Masern Achtung, hochansteckend

Masern gelten als extrem ansteckend, trotz aller Bemühungen sind die Viren noch nicht ausgerottet. Gerade die Deutschen tragen die Krankheit in viele Weltregionen.
Maserntypischer Ausschlag: Bis Infizierte krank werden, können bis zu zehn Tage vergehen

Maserntypischer Ausschlag: Bis Infizierte krank werden, können bis zu zehn Tage vergehen

Foto: Corbis

Das Masernvirus gehört zu den ansteckendsten Erregern, die es gibt. Das bescheinigt ihm sogar eine mathematische Kennziffer mit kompliziertem Namen: Der Kontagionsindex gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der eine nicht-immune Person nach dem Kontakt mit einem Erreger infiziert wird. Auf dieser Liste stehen die Masern ganz weit oben, sie haben einen Indexwert von fast 100 Prozent.

Das führt dazu, dass mehr als 95 von 100 ungeimpften Menschen nach einem Kontakt mit einem Maserninfizierten erkranken, sagt Dorothea Matysiak-Klose vom Fachgebiet Impfprävention am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Zum Vergleich: Bei Typhus erkranken nur 50 Prozent nach Kontakt, beim Rötelnvirus 15 Prozent.

Im Alltag bedeutet das: Es reicht, wenn im Bus hinter uns ein Maserninfizierter niest. Wenn wir nicht geimpft sind oder nicht schon mal Masern hatten, stecken wir uns höchstwahrscheinlich an. "Noch zwei Stunden nach Aufenthalt eines Masernerkrankten in einem Raum können sich weitere Menschen in diesem Raum infizieren", sagt Matysiak-Klose. "Die Viren halten sich auch in der Luft."

Serie Infektionskrankheiten

In loser Reihenfolge stellen wir sieben wichtige Infektionskrankheiten vor. Darunter drei der häufigsten Durchfallerkrankungen (ausgelöst durch Salmonellen , Noroviren  und Rotaviren ), außerdem die Grippe , die Masern , die durch Zecken übertragene Frühsommermeningitis (FSME) und eine eher unbekannte Infektion mit einem ungewöhnlichen Übertragungsweg: die Hantaviruserkrankung , die von Rötelmäusen übertragen wird.

Ein Grund für diese hohe Ansteckungsrate ist eine unter Erregern von Infektionskrankheiten sehr verbreitete, effektive Übertragungsweise: die Tröpfcheninfektion. Außerdem haben die Viren offenbar eine hohe Affinität zu bestimmten Zellen der Atemwege . Wie Magneten docken sie dort an und können so schnell in den Körper eindringen und sich dort vermehren.

Auch weil Infizierte schon vor Auftreten der ersten Symptome andere Menschen anstecken können, verbreitet sich der Erreger so schnell. Es kann bis zu zehn Tage dauern, bis Infizierte krank werden. Sie bekommen dann zunächst hohes Fieber, Schnupfen und Husten. Dass es kein grippaler Infekt ist, wird deutlich, wenn auf der Mundschleimhaut der Patienten weiße Stellen auftauchen, die wie Kalkspritzer aussehen. Mediziner sprechen von Koplik-Flecken. Nach ein paar weiteren Tagen entsteht der maserntypische Ausschlag: bräunlich-rosafarbene Hautflecken, die meist zuerst im Gesicht auftreten und sich dann über den ganzen Körper ausbreiten können. Nach etwa fünf Tagen verschwinden die Symptome meist langsam wieder.

Zwar übersteht der Großteil der Menschen eine Masernerkrankung gut. Trotzdem kann sie lebensbedrohliche Folgen haben, wie etwa eine Hirnhautentzündung. Besonders bei Säuglingen und Kindern im ersten Lebensjahr und bei Erwachsenen über 20 Jahren ist die Gefahr von Komplikationen hoch. Die schwerwiegenden Folgen sind laut RKI sogar einer der Hauptgründe für eine erhöhte Kindersterblichkeit in vielen Regionen der Welt .

Hochansteckendes Virus: ein Masern-Erreger, hier in einer computergenerierten 3D-Abbildung

Hochansteckendes Virus: ein Masern-Erreger, hier in einer computergenerierten 3D-Abbildung

Foto: Corbis

Wer die Krankheit allerdings einmal überstanden hat, ist den Rest seines Lebens gegen die Infektion geschützt - zumindest sehr wahrscheinlich. "Unter den 60- bis 70-Jährigen gibt es nur sehr wenige Masernfälle", sagt Matysiak-Klose. "Diese Menschen haben die Masern fast alle durchgemacht."

Mediziner nehmen zudem an, dass auch die Impfung lebenslang wirksam ist, sofern es nicht nur eine, sondern zwei Immunisierungen gegeben hat, denn die sind für einen vollständigen Impfschutz notwendig. Heute werden Zweifach-Impfungen zwar routinemäßig angeboten. Nach Einführung der Impfung 1970 wurden viele Kinder aber nur einmal geimpft, sodass die heute Erwachsenen mitunter nur unzureichend geschützt sind. Die Zahl der Fälle unter den seit 1970 Geborenen kontrollieren die Experten vom RKI daher sehr genau. Sollten die Infektionszahlen ansteigen - auch unter den Zweifach-Geimpften - könnte das ein Zeichen dafür sein, dass die einmal aufgebaute Immunität nach der Impfung nachlässt. Bisher ist dies aber nur sehr selten der Fall. "Eine sichere Aussage können wir erst treffen, wenn wir die Maserninfizierten und deren Impfstatus länger beobachtet haben", so Matysiak-Klose.

