Masern-Ausbruch in den USA Alarm im magischen Königreich

Eigentlich waren die Masern so gut wie ausgerottet - auch in den USA. Doch plötzlich verbreitet sich die potenziell tödliche Kinderkrankheit im ganzen Land. Ursprung des Ausbruchs: Disneyland.
Minni Mouse und Kinder im Disneyland Kalifornien: Quelle der Ansteckung

Minni Mouse und Kinder im Disneyland Kalifornien: Quelle der Ansteckung

Foto: Jae C. Hong/ AP

Disneyland ist die Mutter aller Vergnügungsparks. Aus dem ersten "Magic Kingdom" in Kalifornien, 1955 von Walt Disney persönlich eröffnet, erwuchs ein weltweites Imperium mit zehn weiteren Parks.

Jetzt bereitet sich das Original auf seinen 60. Geburtstag vor, samt Paraden und Feuerwerk. Doch nicht allen ist zum Jubeln zumute. Der Grund: Masern. Die gefürchtete Kinderkrankheit, eigentlich so gut wie ausgerottet, ist zurückgekehrt. Allein im Januar erkrankten 102 Amerikaner in 14 US-Staaten - fast so viele wie sonst pro Jahr.

Ground Zero des neuen Ausbruchs: Disneyland.

Mindestens 42 der jüngsten Masern-Fälle lassen sich nach Angaben der Gesundheitsbehörden auf "eine Erstansteckung in Disneyland" zurückverfolgen. Demnach besuchte eine ungeimpfte Frau den Park im Dezember und merkte zunächst nicht, dass sie krank war. Sie steckte unwissentlich andere Besucher und fünf Disneyland-Angestellte an.

Noch vor ihrer Diagnose flog die Frau über Neujahr nach Seattle und anschließend wieder zurück. Kurz darauf wurden in Seattle weitere Masern-Fälle bekannt. Zugleich erreichten die Masern von Disneyland aus andere Bundesstaaten, bis hin zur US-Ostküste. Zuletzt erkrankten jetzt fünf Säuglinge in einem Kindergarten bei Chicago.

Das ist nicht der erste solche Fall in jüngster Zeit. Schon voriges Jahr war die Zahl der Masern-Fälle in den USA von 187 auf 644 hochgeschnellt, so viele wie seit 2000 nicht. Mehr als die Hälfte fanden sich in einer Amish-Gemeinde in Ohio: Deren Missionare, aus religiösen Gründen ungeimpft, hatten das Virus aus den Philippinen eingeschleppt. Dieser bisher größte Masern-Ausbruch der jüngeren US-Geschichte blieb jedoch auf die streng isolierten Amish beschränkt.

Anders nun bei den neuen Fällen: Hier befürchten Experten eine rasante Weiterverbreitung. "Dies ist ein Weckruf", sagt Anne Schuchat, die Impfchefin der US-Gesundheitsbehörde CDC. "Wir müssen aufpassen, dass die Masern in unserem Land nicht wieder Fuß fassen."

Masern in Deutschland

Auch in Deutschland kommt es trotz der Empfehlung, jedes Kind zu impfen, immer wieder zu Krankheitswellen. Aktuell gibt es einen großen Masernausbruch in Berlin, seit Ende 2014 sind in der Hauptstadt mehr als 400 Menschen erkrankt. Zum Vergleich: Für das ganze Jahr 2014 wurden in Berlin lediglich 133 Fälle gemeldet.

Die Berliner Gesundheitsverwaltung hat am Freitag in einem Schreiben mit Nachdruck dazu aufgerufen, alle noch nicht immunisierten Kinder und Erwachsenen zu impfen. Im Jahr 2013 erlebte ganz Deutschland eine schwere Masernwelle. Als Hauptursachen für die Rückkehr der eigentlich zurückgedrängten Krankheit gelten hierzulande ebenfalls Impfmüdigkeit und Fehlinformation.

Es ist ein rein selbstgeschaffenes Problem. In den USA ist die Kinderschutzimpfung wie in Deutschland freiwillig - doch immer mehr Eltern verweigern sich. Dahinter steckt eine typisch amerikanische Mischung aus Aberglaube, Verschwörungstheorien und Misstrauen gegen den Staat.

Ein Mythos, basierend auf einer Studie

Sie nenne sich "Anti-Vaxxer" - nach vaccine, dem englischen Wort für Impfstoff. Die einen lehnen Impfungen aus einer Art Reinheitsprinzip ab, ähnlich wie zum Beispiel genetisch modifiziertes Saatgut. Die anderen, aus der eher konservativen Ecke, wollen sich vom verhassten Staat ihre "Freiheit" und Selbstbestimmung nicht nehmen lassen.

Viele sind dem Irrglauben erlegen, eine Impfung könne zu Autismus führen. Dieser Mythos beruht auf einer einzigen Studie von 1998, die längst als "völlig falsch" zurückgezogen wurde. Ihr Verfasser, der britische Gastroenterologe Andrew Wakefield, verlor später die Lizenz.

Trotzdem haben sich etliche Prominente an die Spitze des Anti-Impf-Trends gesetzt. Etwa Ex-Playmate und TV-Moderatorin Jenny McCarthy, bei deren Sohn Evan 2005 Autismus diagnostiziert wurde - angeblich infolge einer Masern-Impfung, wie McCarthy lange behauptete. Erst kürzlich begann sie, sich von diesen Aussagen zu distanzieren.

Die Politik mischt sich ein

Vor allem Republikaner springen auf den "Anti-Vaxxer"-Zug auf. Er passt in ihre pauschale Ablehnung jeglicher Wissenschaft - und ihren gleichzeitigen Hang zu abstruser Pseudowissenschaft. Schon im vergangenen Präsidentschafts-Vorwahlkampf behauptete die damalige Kongressabgeordnete Michele Bachmann, Impfungen könnten zu "geistiger Behinderung" führen.

Auch die Möchtegern-Kandidaten für 2016 wittern Populismus-Punkte. Eltern sollten selbst entscheiden, forderten unter anderem der Tea-Party-Senator Rand Paul, ein Augenarzt, und New Jerseys Gouverneur Chris Christie. Als Christies Worte einen Proteststurm auslösten, ruderte sein Büro aber schnell wieder zurück: "Bei einer Krankheit wie den Masern ist es keine Frage, dass Kinder geimpft werden sollten."

Schließlich fühlte sich sogar Präsident Barack Obama genötigt, das Selbstverständliche klarzustellen: "Die Wissenschaft ist ziemlich unbestreitbar", sagte er dem TV-Network NBC. "Impft eure Kinder."

Disneyland will sich die Party jedenfalls nicht verhageln lassen. Die Masern-Schlagzeilen, sagte Disney-Chef Bob Iger, schmälerten den Besucherstrom nicht: Bisher sehe er "keine echten Konsequenzen".

Außer natürlich für die Kranken.

Zur Person
Foto: Lane Hartwell

Marc Pitzke, Jahrgang 1963, hat in München studiert, die Deutsche Journalistenschule und in New York die Columbia University School of Journalism absolviert. Seit 2003 arbeitet er in der US-Metropole als Korrespondent für SPIEGEL ONLINE.