Tonsillektomie Wann müssen die Mandeln raus?

Eine Mandeloperation ist äußerst schmerzhaft. Außerdem können heftige Nachblutungen auftreten. Wegen der hohen Komplikationsrate wird der Eingriff seltener vorgenommen. Doch manchmal lässt er sich nicht vermeiden.

HNO-Untersuchung: Wiederholt sich eine Mandelentzündung stetig, müssen die Mandeln entfernt werden
Corbis

HNO-Untersuchung: Wiederholt sich eine Mandelentzündung stetig, müssen die Mandeln entfernt werden


Die Mandeln bilden mit der Nasenschleimhaut die erste Verteidigungslinie des Körpers. Werden sie aber von Krankheitserregern überrannt, zum Beispiel weil die Nasenatmung durch große Rachenmandeln oder eine Nasenscheidenwandverbiegung behindert ist, können sich die Gaumenmandeln entzünden.

Beim sechsjährigen Niels ist das nun schon zum dritten Mal innerhalb weniger Monate der Fall: Der Hals schmerzt, er hat über 39 Grad Fieber und es haben sich Eiterstippchen auf den Gaumenmandeln gebildet. "Früher hätte man sofort operiert", sagt Klaus Stelter, geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde des Klinikums Großhadern. "Heute ist man insbesondere bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen, bei der Entscheidung für einen Eingriff sehr viel zurückhaltender."

Allerdings gibt es in Deutschland regional große Unterschiede, wie häufig der Eingriff bei Kindern durchgeführt wird. Während beispielsweise im Jahr 2010 in Berlin etwa 29 von 10.000 Kindern im Alter bis zu 19 Jahren ihre Gaumenmandeln entfernt wurden, waren es im Saarland 105 von 10.000 - und damit fast viermal so viele, berichtete kürzlich der "Faktencheck Gesundheit".

Tool
Komplikationen erst Tage nach der OP

Die Zurückhaltung in Sachen Mandel-OP hat verschiedene Gründe. Einer davon ist die Komplikationsrate nach dem Eingriff, den Mediziner als Tonsillektomie bezeichnen.

Eine US-Studie kam bei der Analyse der Daten von mehr als 36.000 ambulant operierten Patienten zu dem Ergebnis, dass jeder Fünfte in den zwei Wochen nach der OP Komplikationen erlebte, wegen denen er noch einmal einen Arzt aufsuchen musste. Dazu zählten allerdings auch Schmerzen beim Schlucken, die häufigste Beschwerde. "Grundsätzlich sind diese Zahlen jedoch auch für Deutschland gültig", sagt Stelter. Ebenso für Österreich.

Gefürchtet sind Nachblutungen, die in etwa sechs Prozent der Fälle in unterschiedlicher Stärke auftreten. Mitunter machen sie einen Eingriff erforderlich. Bei Schmierblutungen reicht es dagegen, wenn sich der Patient etwas Eis in den Nacken legt. Die meisten dieser Ereignisse treten am ersten oder zwischen dem fünften und siebten Tag nach der Operation auf. "In Deutschland werden die Mandeln deshalb in aller Regel stationär herausoperiert."

Unzureichende Schmerztherapie bei der Nachbehandlung

Ein zweiter möglicher Grund, warum heutzutage seltener operiert wird: Die Mandeloperation ist ein sehr schmerzhafter Eingriff. Da ist auch die Aussicht, große Mengen Eis essen zu dürfen, wenig tröstlich. Die Schmerzen haben laut Stelter zur Folge, dass die Frischoperierten nicht trinken können, deshalb austrocknen und Kreislaufprobleme und damit Komplikationen bekommen. Essen ist natürlich noch schmerzhafter, weshalb viele lieber hungern. "Durch das Essen lösen sich jedoch die Wundbeläge ab, was für die postoperative Wundheilung sehr wichtig ist", sagt der Münchner HNO-Arzt. Umso bedauerlicher ist es, dass die Schmerztherapie aus Unwissenheit oftmals unzureichend ist, wie Stelter bemängelt.

Heute gilt, dass die Mandeln erst entfernt werden, wenn bei Kindern fünf oder mehr Mandelentzündungen pro Jahr innerhalb von zwei Jahren beziehungsweise sieben oder mehr Mandelentzündungen innerhalb eines Jahres auftreten. Ursache für häufige Entzündungen sind oft kleine Entzündungsherde im Mandelgewebe, die Antibiotika nicht erreichen können. Bakterien und Botenstoffe gelangen dann ins Blut. Das kann gefährliche Folgen für andere Organe haben: So können Nierenbeschwerden, Herzklappenschädigung, Herzrhythmusstörungen, Gelenkentzündungen, rheumatisches Fieber und immunreaktive Hauterkrankungen auftreten.

