Patient null Wie ein Mann die Masern nach Michigan brachte

Ohne es zu wissen, hat ein Mann die Masern von New York nach Michigan verschleppt. Mindestens 39 Menschen steckten sich an. Der Fall zeigt, wie schnell sich die Krankheit verbreitet - und wie sie sich eindämmen lässt.

Belebte Straße: Im Fall einer Masernerkrankungen ermitteln Behörden genau, mit wem der Patient Kontakt hatte
Orbon Alija/ Getty Images

Belebte Straße: Im Fall einer Masernerkrankungen ermitteln Behörden genau, mit wem der Patient Kontakt hatte


Stundenlag war Steve McGraw durch Detroit gefahren, hatte alle in der Gemeinde alarmiert, die ihm eingefallen waren. Gemeinsam suchten sie nach einem blauen Sedan. Mit dem Auto war zuletzt ein Masern-Kranker unterwegs gewesen, der Anfang März von New York nach Detroit im US-Bundesstaat Michigan gekommen war und die Infektionskrankheit nun unabsichtlich weiter verbreitete.

Als sie ihn endlich gefunden hatte, konnte dieser die Aufregung überhaupt nicht begreifen. Sie müssten sich irren, argumentierte der Mann. Er könne unmöglich die Masern haben, weil er die Krankheit bereits durchgemacht habe und dadurch immun sei. Doch McGraw, Mitarbeiter des medizinischen Notdienstes in Oakland County, war sich sicher: "Es kommt nur eine Krankheit in Frage, und Sie haben sie", sagte er zu dem Mann. "Er war sehr emotional", schildert McGraw die Situation gegenüber der "Washington Post". "Ich konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er am Boden zerstört war. Er hat in seinem Kopf durchgerechnet, mit wie vielen Menschen er Kontakt hatte."

Falsche Diagnose

Am 13. März bestätigte ein Bluttest, dass der Mann tatsächlich an Masern erkrankt war. Ohne es zu wissen, hatte er die Viren nach Michigan gebracht. Mediziner sprechen in so einem Fall von einem "Patienten null".

Die Behörden haben den Namen des Mannes nicht veröffentlicht, um seine Persönlichkeitsrechte zu schützen. Klar ist, dass er im März von New York nach Detroit gefahren war. Wahrscheinlich hatte er sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn angesteckt. Eine Analyse des Erregers zeigte, dass es sich in beiden Städten um denselben Virenstamm handelte. In New York grassieren die Masern bereits, für Teile Brooklyns wurde der Notstand ausgerufen und eine Impfpflicht verhängt.

Als der Mann auf dem Weg nach Detroit war, hatte er bereits Fieber und Husten. Ein Arzt hatte jedoch fälschlicherweise eine Bronchitis diagnostiziert. Er hatte noch nie Masern bei einem Patienten gesehen. Selbst als der Mann von unterwegs aus anrief und erzählte, er habe nun auch einen Ausschlag, stellte der Mediziner nicht die richtige Diagnose, sondern hielt den Ausschlag für eine allergische Reaktion.

Erst als er aufgelegt hatte und über die Symptome nachgrübelte, kam ihm der Verdacht, der Mann könne an Masern leiden. Er informierte das zuständige Health Department und gab die Handynummer des Mannes durch. Dieser hatte jedoch offenbar Probleme mit seinem Telefon und war nicht zu erreichen. So kamen der medizinische Notdienst und McGraw ins Spiel, der sich sofort auf die Suche nach Patient null machte.

Hochansteckend

Mitarbeiter der zuständigen Gesundheitsbehörden rekonstruierten, mit wem Patient null alles Kontakt hatte. Sie kamen auf etwa 30 Orte, an denen er sich innerhalb einer Woche aufgehalten hatte. Mindestens 39 Menschen hatten sich angesteckt. Masern sind bereits drei bis fünf Tage bevor der Ausschlag auftritt ansteckend. Danach verbreiten Erkrankte noch etwa vier Tage lang das Virus.

Noch zwei Stunden, nachdem ein infizierter Patient einen bestimmten Ort verlassen hat, sind Masernviren in der Luft nachweisbar. Kommt ein Infizierter mit einem Menschen in Kontakt, der nicht durch eine Impfung oder frühere Erkrankung geschützt ist, erkrankt dieser mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Damit gehören die Masernerreger zu den ansteckendsten Pathogenen der Welt.

Als klar wird, dass die Masern nun auch Michigan erreicht haben, reagieren die Behörden sofort. Über ein Nachrichtensystem wurden 1200 Menschen in der Gemeinde informiert, in der vor allem ultra-orthodoxe Juden leben. In einer Mitteilung riefen Rabbiner ihre Gemeindemitglieder dazu auf, sich vollständig impfen zu lassen. Kinder sollten die erste Impfung im Alter von elf bis 14 Monaten und die zweite zwischen 15 und 23 Monaten erhalten. Nur dann besteht ausreichender Schutz.

Bis Anfang April wurden mehr als 2100 Impfdosen in der Region um Detroit verteilt. Nach bisherigem Kenntnisstand konnte der Masernausbruch dadurch zumindest in Michigan eingedämmt werden.

Zahl der Masernfälle vervierfacht

Der Fall aus den USA zeigt, wie rasend schnell sich Masern verbreiten können und wie Unwissenheit die Gesundheit gefährden kann. Längst nicht alle, die nicht ausreichend gegen Masern immunisiert sind, lehnen Impfungen per se ab. Viele wissen einfach nicht, dass zwei Injektionen nötig sind. Viele der Infizierten in Michigan waren Erwachsene, die überzeugt waren, die Masern bereits gehabt zu haben beziehungsweise ausreichend dagegen geimpft zu sein.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben nur 67 Prozent der Menschen weltweit zwei Impfungen bekommen. Um die Masern auszurotten, müssten 95 Prozent zweimal gegen den Erreger geimpft sein. Eigentlich wollte die Weltgemeinschaft dieses Ziel schon im Jahr 2015 erreichen. Zuletzt hatte es weltweit jedoch vermehrt Masernausbrüche gegeben. Allein in diesem Jahr haben sich die Zahlen laut WHO im Vergleich zum Vorjahreszeitraum vervierfacht.

Eine Masern-Infektion schwächt das Immunsystem immens, weitere Infektionen sind darum häufig. Eine gefürchtete Folge ist eine Gehirnentzündung, die Masern-Enzephalitis, die tödlich oder mit bleibenden Schäden enden kann. Als Spätfolge einer Maserninfektion kann sich zudem nach Jahren eine sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ausbilden, eine Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt zum Ausfall von Gehirnfunktionen und schließlich zum Tod.

koe

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.