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15. Oktober 2013, 18:57 Uhr

Rückenschmerzen

Das falsche Versprechen der Abrollschuhe

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Sie sollen die Balance fördern und den Rücken kräftigen. Schuhe mit dicken abgerundeten Sohlen werden als Wunderwaffe gegen Kreuzschmerzen beworben. Jetzt zeigt eine Studie: Rückenkranken bringt das Spezialschuhwerk gar nichts.

"Masai Barefoot Technology kann helfen, Schmerzen im unteren Rücken zu reduzieren", so wirbt ein Schweizer Hersteller auf seiner Homepage für Funktionsschuhe mit einer dicken, abgerundeten Sohle, auch bekannt als MBTs. Bis zu 80 Prozent der Menschen in Europa leiden einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen, viele entwickeln chronische Schmerzen. Entgegen der Werbeversprechen scheint das Spezialschuhwerk für die Betroffenen jedoch keinen großen Nutzen zu haben, zeigt jetzt eine Studie im Fachmagazin "Spine".

Ärzte um Catharine Siân MacRae vom Chelsea and Westminster Hospital in London werteten die Daten von 93 Patienten aus, die zwischen 18 und 65 Jahren alt waren und alle unter Schmerzen im unteren Rückenbereich litten. Um herauszufinden, inwieweit sich die Funktionsschuhe mit instabiler Sohle für die Patienten lohnen, teilten sie ihre Probanden per Zufallsverfahren in zwei Gruppen ein: Eine erhielt normale Sportschuhe, die andere "Rocker Sole Shoes", in denen das Barfußgehen auf weichem Boden nachgeahmt werden soll.

"Die Hersteller behaupten, dass die unstabile runde Sohle Mechanismen positiv beeinflusst, die mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken in Verbindung gebracht werden", erklärt MacRae. Indem der Körper versucht, die Instabilität gezielt zu korrigieren, sollen Rumpf-, Rücken und Haltemuskeln gestärkt werden. Außerdem verspricht der Hersteller eine verbesserte Balance, harter Untergrund soll beim Auftreten rückenschonend abgefedert werden.

Haltemuskulatur überfordert

Nach einer Einweisung und Gewöhnungswoche nahmen alle Versuchsteilnehmer in ihrem Studien-Schuhwerk für einen Monat an einem Rückentrainingsprogramm teil. Die Forscher vermuteten, dass das Tragen der "Rocker Sole Shoes" während der Übungen die Rückenschmerzen zusätzlich reduzieren würde. Doch es kam anders: Zwar berichteten nach sechs Wochen, sechs Monaten und einem Jahr alle Teilnehmer, dass die Einschränkungen und Schmerzen im Rücken abgenommen hatten. Zwischen den Gruppen gab es allerdings kaum einen Unterschied. Mit einer Ausnahme.

Bei Teilnehmern, die vor allem beim Stehen und Gehen Rückenschmerzen bekamen, verbesserte sich das Empfinden bei jedem Zwischentest etwas stärker, wenn sie Turnschuhe trugen. Im sogenannten Roland Morris Disability Questionnaire (RMDQ), mit dessen Hilfe die Einschränkungen durch Rückenprobleme erfasst wurden, nahm der Wert bei diesen Teilnehmern in der Spezialschuhgruppe um 3,1 ab, bei der Turnschuhgruppe hingegen reduzierte er sich um 4,4. Den Unterschied erklären sich die Forscher mit einer Überforderung des Körpers: Der geringe Halt in den Funktionsschuhen könne die bei dieser Patientengruppe meist besonders schwache Halte- und Rumpfmuskulatur zu stark beansprucht haben.

MBT wehrt die Vorwürfe ab: Nach Ansicht des Unternehmens trugen die Teilnehmer die Funktionsschuhe mit durchschnittlich zwei Stunden pro Tag zu kurz, um einen Effekt zu erzielen. "Das bedeutet, dass die Teilnehmer durchschnittlich acht bis zehn Stunden am Tag normale Schuhe trugen", schreibt ein Sprecher des Unternehmens. Dies habe den Nutzen der Funktionsschuhe behoben.

Bewegung statt Schuhe

Bislang existiert lediglich eine weitere aussagekräftige klinische Studie, die den Nutzen von MBT-Schuhen und vergleichbarem Schuhwerk anderer Marken auf Rückenschmerzen untersucht hat. Im Jahr 2009 stattete Benno Nigg vom Human Performance Lab der Universität Calgary 40 Golfer, die gelegentlich unter leichten Schmerzen im unteren Rückenbereich litten, entweder mit den Spezialschuhen oder mit normalen Golftretern aus.

"In der Studie nahm der subjektive Rückenschmerz nach dem Golfen durch die Funktionsschuhe um 44 Prozent ab", sagt Nigg. Der Biomechaniker vermutet den Muskelaufbau hinter der Wirkung. "Eine weitere Erklärung wäre, dass die ständige Veränderung der Muskelaktivität durch die Schuhe vor Verkrampfungen schützt." Der genaue Mechanismus sei noch unklar.

Die aktuelle Untersuchung hält Nigg dennoch für aussagekräftig. "Knapp hundert Probanden in einer Studie zu Kreuzschmerzen ist eine gute Teilnehmerzahl", sagt er. Der Unterschied im Ergebnis könne durch die Auswahl der Befragten zustande kommen. "An unserer Studie haben fitte, erfahrene Golfer teilgenommen", erzählt Nigg. "Man kann also argumentieren, dass die Schuhe bei leichten Rückenschmerzen und trainierten Probanden funktionieren." Im Leistungssport würden unstabile Sohlen bereits erfolgreich im Training genutzt. Mediziner seien dagegen oft noch unsicher.

Offenbar zu Recht: "Nach meinem Verständnis von der Anpassungsfähigkeit des Nervensystems hätte ich nichts anderes von der Schuhintervention erwartet", kommentiert Marco Hagen, Sportwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, die aktuelle Studie. Studienleiterin MacRae sagt: "Ärzte sollten ihre Patienten darauf hinweisen, dass 'Rocker Sole Shoes' und Trainingsschuhe den gleichen Nutzen bei Kreuzschmerzen haben." Wenn ein Patient vor allem beim Stehen und Gehen Probleme hätte, könnte es für ihn sogar besser sein, Sportschuhe zu tragen.

Hagen hält stattdessen das Rückentraining für den entscheidenden Faktor. "Bewegung ist meines Erachtens in der Therapie von Rückenschmerzen unersetzlich. Dabei werden beispielsweise die Bandscheiben bewegt und die Knorpel zur Bildung von Gelenkschmiere angeregt."

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