Schätzung der Bundesregierung 600.000 Menschen bräuchten Masernschutz bei Impfpflicht

Das Gesundheitsministerium rechnet damit, dass sich im Fall einer Impfpflicht Hunderttausende gegen Masern immunisieren lassen müssten. Ärztepräsident Montgomery sieht solche Regeln positiv - verlangt aber Ausnahmen.

In vielen Impfausweisen ist das Feld für Masernimpfungen noch leer.
Lukas Schulze/ DPA

In vielen Impfausweisen ist das Feld für Masernimpfungen noch leer.


Von der umstrittenen Impfpflicht gegen Masern wären etwa 600.000 Menschen in Deutschland betroffen. Dies bestätigte das Bundesgesundheitsministerium gegenüber dem SPIEGEL. Die Impfpflicht soll für Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen sowie für Mitarbeiter in Krankenhäusern und Arztpraxen gelten. Zunächst hatte die "Bild"-Zeitung darüber berichtet.

Laut den Schätzungen sind 361.000 Kinder in Kitas und Schulen nicht ausreichend gegen Masern geimpft. In Krankenhäusern und Arztpraxen kommen laut Gesundheitsministerium 220.000 Angestellte hinzu, die zu einer Impfung verpflichtet werden könnten.

Gesetz soll am 1. März 2020 in Kraft treten

Der Gesetzentwurf soll noch vor der Sommerpause vom Kabinett beschlossen werden und am 1. März 2020 in Kraft treten. Wer sein Kind nicht gegen Masern impfen lassen will, soll mit einer Geldstrafe von 2500 Euro belegt werden und das betreffende Kind vom Kita-Besuch ausgeschlossen werden, fordert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der Koalitionspartner SPD unterstützt die Pläne - anders als die oppositionellen Grünen.

Um die Verbreitung von Masernviren zu verhindern, sind Impfraten von mehr als 95 Prozent erforderlich. Diese Raten werden in Deutschland aktuell nicht erreicht. Jüngst veröffentlichten Daten zufolge sind rund sieben Prozent der Schulanfänger in der Bundesrepublik nicht ausreichend gegen Masern geschützt, etwa weil sie nur eine Impfdosis erhalten haben. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfiehlt jedoch, Kinder innerhalb der ersten zwei Jahre zweimal gegen Masern impfen zu lassen: das erste Mal zwischen dem 11. und 14., das zweite Mal zwischen dem 15. und 23. Lebensmonat.

Die Impfpflicht sei eine Frage des allgemeinen Gesundheitsschutzes, sagte Spahn der ARD. Trotz intensiverer Aufklärung seien die nötigen Impfquoten bisher nicht erreicht worden. Die Debatte über eine Impfpflicht schärfe das Bewusstsein dafür. "Gleichzeitig regeln wir, dass Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Personal in Krankenhäusern, in öffentlichen Gemeinschaftseinrichtungen, geimpft werden müssen", sagte Spahn.

Jüngste Ausbrüche wie in Bayern, Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen seien auf "fortschreitende Impfmüdigkeit" zurückzuführen, heißt es in dem Gesetzentwurf. Bis Anfang März 2019 sind dem Robert-Koch-Institut 170 Masernfälle gemeldet worden.

Ärztepräsident will Ausnahmen

Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery befürwortet Spahns Pläne. Er hält Strafen für Verstöße generell für gerechtfertigt, kann sich aber Ausnahmen vorstellen. Eine Impfpflicht lasse sich leicht verlangen, sei aber schwer umzusetzen, sagte Montgomery. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Kinder mit der Polizei zum Impfen schleppt."

Maßnahmen müssten an die Vernunft appellieren - das bedeute vor allem bessere Aufklärung. Montgomery spricht sich jedoch für Ausnahmen von der Impfpflicht aus, da Impfungen etwa bei bestimmten Grunderkrankungen gefährlich werden können. Eltern, die schwerwiegende Gründe gegen eine Impfung haben, sollen daher von der Impfpflicht befreit werden. "Mir schwebt da so was vor wie früher bei der Wehrpflicht", sagte Montgomery. "Die galt auch für alle, aber es gab Kommissionen, die die Verweigerer anerkannten. So etwas brauchen wir auch für Impfungen."

Kritiker der Impfpflicht monieren dagegen, die Debatte drehe sich vor allem um Kinder. Dabei sei auch ein Großteil der Erwachsenen nicht ausreichend gegen Masern immunisiert. Forscher wie Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, warnen, die Pflicht für bestimmte Impfungen könnte dazu führen, dass Impfskeptiker auf andere freiwillige Impfungen verzichten.

