Mers-Virus auf dem Vormarsch Gefahr aus der Wüste

Mehr als 150 Menschen sind schon an der Atemwegskrankheit Mers gestorben, die Zahl der Infektionen steigt rasant. Forscher stehen vor einem Rätsel: Wie wird das gefährliche Virus übertragen? Eine wichtige Rolle spielen offenbar Kamele.
Markt in der Nähe von Riad, Saudi-Arabien: Das Mers-Virus wird wohl vor allem von Kamelen auf den Menschen übertragen

Markt in der Nähe von Riad, Saudi-Arabien: Das Mers-Virus wird wohl vor allem von Kamelen auf den Menschen übertragen

Foto: FAISAL AL NASSER/ REUTERS

In der Nacht zum Freitag ist erneut eine Frau an Mers gestorben. Mehrere staatliche Krankenhäuser im Jemen hatten ihr die Behandlung verweigert. Die Ärzte in einer Privatklinik in der Hauptstadt Sanaa, die sie schließlich aufnahmen, konnten das Leben der zweifachen Mutter nicht mehr retten.

Mehr als 150 Opfer hat die Infektionskrankheit bereits gefordert. Nachgewiesen wurde das Mers-Coronavirus inzwischen bei mehr als 600 Personen, wie das European Centre for Disease Prevention and Control am Freitag mitteilte . Bekannt ist der Erreger seit rund zwei Jahren.

Der Trend ist alarmierend, allein seit April wurden mehr als 400 dieser Fälle gemeldet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dennoch entschieden, keine höhere Sicherheitsstufe auszurufen. Bisher sind die Fälle lokal begrenzt und der gegenwärtige Anstieg ihrer Zahl hat womöglich triviale Ursachen. Gefährlich bleibt der Erreger trotzdem.

Verwandt mit dem Sars-Erreger

Er verursacht Mers, eine Krankheit, die die Atemwege betrifft und meist mit einer schweren Lungenentzündung einhergeht, die oft zum Tode führt. Der Name steht für "Middle East respiratory syndrome", also Nahost-Atemwegssyndrom, in Anlehnung an das verwandte "severe acute respiratory syndrome", Sars. Durch Sars starben 2003 circa 900 Menschen. Da das Virus sich von Mensch zu Mensch verbreitete, wurde eine Pandemie befürchtet, mit enormem Aufwand wurde der Erreger eingedämmt.

Die Anzeichen für eine solche Gefahr sind bei Mers noch nicht da. Ein Grund ist schon im Namen zu finden. Obwohl es vereinzelte Fälle in den USA, Europa und etwa den Philippinen gibt, waren die Betroffenen allesamt im Nahen Osten gewesen, insbesondere Saudi-Arabien.

Viele Infektionen haben mit einem direkten Kontakt zu Tieren zu tun - und zwar zu Kamelen. Mittlerweile ist bekannt, dass sich das Virus in den Tieren seit Jahrzehnten vermehrt. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei aber nicht auszuschließen, auch wenn sie dem Virus nach heutigem Stand nicht gut gelinge, sagt Christian Drosten, Virologe am Universitätsklinikum Bonn, der das Virus erforscht und kürzlich in Saudi-Arabien war.

Probleme bei der Krankenhaushygiene

Bei der Ansteckung unter Menschen scheint die Krankenhaushygiene eine wichtige Rolle zu spielen. Ein Großteil der gegenwärtigen Fälle komme aus einem einzigen problematischen Krankenhaus in Saudi-Arabien, sagt Drosten. Ein anderer Grund für die steigenden Fallzahlen sei aber auch, dass die Krankenhäuser inzwischen häufiger testen. Es muss sich erst zeigen, wie viele echte Mers-Infektionen dahinterstecken. Drosten erwartet, dass sich die Lage kurzfristig etwas entspannen wird.

Die Medien in Saudi-Arabien berichten jetzt regelmäßig über die Krankheit, die Menschen sind besorgt und tragen vermehrt Gesichtsmasken. Dabei ist - anders als bei Sars - Quarantäne und soziale Isolation keine langfristige Strategie, um die Krankheit einzudämmen, schließlich springt das Virus vermutlich ständig von Kamel auf Mensch über. Das Sars-Virus hatte sich dagegen wohl nach einem einmaligen Übergang auf Menschen unter ihnen ausgebreitet.

Doch wie genau das Mers-Virus von Tier auf Mensch übergeht, ist noch ein Rätsel. Klar ist: Kamele sind in der Region ein verbreitetes und wichtiges Wirtschaftsgut. Ihr Fleisch wird gegessen, ihre Milch getrunken und zu Käse verarbeitet. Das Wissen über den genauen Infektionsweg ist unerlässlich für das Eindämmen der Krankheit. Dazu braucht es eine Fall-Kontroll-Studie, bei der das Verhalten von infizierten und nicht befallenen Personen verglichen wird, sagt Drosten. Doch konnte noch keine solche Studie durchgeführt werden. Das liege auch an der Bevölkerung, die sich manchmal schwer tue, persönliche Informationen von sich preiszugeben.

Zudem dürfte es schwer werden, das Verhalten der Bevölkerung gegenüber Kamelen zu ändern, zu innig ist in der Regel die Beziehung zu dem Tier. Saudis haben eine Protestwelle gestartet, die sich derzeit über Twitter und Co. verbreitet: Sie lassen sich beim Küssen von Kamelen filmen  und stellen ihre Videos ins Netz.

Auf Kamel-Produkte verzichten

Erst wenn der Infektionsweg bekannt ist, können Sicherheitsempfehlungen für den Umgang mit den Tieren erlassen werden. Eine Alternative ist das großflächige Impfen von Kamelen. Doch noch gibt es keinen Impfstoff - und es sei unklar, ob einer überhaupt leicht und wirtschaftlich zu entwickeln sei, sagt Drosten. So wird wohl der Kampf gegen die Krankheit mühsam sein. Die Gefahr einer Pandemie sieht Drosten dagegen nicht. Da der Erreger meist von Tier zu Mensch springe, habe er keine Gelegenheit, sich evolutionär dem Menschen anzupassen.

Für Reisende, die sich in Saudi-Arabien aufhalten, hat Udo Buchholz, Epidemiologe am Robert Koch-Institut, einige Empfehlungen: direkten Körperkontakt zu Menschen mit Atemwegserkrankungen meiden und sich oft die Hände waschen. Zudem sei es ratsam, sich von Kamelen fernzuhalten und auf den Genuss von Kamel-Produkten zu verzichten.

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