Brustkrebs-Screening Forscher fordern Neubewertung der Mammografie

Um Brustkrebs früh zu erkennen, unterziehen sich Millionen Frauen jährlich einer Mammografie. Dabei ist der Nutzen des Screeningprogramms umstritten. Im SPIEGEL fordern jetzt Mediziner, endlich fair über die Risiken aufzuklären.
Patientin bei Untersuchung der Brust: Aufklärung über Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs in der Kritik

Patientin bei Untersuchung der Brust: Aufklärung über Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs in der Kritik

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Die regelmäßige Untersuchung der Brust, der sich in Deutschland jährlich 2,7 Millionen Frauen unterziehen, stößt unter Wissenschaftlern zunehmend auf Ablehnung. So geht der dänische Medizinforscher der angesehenen Cochrane Collaboration Peter Gøtzsche davon aus, dass eine von 200 Frauen, die über zehn Jahre hinweg regelmäßig zur Mammografie gehen, unnötigerweise die Diagnose Brustkrebs erhält, anschließend operiert und häufig strahlenbehandelt wird. (Lesen Sie mehr zum Thema hier im aktuellen SPIEGEL).

2002 gewährte der Bundestag allen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren einen Anspruch auf eine regelmäßige Röntgenuntersuchung der Brust. Gemeinsam mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt war der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach an der Einführung des Mammografieprogramms beteiligt.

Lauterbach räumt gegenüber dem SPIEGEL inzwischen ein: "Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz eher gegen das Screening." Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten. Auch Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, sagt: "Dass man nach zwölf Jahren sagt, wir schauen uns das Mammografie-Screening noch mal genau an und bewerten es neu, ist sicher vernünftig."

In Deutschland erhalten Frauen der betreffenden Altersgruppe bisher regelmäßig ein Merkblatt der "Kooperationsgemeinschaft Mammographie"  und des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), das für die Teilnahme am Screening wirbt. Dieses Merkblatt stößt auf massive Kritik, weil darin der Nutzen der Mammografie völlig übertrieben werde. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, sagt: "Es schweigt sich darüber aus, dass die Gesamtsterblichkeit in der Screening-Gruppe gleich hoch ist wie in der Nicht-Screening-Gruppe. Durch Mammografie wird überhaupt kein Leben gerettet." Das Merkblatt werde "derzeit überarbeitet", heißt es inzwischen beim G-BA.

Eine Umfrage der Barmer GEK und der Bertelsmann-Stiftung hatte im Februar gezeigt, dass offenbar jede zweite Frau falsch oder unzureichend über das Screening-Programm informiert ist. 30 Prozent der Befragten glaubten demnach, dass eine Mammografie vor Brustkrebs schützt. Ein Fehler, der immer wieder gemacht wird: Das Screening ist eine Methode zur Früherkennung von Krebs, es kann die Entstehung von Tumoren jedoch nicht verhindern.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), fordert, die Frauen endlich fair über Nutzen und Risiken aufzuklären. "Wenn dann am Ende nur noch die Hälfte zur Mammografie geht, wäre das im Sinne einer freien, informierten Entscheidung in Ordnung." Bisher nehmen rund 54 Prozent aller eingeladenen Frauen am Screening teil. Die Krankenkassen geben für die umstrittenen Untersuchungen 220 Millionen Euro im Jahr aus.