Nicht immer ist eine Mandel-OP vermeidbar

"Bei Erwachsenen ist es immer eine Einzelfallentscheidung, ob die Mandeln herausoperiert werden. Die korrekte Diagnose kann der erfahrene Allgemein- oder HNO-Arzt durch Blick auf die Mandeln stellen. Ist die Mandelentzündung bakteriell bedingt, ist das Antibiotikum ein echtes Wundermittel. Bei einer Virusinfektion bringt es rein gar nichts." Ist jemand gegen mehrere Antibiotika allergisch, kommt man nicht um eine Operation herum. Das gilt auch für einen Mandelabszess. Dieses Eitergeschwür ist sehr gefährlich, weil es sich ausbreiten und einen Halsabszess und im weiteren Verlauf einen Hirn- oder Lungenabszess bilden kann. Steht fest, dass operiert wird, stehen mehrere Verfahren zur Verfügung.

Was sind die Folgen für das Immunsystem, wenn die Gaumenmandeln entfernt werden? "Wir wissen inzwischen, dass die Mandeln bis zum zwölften Lebensjahr aktiv an der Bildung der Immunkompetenz beteiligt sind. Danach ist das Immunsystem ausgereift und man kann, nach derzeitigem Kenntnisstand, sehr gut ohne Mandeln leben", sagt Stelter. Nach Angaben des Münchner Mediziners gibt es zudem bislang keine Studie, die zeigt, dass kleine Kinder später eine Immunschwäche haben, wenn ihre Mandeln entfernt wurden.

Mandeloperation - Verfahren und Risiken

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mr.feelgood 24.04.2014
1.
Da müssen in meiner Kindheit die Ärzte sehr weitblickend gewesen sein. Ich litt auch mehrmals jährlich unter Mandelentzündungen und war oft krank. Die Mandeln allerdings blieben im Körper und ich bin froh darüber.
Wohngebietsuwe 24.04.2014
2. optional
So eine OP -kann- auch tödlich enden. Aus meinem Bekanntenkreis ist ein junges Mädchen bei der OP verblutet, weil eine verlagerte Halsschlagader übersehen und verletzt wurde. Ein sehr seltener Einzelfall, aber er zeigt, dass egal welche OP wirklich nur dann durchgeführt werden sollte, wenn sie unbedingt nötig ist. Und man vorher detailliert die Umgebung untersuchen sollte. Ich habe meine Mandeln auch noch, so gern sie auch entzündet sind. Nur Fieber hatte ich seit meinen Kindheitsjahren nicht mehr.
derdieb 24.04.2014
3. optional
Da haben Sie es gut gehabt. Auch ich hatte mehrfach im Jahr eine Mandelentzündung und dies steigerte sich so weit, das im regelmäßigen Abstand von vier Wochen eine Mandelentzündung im Haus stand. Die Mandel wurden letztendlich in einer Notop entfernt (zwei Tage vor dem regulären OP-Termin), ansonsten wäre es sehr gefährlich geworden. Für mich muss ich sagen, die beste Entscheidung die jemals getroffen wurden. Die Postoperativen Schmerzen waren, im Vergleich zu vorher, das reinste Kinderspiel. Vorher waren die Schmerzen trotz vier verschiedener starker Schmerzmittel nicht in den Griff zu bekommen und nach der OP absolut Schmerzfrei. Seitdem werde ich maximal nur noch ein mal im Jahr krank mit einer typischen Erkältung. Endlich frei und nicht immer hoffen nicht krank zu werden. Es gibt auch Fälle, wo diese OP dem Betroffenen sehr viel bringt. ;)
Whitejack 24.04.2014
4.
Bei mir wurden als Kind bei einer schweren Mandelentzündung die Mandeln entfernt. Erst bei der Operation entdeckte man einen Abszess an den Mandeln; ohne Operation wäre dieser unentdeckt geblieben, mit möglicherweise fatalen Folgen. Inwiefern man diesen Abszess hätte schon vorher entdecken können/müssen, kann ich schwer beurteilen. Aber eine konservative Therapie hätte eventuell lebensbedrohliche Folgen gehabt.
HerbertVonbun 24.04.2014
5. Herderkrankungen
Spon scheint es besonders auf Berichte über Mandelentzündungen abgesehen zu haben! Allgemein fällt diese Entzündung unter "Herderkrankungen", wobei jeglicher Entzündungsherd, Erkrankungen unterschiedlicher Art und unterscchiedlichen Organen hervorrufen kann, gemeint ist. Ist jedoch die Ursache nicht gefunden, laborieren und medikamentieren Ärzte an der falschen Stelle. In der Mode war auch einmal das "Schälen" der Mandeln, das nur hilft, wenn die Entzündung nicht unter den Mandeln sitzt. Bei teils unerklärlichen Symptomen empfielt es sich, den Zahnarzt und HNO-Arzt zu konsultieren. Eine einfache Blutuntersuchung weist den Weg auf einen Entzündungsherd hin, der dann nur gefunden werden muss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.