer auch Zellen ab und gelangen ins Blut, besonders dann, wenn er eigene Blutgefäße ausbildet oder bereits solche hat", sagt Ulrich Keilholz, Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center in Berlin. "Es finden sich bei den meisten Krebsarten sogar einzelne intakte Tumorzellen im Blut."

Bekannt ist das zwar schon lange, und auch die Anfänge der Liquid Biopsy reichen in die Neunzigerjahre zurück. Aber erst moderne Analyseverfahren, die deutlich leistungsfähiger geworden sind, zeigen jetzt, wie weit Liquid Biopsy die Krebsmedizin voranbringen kann.

Statt Gewebe nur Blut entnehmen

Bislang profiliert sich das Verfahren vor allem bei der genaueren Diagnostik von Tumoren, von denen die Ärzte bereits wissen. "Bei manchen Lungenkrebsarten liegt der Tumor so, dass man nicht gefahrlos mit einer Nadel dorthin gelangen und eine Probe entnehmen kann", sagt Klaus Pantel, Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Pionier auf dem Gebiet der Liquid Biopsy.

Solche Proben werden jedoch immer wichtiger, weil sich dadurch das Tumorgenom analysieren lässt. Es liefert wichtige Informationen für die individuell besten Behandlungsmöglichkeiten. Immer mehr Medikamente greifen den Tumor anhand seines genetischen Profils an: Das erlaubt eine wirksamere Therapie mit weniger Nebenwirkungen.

Die Diagnose per Liquid Biopsy ist so zuverlässig, dass bereits erste Tests auf dem Markt sind. So erhielt das deutsche Biotechnologie-Unternehmen Qiagen gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca weltweit die erste Zulassung für einen Bluttest, bei dem zirkulierende Tumor-DNA von Menschen mit Lungenkrebs auf bestimmte Mutationen hin untersucht wird. Die im Test untersuchten Erbgutveränderungen sind Ansatzpunkt eines Medikaments von AstraZeneca. Laut Qiagen sind zahlreiche weitere Tests per Liquid Biopsy für Krebstherapeutika in der Entwicklung.

In Zukunft könnte die Methode auch helfen, den Therapieverlauf zu kontrollieren. "Man kann einen Patienten nicht alle paar Tage mit einer Nadel stechen, um Proben aus Tumorgewebe zu entnehmen. Das ist bei vielen Tumorarten aus vielerlei Gründen zu risikoreich", sagt Keilholz. Anhand der Menge der Zellen und der DNA im Blut und ihrer Veränderung könne man aber womöglich sagen, ob und wie eine Therapie anschlägt. "Dadurch können wir Gründe für Therapieresistenz schnell erkennen und manchem Patienten wertvolle Zeit bringen", erklärt Keilholz.

Früher entdecken, besser behandeln

Und dann gibt es noch die große Vision eines Krebsscreenings: Ein Bluttest, den jeder ab einem gewissen Alter machen kann und der alle wichtigen Tumorarten beinhaltet. Wer Lungenkrebs oder Brustkrebs hat, erführe so frühzeitig davon und hätte dadurch deutlich bessere Heilungschancen.

In der Praxis seien aber wesentliche Hürden zu nehmen, bevor solche Tests sinnvoll eingesetzt werden können, sagt Pantel vom UKE: "Je älter wir werden, desto mehr Mutationen entwickeln wir alle in unseren Zellen. Die allermeisten aber sind harmlos und führen nicht zu Krebs, selbst wenn sie auch auf Tumorzellen zu finden sind." Dementsprechend oft würde es bei solchen Tests falsche positive Ergebnisse geben. Das heißt, es finden sich Hinweise auf Krebs, obwohl alles in Ordnung ist. Umgekehrt seien die Spuren im Blut bei manchen Tumorarten so gering, dass man sie nicht nachweisen könne.

Trotz solcher Hürden dürfte Liquid Biopsy auch in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt werden. Bereits heute gibt es einen Bluttest für Schwangere, bei dem anhand von im Blut der Mutter zirkulierender DNA-Fragmente des ungeborenen Kindes Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 diagnostiziert werden können.

Und von immer mehr Leiden werden die genetischen Ursachen zunehmend besser verstanden. Das wird neue Anwendungsfelder für Liquid Biopsy eröffnen - die immensen Fortschritte in der Genetik können auch Fortschritte in der Liquid Biopsy sein.

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Foto: Christian Heinrich

Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.Homepage Christian Heinrich