Mythos oder Medizin Macht stickige Luft müde?

Viele Menschen auf engstem Raum, die Heizung bollert - kein Wunder, wenn es irgendwann stickig wird. Also Fenster auf, Sauerstoff rein. Aber bringt man das Hirn so wirklich auf Touren?
Im Delirium: Schadet Sauerstoffmangel der Konzentration?

Im Delirium: Schadet Sauerstoffmangel der Konzentration?

Foto: Corbis

Fast niemand mag sie, aber alle sitzen irgendwann drin: Besprechungszimmer und Klassenräume gehören zu den unbeliebteren Orten des Alltags. Das liegt nicht selten an den teils einschläfernden Vorträgen, die dort zu hören sind. Gähnt der Erste, wird das aber gern auf etwas anderes geschoben: den Sauerstoffmangel. Zu Recht?

Fest steht, dass ohne Sauerstoff in unserem Körper gar nichts läuft. Er ist der Treibstoff, mit dem Zellen aus Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen Energie gewinnen. Das Gehirn ist besonders auf Sauerstoff angewiesen. Obwohl es nur etwa zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, braucht es 20 Prozent der Energie. Bekommt es keinen Sauerstoff, werden wir bereits nach etwa zwölf Sekunden bewusstlos, nach drei bis sechs Minuten sterben die ersten Nervenzellen ab.

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Dass eine deutlich verringerte Sauerstoffzufuhr dem Organismus zusetzt, kennt man auch vom Wandern in hohen Bergen. Mit jedem Schritt wird die Luft dünner. "Auf 1000 Metern merkt man davon noch nichts", erklärt Joachim Ficker, Pneumologe und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Klinikum Nürnberg. "Auf richtig großer Höhe, so ab 4000 Metern, kann sich der Sauerstoffmangel dann aber schon auf die Konzentration auswirken."

Vier Stunden bis zum Delirium

Direkt auf den Mief im Büro lässt sich das allerdings nicht übertragen: "In geschlossenen Räumen spielt der sinkende Sauerstoffgehalt keine Rolle", so der Experte. Trotzdem sind nicht nur langweilige Vorträge an der Müdigkeit schuld. Statt eines Sauerstoffmangels erschwert der steigende Kohlendioxid-Gehalt das Denken. Das liegt am unterschiedlichen Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Luft, die wir ein- und ausatmen.

Frische Luft enthält etwa 21 Prozent Sauerstoff, aber nur 0,04 Prozent Kohlendioxid (CO2). Dagegen atmen wir Luft mit 16 Prozent Sauerstoff, aber schon 4 Prozent Kohlendioxid aus. Der Sauerstoffgehalt der Atemluft wird zwischen Ein- und Ausatmen also nicht mal halbiert, während sich der CO2-Anteil verhundertfacht.

Nun kann man ausrechnen, was das für die Luft im Büro bedeutet: In einem 30 Quadratmeter großen Raum (Deckenhöhe 2,50 Meter), in dem zehn Menschen sitzen, findet man nach einer Stunde grob überschlagen 20,7 Prozent Sauerstoff. Der Kohlendioxidgehalt ist bis dahin auf 0,3 Prozent gestiegen, wenn jeder acht Liter Luft pro Minute ein- und ausatmet.

Zum Vergleich: Bis zu einem Gehalt von 18 Prozent gilt die Sauerstoffkonzentration als unproblematisch, ein CO2-Gehalt von einem Prozent kann dagegen schon Kopfschmerzen und Unwohlsein verursachen. In unserem Beispiel wäre diese Grenze nach etwa vier Stunden überschritten. Der Sauerstoffgehalt läge dann immer noch bei 19,7 Prozent.

Teufelskreis mit CO2

"Ab welcher Menge sich Kohlendioxid genau auf das Wohlbefinden auswirkt, ist individuell unterschiedlich", sagt Ficker. "Sobald es so weit ist, wird man müde, schläft bei höheren Konzentrationen ein und fällt irgendwann sogar ins Koma." Steigt der CO2-Gehalt im Blut, erweitern sich die Blutgefäße, um möglichst viel Sauerstoff abzubekommen. Der Blutdruck sinkt, auch dadurch fühlen wir uns schlapp.

Außerdem kommt im muffigen Raum ein Mechanismus in die Quere, der eigentlich sicherstellen soll, dass wir Kohlendioxid loswerden: Steigt der CO2-Gehalt im Blut, atmen wir schneller und tiefer. "In einem Raum, in dem sich bereits viel Kohlendioxid angesammelt hat, kann das kontraproduktiv sein", erklärt Hubert Hautmann, Leiter der Abteilung für Lungenerkrankungen am Klinikum rechts der Isar. Statt Kohlendioxid abzuatmen, gelangt mit jedem Atemzug mehr CO2 in den Körper.

Macht zu viel Sauerstoff müde?

Während im Büro oder Klassenzimmer meist die Rede davon ist, dass stickige Luft müde macht, hört man nach einem Tag im Freien gerne den umgekehrten Rat: "Frische Luft macht müde", heißt es dann. Da kann irgendwas nicht stimmen. "In diesem Fall entsteht die Müdigkeit durch die Anstrengung", erklärt Ficker. Wer sich einen Tag auf der Piste oder dem Fahrrad verausgabt hat, braucht Erholung. "Mit der frischen Luft hat das nichts zu tun."

Hintern hoch, frische Luft rein

"Es muss aber nicht zwingend der CO2-Gehalt sein, der uns am Schreibtisch müde macht", erklärt Ficker. Langes Rumsitzen im Büro trage beispielsweise auch dazu bei. Bewegung könne munter machen. Zudem wirken sich Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit auf das Wohlbefinden aus.

Ist die Luft zu warm und zu trocken (optimal sind 20 bis 23 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent), verliert der Körper viel Flüssigkeit über Haut und Atem. Dadurch wird das Gehirn schlechter durchblutet, bekommt weniger Sauerstoff - und wir werden müde.

Somit hat die Fenster-auf-Methode gleich mehrere Vorteile: Der Kohlendioxidgehalt in der Luft sinkt, wir bewegen uns zumindest kurz, um zum Fenster zu laufen, und tauschen im Winter warme, trockene Heizungsluft gegen eine erfrischende Brise.

Fazit: Mit einem etwas verringerten Sauerstoffgehalt in der Luft kommt der Körper gut zurecht. Lüften ist dennoch sinnvoll, um Kohlendioxid loszuwerden, sich kurz zu bewegen und kühle Luft reinzulassen; und es geht leichter, als den langweiligen Vorträgen vom Chef zu entfliehen.

Zur Autorin

Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.

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