Mythos oder Medizin Leiden Männer stärker unter Erkältungen?

Erkälteten Männern geht es furchtbar schlecht - und das lassen sie auch gern ihr Umfeld wissen. Haben sie es mit laufender Nase tatsächlich schwerer als Frauen?

Wird das Bett zur Bühne, liegt wahrscheinlich ein Mann darin. Bösartige Erkältungsviren haben die Zellen seiner Schleimhäute befallen. Die Nase läuft, das Atmen fällt schwer und aus dem Mund erklingt Gejammer. Man möge doch bitte noch ein Päckchen Taschentücher herbeischaffen - und nein, bloß nicht den Fernseher ausschalten, es läuft Fußball!

Männerschnupfen ist zur gängigen Diagnose für stark unter einer Erkältung leidende Herren geworden. Die Satireseite "Der Postillon" vermeldete bereits die Eröffnung der ersten Intensivstation für verschnupfte Männer. Frauen nutzen den Begriff vor allem, um sich über ihre wehklagenden Partner lustig zu machen. Die Betroffenen sind dagegen sicher: Erkältungen setzen ihnen nun mal besonders zu.

Spielen sie nur Theater oder geht es ihnen wirklich dreckig? Allein anhand der subjektiven Beschreibungen lässt sich das kaum beurteilen. Wie gut der Körper mit Infekten fertig wird, verrät aber das Immunsystem.

Und da gibt es tatsächlich Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

"Viele Infektionskrankheiten treffen Männer häufiger und schwerer als Frauen", sagt Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg. So sind beispielsweise durch Pneumokokken verursachte Lungenentzündungen bei ihnen häufiger. Auch erkranken sie öfter an Malaria, die durch Parasiten verursacht wird.

Verantwortlich dafür ist eine grundsätzlich unterschiedliche Einstellung des Immunsystems von Männern und Frauen: "Die Körperabwehr der Männer verhält sich eher tolerant gegenüber Viren, Bakterien und Parasiten", erklärt Altfeld. Das weibliche Immunsystem reagiere dagegen schnell und heftig, wenn Keime im Körper sind. "Es versucht, kurzen Prozess mit den Erregern zu machen."

Das zeigt sich auch an der Reaktion auf Impfungen. 2008 spritzten Wissenschaftler  640 Frauen und Männern unterschiedlich dosierte Grippeimpfungen. Das Immunsystem der Frauen bildete dabei bei der gleichen Menge Virenproteine doppelt so viele Antikörper. Forscher diskutieren deshalb sogar, ob Frauen künftig nur noch mit der halben Dosis geimpft werden sollten.

Auch auf Erkältungsviren reagiert die weibliche Abwehr stärker. Zumindest deutet das ein Experiment an . Im Reagenzglas vereinten Forscher dabei Immunzellen aus dem Blut von gut 60 Frauen und Männern mit Erkältungsviren. Die weiblichen Zellen produzierten daraufhin deutlich mehr Immunproteine. Im lebenden Organismus animieren sie das Immunsystem zum gezielten Schlag gegen die Erreger.

Es ist nicht so, wie es aussieht

Das könnte man leicht als Beleg dafür sehen, dass es erkältete Männer tatsächlich schwerer haben. Schließlich kann sich ihre Abwehr nicht so gut wehren. Doch so einfach ist es nicht. "Das Immunsystem funktioniert dann am besten, wenn es eine gute Balance zwischen Angriff und Toleranz findet", erklärt Altfeld. So kann auch eine starke Immunreaktion dazu führen, dass man sich elend fühlt.

Nach Grippeimpfungen  klagen Frauen beispielsweise häufiger als Männer über Niedergeschlagenheit oder Kopfschmerzen. Ähnlich wie Fieber oder Entzündungen entstehen diese Beschwerden nicht allein, weil Krankheitserreger (oder Impfstoffe) in den Körper gelangen, sondern durch die Reaktion des Immunsystems auf diese. Die Beschwerden sind sozusagen die Nebenwirkungen der gesunden Immunabwehr.

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Geht man davon aus, dass das Immunsystem der Frauen nicht nur im Labor sehr heftig auf Erkältungsviren reagiert, wäre sogar denkbar, dass sie stärker unter einer Erkältung leiden als Männer. Allerdings ist auch das nicht belegt. Eine Studie , in der die Erkältungssymptome von 76 Paaren erfasst wurden, ergab, dass Männer und Frauen an Erkältungen gleich häufig, gleich lang und gleich stark erkranken.

Jammern erlaubt

Die Untersuchung ist nicht das einzige Indiz dafür, dass das Erkältungsleiden zwischen Männern und Frauen gerecht verteilt ist. Forscher gehen davon aus, dass das tendenziell eher angriffslustige Immunsystem der Frauen gegenüber vielen Erregern ihrem Nachwuchs dient und sich deshalb im Zuge der Evolution durchgesetzt hat. Demnach gibt es allerdings keinen Grund, warum Frauen besser mit Erkältungsviren fertig werden sollten als Männer.

"Während einer Schwangerschaft schützt die reaktionsfreudige Abwehr das ungeborene Kind vor Infektionen", sagt Altfeld. Dazu passt, dass Frauen vor allem vor jenen Erregern besser geschützt sind, die dem Ungeborenen gefährlich werden können. Im vergangenen Jahr argumentierten Forscher sogar , dass manche Erreger freundlicher zu Frauen sind, weil sie, wenn ihr weiblicher Wirt länger lebt, auch dessen Nachwuchs befallen können.

Bei Erkältungsviren ist das allerdings nicht der Fall. Die Mutter kann weder den Embryo im Mutterleib noch ihr Neugeborenes über das Stillen mit einer Erkältung anstecken. Auch sie selbst wird durch die Infektion nicht so stark geschwächt, dass ihr Gesundheitszustand dem Kind schaden könnte. Eine bessere Abwehr von Erkältungsviren hätte demnach keinen Vorteil für den Nachwuchs.

Ein Beleg und eine plausible Erklärung, warum Männer stärker unter einer Erkältung leiden sollten als Frauen, fehlt also. Trotzdem gibt es eine gute Nachricht - und zwar für beide Geschlechter: Jammern ist weiterhin erlaubt. Es kann sogar sinnvoll sein, wenn man anschließend liebevoll umsorgt wird. Denn Zuwendung und Ansprache befördern den Placeboeffekt: Auch wenn die Erkältung dadurch nicht schneller abklingt, ist sie doch ein kleines bisschen besser zu ertragen.

FAZIT: Viele Infektionskrankheiten treffen Männer härter als Frauen. Bei Erkältungen ist das allerdings nicht nachgewiesen und eher unwahrscheinlich. Ein bisschen Jammern kann trotzdem nicht schaden, denn die dadurch in Gang gebrachte Krankenpflege steigert das Wohlbefinden.

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Mythos oder Medizin: Welche Gesundheitstipps stimmen wirklich?

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