Weltgesundheitsorganisation Zahl der Masernfälle weltweit um 300 Prozent gestiegen

2019 haben sich mindestens 112.000 Menschen weltweit mit Masern infiziert - viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Dabei sollte die Krankheit längst ausgerottet sein.

Die dreijährige Mariam aus Pakistan ist an Masern erkrankt
Mohsin Raza/ REUTERS

Die dreijährige Mariam aus Pakistan ist an Masern erkrankt


Die einen wollen ihre Kinder nicht impfen lassen, die anderen haben nicht genügend Geld für den Wirkstoff: Die Zahl der Masernfälle ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) drastisch gestiegen. Die Zahl der von Januar bis März gemeldeten Fälle liege viermal so hoch wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

170 Länder meldeten demnach zusammen rund 112.000 Erkrankungen, verglichen mit 28.000 im vergangenen Jahr. Die tatsächliche Zahl liege noch deutlich höher, warnte die WHO. Sie geht davon aus, dass nur jeder zehnte Fall gemeldet wird. Eine WHO-Expertin schätzt, dass sich im vergangenen Jahr zwei Millionen mit Masern infizierten.

Schon im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl der Fälle nach vorläufigen WHO-Zahlen verdoppelt. Bis 2016 waren die Zahlen weltweit noch rückläufig.

Dass die Zahl der Erkrankungen stark schwankt, ist normal. Kommt es zu einem Ausbruch, schnellen die Zahlen in die Höhe. Dennoch zeigten die aktuellen Zahlen eine "eindeutige Entwicklung", argumentiert die WHO. Durch konsequentes Impfen könnte die Krankheit eigentlich ausgerottet werden. Ursprünglich sollte dieses Ziel schon vor Jahren erreicht werden.

Ansteckungsquote 95 Prozent

Masern ist eine der ansteckendsten Krankheiten der Welt und potenziell lebensgefährlich, so die WHO. Kommt ein Infizierter mit einem Menschen in Kontakt, der nicht durch eine Impfung oder frühere Erkrankung geschützt ist, erkrankt dieser mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent.

2017 sind nach Schätzungen 110.000 Menschen an Masern gestorben. Betroffen sind meist kleine Kinder, derzeit unter anderem in Madagaskar, auf den Philippinen, im Kongo und in der Ukraine. Auch in den USA kam es zu Masernausbrüchen. Die Stadt New York verhängte den Ausnahmezustand für Teile Brooklyns.

Überlebende könnten Hirnschäden davontragen oder blind und taub werden, warnt die WHO. Die Ansteckung könnte zwar durch zweimaliges Impfen verhindert werden, aber nur 85 Prozent der Menschen weltweit erhielten die erste und 67 Prozent die zweite Impfung.

In Deutschland war der Trend im vergangenen Jahr rückläufig: Nach knapp 930 Masernfällen 2017 wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts im Jahr 2018 etwa 540 Fälle gemeldet.

In diesem Jahr könnte es wieder hohe Fallzahlen geben, die meisten Fälle wurden bisher aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern gemeldet. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich für verpflichtende Masernimpfungen für Kinder in Kitas und Schulen ausgesprochen. Brandenburg hat bereits angekündigt, eine Immunisierung für Kitakinder verpflichtend zu machen.

Ein Grund für die weltweite Zunahme der Erkrankungen ist laut WHO die wachsende Zahl der Impfgegner in Industrienationen und in arabischen Ländern. In armen Weltgegenden haben viele Menschen hingegen keinen Zugang zur Masernimpfung, kritisiert die WHO.

So äußern sich Masern

Die Weltgesundheitsorganisation hat die Vermeidung oder Verzögerung von Impfungen in die Liste der globalen Gesundheitsbedrohungen aufgenommen. Aus der Sicht der Experten geht von Impfgegnern damit ein ähnlich großes Risiko für die weltweite Gesundheit aus wie von Ebola, Antibiotikaresistenzen und Luftverschmutzung.

Masernviren werden beim Sprechen, Husten oder Niesen über kleine Tröpfchen in der Luft übertragen. Die Erkrankung geht zunächst mit grippeähnlichen Symptomen und später einem charakteristischen Hautausschlag einher. Die Infektion schwächt das Immunsystem immens, weitere Infektionen sind darum häufig. Eine gefürchtete Folge ist eine Gehirnentzündung, die Masern-Enzephalitis, die tödlich oder mit bleibenden Schäden enden kann.

Als Spätfolge einer Maserninfektion kann sich zudem nach Jahren eine sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ausbilden, eine Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt zum Ausfall von Gehirnfunktionen und schließlich zum Tod.

koe/AFP/dpa

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