Heike Le Ker

Masern-Ausbruch in Berlin Impfen ist keine Privatsache

Sollen Eltern gezwungen werden, ihre Kinder zu impfen? Dieser Schritt wäre falsch. Wer sich aber gegen die Impfung entscheidet, handelt fahrlässig.
Impfpass: Die Masern-Epidemie in Berlin schürt Debatte über Immunisierungspflicht

Impfpass: Die Masern-Epidemie in Berlin schürt Debatte über Immunisierungspflicht

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Ein paar rote Flecken, etwas Fieber - viele Menschen unterschätzen die Masern als eine harmlose Kinderkrankheit. Die Zahlen aber zeigen die Gefahr, die von den Viren wirklich ausgeht: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben allein 2013 weltweit jede Stunde 16 Menschen an Masern. Die meisten von ihnen waren Kinder und keine fünf Jahre alt.

In Berlin sind seit Oktober mindestens 574 Menschen an Masern erkrankt. Ein anderthalbjähriger Junge starb vergangene Woche an den Folgen der Infektion.

Gegen die hoch ansteckenden Viren gibt es eine wirksame Impfung. Wir sollten sie als Geschenk betrachten. Schätzungen der WHO zufolge verhinderte die Masern-Impfung zwischen 2000 und 2013 weltweit 15,6 Millionen Todesfälle.

Gleichwohl entscheiden sich in manchen Regionen noch immer zu viele Eltern gegen eine Impfung ihrer Kinder. Der aktuelle Masern-Ausbruch in Berlin hat nun die Debatte in der Regierungskoalition über eine mögliche Impfpflicht angestoßen. Wenn die Impfbereitschaft nicht steige, "muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein", fordert der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD).

Dieser Schritt wäre falsch. Anstatt Eltern dazu zu zwingen, ihre Kinder zu impfen, muss man ihnen die Angst vor einer Impfung nehmen und sie mit guten Argumenten überzeugen:

  • Neun von zehn ungeimpften Menschen erkranken an Masern, wenn sie mit dem Erreger in Kontakt kommen.
  • Die meisten von ihnen überstehen die Infektion zwar ohne Folgeschäden, etwa 5 bis 15 Prozent der Fälle werden aber durch eine Mittelohrentzündung und bis zu 10 Prozent durch eine Lungenentzündung verkompliziert. Besonders gefürchtet ist eine Gehirnentzündung.
  • Ein bis drei von 1000 erkrankten Kindern sterben  an einer Masern-Infektion - selbst in Ländern mit einer hervorragenden medizinischen Versorgung.
  • Die Zahl der ernsthaften Impfschäden hingegen ist minimal, bei der letzten Erhebung zählten Forscher sieben schwerste Komplikationen pro 16 Millionen Impfstoffdosen .
  • Die Masern könnten ausgerottet werden, wenn sich mindestens 95 Prozent der Bevölkerung impfen lassen.
  • Fast alle in den vergangenen Jahren in Deutschland an Masern erkrankten Menschen waren nicht geimpft .

Hinzu kommt: Wer eine Impfung ablehnt, vertraut auf den Herdenschutz - und lässt damit andere das Risiko der Impfung tragen. Das ist zwar verglichen mit den Komplikationsraten einer Masern-Infektion klein, aber eben nicht Null.

Wer sich oder sein Kind nicht impfen lässt, muss sich - mit Ausnahme von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Immunschwäche - den Vorwurf gefallen lassen, verantwortungslos und egoistisch zu handeln.

Zum einen, weil Masern tödlich enden können.

Zum anderen, weil Impfen keine Privatsache ist, vor allem dann nicht, wenn ungeimpfte Kinder in die Kita oder zur Schule gehen.

ZUR AUTORIN

Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE und Mutter von drei Kindern.

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