Die höchste Erkrankungsrate haben Säuglinge unter einem Jahr und Einjährige. Das liegt daran, dass die unter Einjährigen zum großen Teil noch nicht geimpft werden können. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung von Masern in Kombination mit Mumps und Röteln ab elf Monaten. "Leider werden jedoch die Kinder aus verschiedenen Gründen häufig nicht zu den von der Stiko empfohlenen Zeitpunkten geimpft, sondern zum Teil Jahre später", sagt Matysiak-Klose.

Immerhin: Die Impfraten von Kleinkindern in Deutschland sind laut RKI ab 1998 stark gestiegen, wobei diese Entwicklung in den vergangenen Jahren aber wieder stagniert. Trotzdem attestiert die Medizinerin den Deutschen gute Quoten für die erste Impfung: "Die sind in Deutschland eigentlich sehr gut - bei der Schuleingangsuntersuchung sind mehr als 96 Prozent der Kinder einmalig gegen Masern geimpft", sagt sie. Aktuellen Daten des RKI zufolge bleibt aber die zweite Impfung das Problem : Im Gesamtdurchschnitt sind lediglich 84 Prozent der Kinder im Alter von drei Jahren zweimalig immunisiert. Deutlich ist, dass sich die Krankheit immer weiter ins Erwachsenenalter verschiebt.

Was an den Argumenten der Impfgegner dran ist, lesen Sie in unserem Faktencheck.

Zwar kann es auch mit Impfschutz in sehr seltenen Fällen - laut RKI waren zwischen einem und vier Prozent der Masernerkrankten seit 2001 mehr als einmal geimpft - zu einer Infektion kommen, aber der Krankheitsverlauf ist dann stark abgeschwächt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass zwischen den Jahren 2000 und 2013 etwa 15,6 Millionen Todesfälle durch die Impfung verhindert werden konnten  - eine Verringerung um 75 Prozent.

Die WHO hatte daher das Ziel gesetzt, die Masern in Deutschland und Europa bis zum Jahr 2015 auszurotten. Aber trotz des wirksamen Impfstoffs verbreiten sich die Erreger immer wieder - auch hierzulande. Das zeigte sich deutlich, als in Berlin vor Kurzem eine heftige Masern-Welle ausbrach. Im Januar 2015 gab es die höchsten Meldezahlen für Masern seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001 mit teilweise mehr als 80 Fällen pro Woche. Im Rahmen des Berliner Ausbruchs erkrankten von Oktober 2014 bis August 2015 rund 1360 Menschen. Einer von vier der Erkrankten musste im Krankenhaus behandelt werden, ein Kind starb.

"Die Wucht des Ausbruchs hat uns sehr überrascht, weil ja bereits 2013 ein großer Ausbruch in Berlin stattgefunden hatte", sagt Epidemiologin Matysiak-Klose. Das Problem in der Hauptstadt: "Zu viele Menschen haben keinen Impfschutz." Und zu dieser Gruppe zählten nicht nur die Impfgegner, sondern vor allem jene, die die Impfung vergessen haben.

Die RKI-Epidemiologen beobachten auch bei dem Masernvirus eine starke Saisonalität. "Typischerweise beginnt die Saison der Masern Anfang des Jahres", sagt Matysiak-Klose. Die meisten Fälle gibt es im Frühjahr, im Juli und August werden es wieder weniger.

Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt deutlich einen wellenförmigen Verlauf: Auf Jahre mit vielen Masernfällen folgen meist Jahre mit weniger Fällen. Daher hoffen die Experten vom RKI auf eine etwas ruhigere kommende Saison. "Nach dem Verlauf der Meldedaten könnte das auch so sein", sagt Matysiak-Klose, "aber nach dem Berlin-Ausbruch sage ich eigentlich nichts mehr, weil ich schon für 2015 so etwas nicht erwartet hätte."

Wie kaum ein anderer Erreger zirkuliert das Masernvirus weltweit. Besonders die Deutschen sorgen für eine weite Verbreitung: "Deutschland ist ein Masern-Exportmeister in Europa, weil wir besonders viel reisen." Und den Erreger so auch aus dem Ausland mitbringen. "Wenn wir eine ausreichende Immunität in der Bevölkerung hätten, dann wären die Importe kein Problem", sagt Matysiak-Klose.

Dass durch die ankommenden Asylsuchenden vermehrt Masern ins Land kommen, zeigen aktuelle Daten nicht. "Wir müssen eher aufpassen, dass sich die Flüchtlinge nicht hier anstecken", sagt Matysiak-Klose. "Gerade die Asylsuchenden sind durch die durchgemachten Strapazen und die zum Teil durch Bürgerkriege in ihren Heimatländern eingebrochenen Impfquoten besonders infektionsgefährdet." Das RKI hat daher für Asylsuchende Impfempfehlungen veröffentlicht  und rät, besonders Kinder gegen Masern zu impfen, aber auch Erwachsene, die nach 1970 geboren sind.

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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