koe/dpa



insgesamt 52 Beiträge
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herm16 06.05.2019
1. Unglaublich
Da macht eine Impfung Sinn und schon sind wieder die Kritiker am Werk. Das groesste Problem in Deutschland. Klar wird es Ausnahmen geben, aber die in Vordergrund zu stellen ist Bloedsinn
schwelle 06.05.2019
2.
Dass wird in der aktuellen Diskussion zu wenig beachtet: Auch die Erwachsenen müssen ihren Impfstatus überprüfen und entsprechende Auffrischungen vornehmen lassen!
Mario V. 06.05.2019
3. Wen wundert's - Zweifel am Sinn wegen begrenzter Wirksamkeit
Als die Impfung eingeführt wurde hieß es, man erhalte lebenslangen Schutz. Dann hat sich rausgestellt, dass der Schutz leider doch nicht so perfekt ist (mit anderen Worten auch Geimpfte haben sich infiziert), weswegen mittlerweile eine Auffrischung empfohlen wird. Wer glaubt da noch ernsthaft, nach der zweiten Impfung endlich absoluten Schutz zu haben? Der einzige Weg zur totalen Immunität ist, die Krankheit tatsächlich bekommen zu haben. Und Leute die alt genug sind, erinnern sich, dass in Kindheitstagen die Masern zu bekommen in den weitaus meisten Fällen völlig komplikationslos war. Und bei Fällen mit ernsteren Auswirkungen war immer noch eine weitere Komponente (andere Krankheit oder sonstige Schwächung des Organismus) mit im Spiel. Da ist es nur logisch, wenn manche Leute sich fragen ob es nicht besser wäre, doch einfach sein Kind im entsprechenden Alter den Masern auszusetzen, wenn es ansonsten gesund ist und nicht anderweitig immungeschwächt.
dogma2000 06.05.2019
4. Rq - risiko - intelligenz
Es ist schon erstaunlich wie emotional und unsachlich das Impfthema angegangen wird. Auch im Verwandten- und Bekanntenkreis beobachte ich das immer wieder. Erstaunlich ist auch, je weniger sich die Menschen mit dem Thema befasst haben umso radikaler und gehässiger werden diese gegenüber impfkritischen Mitmenschen. Scheinbar fruchtet die Angstmacherei alla Bildzeitung vorzüglich bei den Meisten. Da wird jedes Jahr aufs neue die Sau durchs Dorf getrieben. Zum Beispiel ein Baby aus Berlin, dass angeblich an Masern gestorben ist. Später kommt zwar raus, dass das Baby einen schweren Herzfehler hatte, aber das tut ja nichts zu Sache, die Meute hat die Fährte der Schuldigen bereits aufgenommen. Ich habe mich von einem guten aber auch kritischen Arzt und durch andere zuverlässige Quellen aufklären lassen. Und zwar über die Krankheiten und deren tatsächlichen Risiken. Die will ich jetzt gar nicht einzeln durchgehen aber warum sollte es eine Impfpflicht geben für Krankheiten die nicht mal ansteckend sind (z.B. Tetanus) oder die es gar nicht mehr gibt (Polio..)? Und zweitens, warum sollte es eine Impfpflicht geben gegen Masern? Es ist nun mal so und so war es schon immer, dass diese, relativ harmlose, durchgemachte Kinder-Krankheit einen selbst, lebenslang immun dagegen macht. Und eine Mutter die diese Krankheit mal als Kind durchgemacht hatte, dem Kind diesen Nestschutz sogar für die erste Zeit mit gibt. Schlimme Krankheitsverläufe sind äusserst selten. Aber auch schlimme Impfschäden bis hin zum Tode sind die Ausnahme. Man sollte aber auch wissen, dass sogar laut dem RKI (Robert Koch-Institut) nur etwa 5-10% der Impfschäden von den Ärzten überhaupt gemeldet werden. In der Regel bestreitet jeder Arzt einen Zusammenhang zwischen einer von ihm verabreichten z.B. 6 Fachimpfung und einer darauf folgenden Krankheit. Wer übernimmt dafür schon gern die Verantwortung? Von daher bin ich dafür es dabei zu belassen wie es ist. Jeder soll für sich entscheiden! Und wenn jemand meint sich geimpft sicher zu fühlen, dann soll er das machen, wenn er trotzdem die Masern bekommt, dann ist er halt ein Impfversager, Glückwunsch. Die ungeimpften können einem geimpften doch eh nichts anhaben, oder? Und nicht immer diese Panikmache alle Schweinegrippe, da hat es mal nicht funktioniert wie erhofft, aber warum denn nur??? Es gibt durchaus Bedarf die Menschen vor z.B. dem billigem Zucker und den Folgekrankheiten zu schützen aber vor Masern? Lächerlich!!! Wo sind die tausenden Toten die den Impfzwang rechtfertigen könnten??? Wenn ich auch sonst wenig Grund sehe die Grünen zu wählen, jetzt habe ich einen! Bleibt gesund und bei Vernunft!
RudolfRocker 06.05.2019
5.
Zitat von Mario V.Als die Impfung eingeführt wurde hieß es, man erhalte lebenslangen Schutz. Dann hat sich rausgestellt, dass der Schutz leider doch nicht so perfekt ist (mit anderen Worten auch Geimpfte haben sich infiziert), weswegen mittlerweile eine Auffrischung empfohlen wird. Wer glaubt da noch ernsthaft, nach der zweiten Impfung endlich absoluten Schutz zu haben? Der einzige Weg zur totalen Immunität ist, die Krankheit tatsächlich bekommen zu haben. Und Leute die alt genug sind, erinnern sich, dass in Kindheitstagen die Masern zu bekommen in den weitaus meisten Fällen völlig komplikationslos war. Und bei Fällen mit ernsteren Auswirkungen war immer noch eine weitere Komponente (andere Krankheit oder sonstige Schwächung des Organismus) mit im Spiel. Da ist es nur logisch, wenn manche Leute sich fragen ob es nicht besser wäre, doch einfach sein Kind im entsprechenden Alter den Masern auszusetzen, wenn es ansonsten gesund ist und nicht anderweitig immungeschwächt.
Wo sehen Sie da die Logik. Es geht um eine Durchimunisierung. Diese erreichen Sie nur wenn alle geimpft werden, oder alle Kinder Masern hatten. Ich halter erstern für den besseren Weg, wenn man weiß, was die Krankheit bewirken kann.
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