Posse Gericht vertagt Verhandlung im Streit um Masernviren

Ein Impfgegner bietet 100.000 Euro für den Beweis, dass es das Masernvirus gibt. Ein Arzt geht die Wette ein und liefert Nachweise - das Geld bekommt er nicht. Jetzt müssen sich Richter in Ravensburg mit dem skurrilen Fall beschäftigen.
Masernvirus unter dem Transmissionselektronenmikroskop (TEM): Skurriler Streit um die Existenz des Erregers

Masernvirus unter dem Transmissionselektronenmikroskop (TEM): Skurriler Streit um die Existenz des Erregers

Foto: Corbis

Ein kurioser Streit beschäftigt seit Donnerstag die Justiz. Es geht um eine Frage: Gibt es Masernviren wirklich? Das Landgericht Ravensburg soll klären, ob der Mediziner David Bardens aus dem saarländischen Homburg Anspruch auf 100.000 Euro hat, weil er die Existenz von Masernviren nachgewiesen hat. Der Biologe Stefan Lanka vom Bodensee hatte die Prämie im November 2011 demjenigen ausgelobt, der die Existenz der Viren beweisen kann (mehr über diese Posse lesen Sie im aktuellen SPIEGEL). Weil Lanka aber die Idee von krankmachenden Viren generell in Frage stellt, hat er bis heute kein Geld überwiesen. Bardens klagte dagegen.

Kläger und Beklagter hatten die Aufmerksamkeit der Medien vor der Verhandlung sichtlich genossen. Zahlreiche Pressevertreter waren in das beschauliche Städtchen Ravensburg unweit des Bodensees gekommen, um die ungewöhnliche Verhandlung zu beobachten. Schon anderthalb Stunden vor Verhandlungsbeginn gaben die Protagonisten bereitwillig Interviews und schilderten ihre Sicht der Dinge.

"Erfindung des Masernvirus"

Beide nutzten die Gelegenheit, um ihre grundsätzlichen Ansichten vor der Presse zu verfechten. Lanka aus Langenargen (Baden-Württemberg) gilt als Impfkritiker und bestreitet die Existenz von Masernviren. Er spricht von einer "Erfindung des Masernvirus" und kritisiert sogar das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Er wirft dem Bundesinstitut vor, dass es keinen Beweis für die Existenz des Virus vorlegen könne.

Seit den sechziger Jahren wird in vielen Ländern gegen die per Elektronenmikroskop deutlich erkennbaren Viren geimpft, was die Erkrankungszahlen stark zurückdrängen konnte. Vor der Verhandlung gab sich der Biologe dennoch siegessicher: "Ich bin mir als Virologe sicher, dass ich den Prozess gewinnen werde."

Der Biologe ist der Meinung, die Symptome der Masern könnten durch drei Faktoren ausgelöst werden: "Vergiftung der Haut von außen, zum Beispiel durch Cremes. Oder eine Entgiftung von innen nach außen über die Haut." Der dritte Aspekt sei psychosomatisch. "Und dann gibt es natürlich die Kombination aus allen drei Faktoren."

"Mittelalterliche Auffassung"

Bardens dagegen stützt sich auf die Erkenntnisse der Forschung und will die Aussagen des Biologen "so nicht stehen lassen". Seine Auffassung, die Viren existierten gar nicht, "muten ein bisschen mittelalterlich an". Es sei schon lange nachgewiesen, dass die Masern eine Infektionserkrankung sind. Der Arzt möchte mit der Klage auf das Thema Impfung aufmerksam machen.

Schon nach wenigen Minuten vertagte das Gericht die Verhandlung. Die Richter wollen am 24. April bekanntgeben, wie weiter verfahren werden soll. Möglicherweise wird die Kammer in die Beweisaufnahme gehen. Gütlich einigen wollte sich die beiden Streitparteien bisher nicht.

Über das Internet war Bardens auf das 100.000-Euro-Angebot  des Biologen aufmerksam geworden. Er habe sich die Wette schriftlich bestätigen lassen und dann entsprechende Publikationen zusammengesucht. "Das war keine große Arbeit", sagt er. Er habe dem Biologen die Dokumente und seine Kontonummer mit der Bitte geschickt, die Summe auf sein Konto zu überweisen.

Der Anwalt des Mediziners ging nach der Verhandlung davon aus, dass das Gericht nun einen Sachverständigen einschaltet. Dieser müsse sich mit der Frage beschäftigen, ob die vorgelegten Unterlagen seines Mandanten die Existenz des Masernvirus beweisen.

Sollte der Mediziner vor Gericht Recht bekommen, will er das Geld für Impfkampagnen in Entwicklungsländern spenden. Eines haben sowohl der Arzt, vor allem aber der Biologe bereits erreicht: Aufmerksamkeit.

Valentin Gensch, dpa
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