Lymphödem Die Krankheit nach dem Krebs

Eine Krebstherapie kann ein Lymphödem auslösen, bei dem sich große Mengen Flüssigkeit in Armen oder Beinen sammeln. Es muss schnell behandelt werden, sonst drohen unumkehrbare Schäden.
Lymphdrainage: Wichtiger Bestandteil der Therapie eines Lymphödems

Lymphdrainage: Wichtiger Bestandteil der Therapie eines Lymphödems

Foto: TMN

Die Operation ist überstanden, in den Nachsorgeuntersuchungen wurden keine neuen Krebszellen gefunden. Doch dann wird der Arm auf der Seite der betroffenen Brust schwer und schwillt langsam an. Typische Symptome für ein sekundäres Lymphödem.

Das ist eine krankhafte Veränderung, bei der sich Lymphflüssigkeit im Gewebe und in den Gewebezwischenräumen anstaut, weil der Lymphabfluss gestört ist", sagt Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes beim Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das erworbene (sekundäre) Lymphödem tritt deutlich häufiger auf als das angeborene (primäre) Lymphödem, bei dem die Lymphabflusswege nicht richtig angelegt sind. Wichtigste Ursache sind Weg-Remers zufolge Krebserkrankungen und -behandlungen.

Operationen, bei denen Lymphknoten und angrenzendes Gewebe entfernt werden, Strahlentherapie oder Lymphknotenmetastasen können Abflusswege zerstören. Am häufigsten treten Lymphödeme an den Gliedmaßen auf: nach Brustkrebsoperationen typischerweise am Arm, nach Operationen am Unterleib, etwa bei Prostata- oder Gebärmutterkrebs, an den Beinen.

20 bis 30 Prozent der Brustkrebspatientinnen betroffen

Etwa zwei bis drei von zehn Brustkrebspatientinnen sind von sekundären Lymphödemen betroffen, erklärt Weg-Remers. Weil zunehmend schonender operiert werde, sei die Fallzahl bei Krebspatienten aber insgesamt rückläufig, sagt Oliver Rick, Sprecher der Arbeitsgruppe Onkologische Rehabilitation der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).

Schwere, Spannungsgefühl, Schmerzen und eine beginnende Schwellung können die ersten Symptome eines Lymphödems sein. Sie treten meist erst Wochen oder Monate nach einer Krebsoperation auf. "Das kann auch nach 15 oder 20 Jahren noch passieren", erklärt Rick. Das Tückische: Hat sich erst einmal ein Lymphödem gebildet, geht es nicht von allein wieder weg, sondern verschlimmert sich stetig.

Bei Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe produziert der Körper sogenanntes Proteoglykan. Es kann sehr viel Flüssigkeit aufzunehmen. Sammelt sich durch den gestörten Lymphabfluss aber immer mehr an, kehrt sich der eigentlich positive Regulierungseffekt ins Negative um, erklärt Manuel E. Cornely, Chefarzt der CG Lympha Praxisklinik für Operative Lymphologie in Köln. "Das Proteoglykan lagert sich als schwammartige Masse ab." Gleichzeitig werde immer mehr davon gebildet.

Ohne Behandlung gibt es irreversible Schäden

Wird das Lymphödem nicht behandelt, nimmt der betroffene Körperteil an Umfang zu, das Gewebe verändert sich. Die Schwellung, die sich anfangs noch eindrücken und verschieben lässt, wird hart. "Das ist dann ein Stadium, das mit den verfügbaren Therapien schwer oder gar nicht mehr zu beseitigen ist", so Rick.

Die Beeinträchtigungen, die sich im Zuge dessen ergeben können, sind nicht nur optisch und psychisch massiv. Arm oder Bein können ihre Beweglichkeit verlieren, Betroffene werden eventuell berufsunfähig oder sind auf Pflege angewiesen. Erste Anzeichen eines sekundären Lymphödems sollte daher ein Arzt untersuchen.

Betroffene benötigen eine sogenannte komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE). "Das ist ein umfassendes Therapieprogramm aus mehreren Komponenten", sagt Rick. Zum einen ist das eine manuelle Lymphdrainage, zum anderen die Kompressionsbehandlung mit Bandagen und Kompressionsstrümpfen. So sollen die gestaute eiweißreiche Flüssigkeit abgeleitet und Gewebsveränderungen verhindert werden.

In der ersten Entstauungsphase, die etwa vier bis sechs Wochen dauert, muss die Lymphdrainage in hoher Frequenz erfolgen, oft sogar täglich. Das Anlegen von Kompressionsbandagen im Anschluss verhindert, dass sich erneut ein Ödem bilden kann. Ärzte, Therapeuten und das Sanitätshaus, das die Kompressionsbekleidung anfertigt, müssen dabei eng zusammenarbeiten.

"Ein gut funktionierendes Netzwerk ist Voraussetzung, dass die Behandlung auch ambulant gut laufen kann", sagt Rick. Ist dies nicht gegeben oder kommt es trotzdem zu Verschlechterungen, rät der Mediziner dazu, die Behandlungen stationär durchzuführen.

Lebenslanges Tragen von Kompressionsbekleidung

Ein sekundäres Lymphödem verlangt in der Regel eine dauerhafte Therapie. "Das bedeutet ein lebenslanges Tragen der Kompressionsbestrumpfung, manchmal ergänzt durch eine Erhaltungslymphdrainage", sagt Rick. "Wenn man die Therapievorgaben nicht beachtet, kann man schnell an den Punkt kommen, ab dem die Schädigungen irreversibel sind."

Operationen, die versuchen, den unterbrochenen Lymphabfluss durch einen Bypass ähnlich wie bei Herz-OPs wiederherzustellen, sind kompliziert. Die Lymphgefäße sind so fein wie ein Haar, und wenn sich das Gewebe schon verändert hat, helfen Operationen nicht, erklärt Cornely.

Eine mögliche Alternative ist das Absaugen des Proteoglykan-Gewebes. "Wir können dem Kreislauf der vermehrten Flüssigkeitsansammlung entgegenwirken und damit die notwendigen Lymphdrainagen und Kompressionsbehandlungen deutlich reduzieren", erklärt Cornely. Patienten, die sich dafür entscheiden, müssen die Kosten allerdings selbst tragen. Und: "Die wissenschaftliche Datenlage zur Wirksamkeit operativer Verfahren ist bisher dünn", sagt Weg-Remers.

Claudia Urban, dpa