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28. September 2016, 16:06 Uhr

Natürliches Antibiotikum

Honig bekämpft hartnäckige Krankheitserreger

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Ein bisschen Manuka-Honig und viel Wasser könnten in Zukunft helfen, medizinische Instrumente von Krankheitserregern zu befreien. Dafür spricht eine aktuelle Studie mit dem Spezial-Honig aus Neuseeland.

Honig zählt zu den ältesten Heilmitteln der Menschheit. Schon 400 vor Christus pries Hippokrates es als Mittel gegen Fieber an; Wunden wurden Jahrhundertelang mit Umschlägen aus Honig, Öl und Wein versorgt. Heute weiß die Wissenschaft, dass die Mediziner damals richtig handelten - zumindest, was die Abwehr von Bakterien angeht.

Durch seinen hohen Zuckergehalt entzieht Honig Bakterien Wasser und erschwert ihnen die Vermehrung. Hinzu kommen Inhaltsstoffe, die Krankheitserreger abtöten. Wird Honig etwa mit Wasser verdünnt, entsteht Wasserstoffperoxyd, das antibakteriell wirkt. Das ist allen Honigsorten gemein. Die antibakterielle Wirkung einer Sorte, des Manuka-Honigs, geht jedoch noch weit darüber hinaus.

Eine aktuelle Studie spricht jetzt dafür, dass der neuseeländische Honig selbst hartnäckigen Bakterien-Filmen entgegenwirkt - und sich zur Desinfektion medizinischer Hilfsmittel wie Katheter eignen könnte.

Bakterientöter aus dem Bienenmagen

Manuka-Honigs entsteht, wenn Bienen den Nektar eines in Neuseeland beheimateten Teebaums - auch Manuka genannt - in Honig umwandeln. Jedes Jahr werden in Neuseeland auf diese Weise 1700 Tonnen des besonderen Lebensmittels produziert. Maori nutzen ihn seit Jahrhunderten bei der Behandlung von Entzündungen und Infektionen. Mittlerweile ist auch der Inhaltsstoff bekannt, der für seine besonders starke antibakterielle Wirkung verantwortlich ist.

Bei der Umwandlung des Nektars entsteht im Magen der Bienen Methylglyoxal (MGO). Während in einem Kilogramm handelsüblichen Honig etwa 1 bis 2 Milligramm des Stoffs stecken, entdeckten Forscher um Thomas Henle von der TU Dresden in einem Kilo Manuka-Honig Mengen von 300 bis 700 Milligramm pro Kilogramm. Wird herkömmlicher Honig künstlich mit MGO angereichert, entwickelt er eine ähnlich starke antibakterielle Wirkung wir das Original aus Neuseeland.

70 Prozent weniger haftende Bakterien

Um zu untersuchen, wie gut Manuka-Honig selbst hartnäckigen Bakterienfilmen entgegenwirkt, züchteten US-Forscher zwei verschiedene Keime: Escherichia coli und Proteus mirabilis zählen zu den häufigsten Auslösern von Harnwegsinfekten. Anschließend starteten sie zwei Tests.

In beiden Fällen zeigte sich deutlich, wie der Honig die Bakterien beeinflusst. Selbst eine Lösung mit nur 3,3 Prozent Honig hinderte die Bakterien daran, sich auf dem Plastik festzusetzen. Nach zwei Tagen im Brutschrank hafteten im Vergleich zu einer Bakterienkultur ohne Honigbehandlung 35 Prozent weniger Keime auf dem Plastik, nach drei Tagen waren es um die 70 Prozent weniger Keime, schreiben die Wissenschaftler um Somadina Emineke von der University of Portsmouth im "Journal of Clinical Pathology".

Auch im zweiten Test, nachdem der Bakterienfilm bereits gewachsen war, wirkte der Honig den Krankheitserregern entgegen. War der Bakterienfilm einen Tag lang einer Honigkonzentration von 16,7 Prozent ausgesetzt, reduzierte sich sein Wachstum um 46 Prozent. Nach zwei Tagen war die Wirkung noch einmal stärker.

Bis zu 100 Euro für ein Glas

Die Studie spreche dafür, dass sich der verdünnte Manuka-Honig als Desinfektionsmittel für Katheter eignen könnte, schreiben die Forscher. Vor allem bei längeren Behandlungen mit dem Hilfsmittel kommt es häufig zu Harnwegsinfektionen. Bevor ein Einsatz in der Medizin denkbar ist, müssen aber noch weitere Studien folgen. Noch ist unklar, ob sich die Ergebnisse auf das Umfeld der Blase übertragen lassen. Auch fehlen Tests mit länger bestehenden Bakterienfilmen.

In Deutschland wird Manuka-Honig je nach MGO-Gehalt für Preise von bis zu 100 Euro pro Glas angeboten, seine Kosten übersteigen die des herkömmlichen Honigs deutlich. Wer sich aufgrund der gut untersuchten antibakteriellen Wirkung eine Wunderwirkung etwa bei Erkältungen erhofft, sollte jedoch gewarnt sein. Erkältungen werden in der Regel von Viren und nicht von Bakterien verursacht. Aus diesem Grund können sie auch nicht mit Antibiotika behandelt werden.

Hinzu kommt ein zweiter, wichtiger Punkt: Die Inhaltsstoffe des Honigs können - selbst wenn sie auch Viren bekämpfen - nur an Stellen wirken, die sie direkt erreichen. Auf seinem Weg in den Bauch etwa passiert der Honig Mund, Rachen und Hals. Bei den Bronchien, Schauplatz eines tiefsitzenden Hustens, kommt er nicht an. Mögliche Einsatzgebiete erhoffen sich Forscher stattdessen bei Entzündungen des Zahnfleisches oder Infektionen des Magen- und Darmtrakts.

Bis es soweit ist, müssen sie neben der Wirkung allerdings auch die Nebenwirkungen weiter ergründen. In Tierversuchen wurde MGO mit Diabetes in Verbindung gebracht. Wer von der Stoffwechselkrankheit betroffen ist, sollte den Honig deshalb nicht schlucken - und vor einer Anwendung auf jeden Fall mit seinem Arzt sprechen.

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