Angebliche Sensation Wurde ein neues Organ entdeckt?

Ein irischer Forscher kämpft dafür, das Mesenterium als eigenes Organ anzuerkennen - eine Struktur, an der unser Darm hängt. Was steckt dahinter?
Mesenterium

Mesenterium

Foto: The Lancet/ JC Coffey

Wenn es das Mesenterium nicht gäbe, würde unser Darm mit all seinen Windungen einfach ins Becken plumpsen. Dass die Aufhängevorrichtung der Innereien wichtig ist, ja sogar lebensnotwendig, daran zweifelt niemand. Ein irischer Professor aber möchte noch einen großen Schritt weitergehen.

In einem Artikel in der Fachzeitschrift "The Lancet Gastroenterology Hepatology"  fasste er im November das aktuelle Wissen zu der Struktur zusammen. Sein erstaunliches Fazit: Die Anatomie und Funktion rechtfertige dessen Einstufung als Organ. Die Aufregung folgte mit ein paar Wochen Verzögerung.

Nachdem ein Medium die Geschichte aufgenommen hatte, schlossen sich viele Redaktionen mit Meldungen über die Entdeckung eines neuen Organs an. Wer sich die Studie durchliest und mit unabhängigen Experten spricht, merkt jedoch schnell, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.

Der Fehler des Sir Frederick Treves

Schon Leonardo da Vinci zeichnete das Mesenterium in seine Abbildungen des menschlichen Körpers - damals noch als Einheit, die sich vom Dünndarm bis zum Dickdarm zog. Jahrhundertelang orientierten sich Illustratoren an diesem Bild, bis 1885. Dann schlich sich ein Fehler ein, der einen Großteil der jetzigen Aufregung erklärt.

Schuld war der Mediziner und Pionier der Blinddarmentfernungen Sir Frederick Treves. Zu Lebzeiten war er so anerkannt, dass er sogar Edward VII kurz vor seiner Krönung operieren durfte. Im Hinblick auf das Mesenterium aber irrte er sich: Statt es wie da Vinci als ein Teil zu betrachten, ging er davon aus, dass sich die Struktur aus mehreren Teilen zusammensetzt, die Dünn- und Dickdarm umgeben.

Mehr als hundert Jahre lang entwickelte sich die Medizin weiter, die Beschreibung des zerstückelten Mesenteriums aber blieb bestehen. Bis zur Arbeit des besagten irischen Forschers Calvin Coffey von der University of Limerick. Mithilfe anatomischer Studien setzte er das Mesenterium wieder zu dem zusammen, was es wirklich ist: Eine durchgehende Struktur, die den Darm vom Magen bis zum Rektum stützt und begleitet.

Mesenterium (in Gelb) mit Teil des Dickdarms

Mesenterium (in Gelb) mit Teil des Dickdarms

Foto: The Lancet/ JC Coffey

Auf Basis dieser zugleich neuen und alten Erkenntnisse schlussfolgert Coffey nun, dass es sich beim Mesenterium um ein Organ handelt. Dafür müsste es allerdings selbstständig sein und eine eigene Funktion für den Körper erfüllen.

Obwohl Coffey selbst eingesteht, dass etwa über die Funktion des Mesenteriums im Hinblick auf das Immunsystem oder Hormone bislang kaum etwas bekannt ist, ist die Rolle als Organ für ihn klar. In einer Mitteilung seiner Universität beschwört er sogar eine neue Forschungsrichtung herauf: Äquivalent etwa zur Neurologie solle man sich ab jetzt auch mit dem Mesenterium beschäftigen, der Mesenterologie sozusagen.

"Kein Darm kann ohne existieren"

Christian Prinz, Direktor der Klinik für Gastroenterologie am Helios Universitätsklinikum in Wuppertal, sieht das deutlich nüchterner: "Das ist kein Organ", sagt er nach Rücksprache mit seinem Kollegen Hubert Zirngibl, der als Direktor des Chirurgischen Zentrums bei Operationen fast täglich mit dem Mesenterium in Berührung kommt. Stattdessen sehen die beiden die Struktur als funktionelle Einheit, die den Darm mit Lymphknoten, Blutgefäße und Nerven versorgt.

Für ihn ergibt es gar keinen Sinn, das Mesenterium gesondert vom Darm zu betrachten. "Der Darm könnte nicht ohne Mesenterium und das Mesenterium nicht ohne Darm", sagt Prinz. "So einfach ist das." Auch kann sich Prinz nicht vorstellen, dass die neuen anatomischen Erkenntnisse die Versorgung der Patienten verbessern. Die Bedeutung des Mesenteriums bei Krankheiten wie einer Darmtuberkulose oder Krebs sei schon lange bekannt.

"Der Krebschirurg Lord Moynihan etwa hat bereits in den Zwanzigerjahren geschrieben, dass das Mesenterium bei einem Tumor im Darm mitentfernt werden sollte", sagt er. Zudem berücksichtigen Chirurgen bei Operationen standardmäßig, wie die Lymphkanäle im Mesenterium verliefen, und nähten Schnitte in der Struktur im Zweifel zu.

Trotzdem will auch Prinz die Mesenteriums-Forschung noch nicht ganz abschreiben. "Über die Ursachen vom Reizdarmsyndrom zum Beispiel weiß man noch wenig", sagt er. Betroffene leiden unter Magen-Darm-Problemen, ohne dass Ärzte eine Krankheit feststellen können. "Vielleicht nimmt ja das Mesenterium dabei eine Schlüsselrolle ein. Ich bin da offen." Nur beweisen müsse das erst mal jemand.

Zumindest eines hat Coffey mit seiner Arbeit aber erreicht: Seine Erkenntnisse führten zu einem Update des "Gray's Anatomy", eines der wichtigsten Lehrbücher in der Medizin. Dass das Mesenterium durchgängig ist, lernen Medizinstudenten jetzt auch offiziell. Als Organ aber wollte die Autorin Susan Standing das Gebilde noch nicht einstufen, wie sie auf Anfrage erklärte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.