Rezeptfreigabe für Triptane Ärzte warnen vor Gefahr durch Migränemittel

Triptane gelten als Wundermittel bei Migräne. Immer mehr Pharmafirmen versuchen, diese Wirkstoffe rezeptfrei auf den Markt zu bringen. Doch Ärzte warnen: Für Patienten wird die Therapie teurer und ohne ärztliche Überwachung auch schnell gefährlich.
Migräne: Triptane helfen gegen akute Attacken - haben aber auch gefährliche Nebenwirkungen

Migräne: Triptane helfen gegen akute Attacken - haben aber auch gefährliche Nebenwirkungen

Foto: Oliver Killig/ dpa

Unerträgliche Schmerzen, häufig gepaart mit Übelkeit und Lichtempfindlichkeit: Millionen Deutsche leiden unter Migräne. Für die Betroffenen sind wirkungsvolle Medikamente gegen die quälenden und wiederkehrenden Kopfschmerzattacken oft ein Segen.

Dazu zählen Triptane, eine Gruppe von Wirkstoffen, die die Behandlung von akuten Anfällen revolutioniert haben. Sieben solcher Wirkstoffe gibt es. Zwar sind sie oft wirkungsvoll, aber nicht immer unbedenklich. Seit 2006 wurden bereits zwei Triptane in kleinen Packungsgrößen aus der Verschreibungspflicht entlassen. Zwei weitere sollen voraussichtlich Ende des Jahres für den rezeptfreien Verkauf freigeben werden.

Hartmut Göbel, Migräne-Experte und Leiter der Schmerzklinik Kiel, kritisiert diese Pläne. Denn: Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten Medikamente in der Regel nur dann, wenn sie unter Verschreibungspflicht stehen. "Wenn diese wegfällt, werden die Kosten auf die Patienten abgewälzt", sagt Göbel. Eine Tablette koste zwischen drei und fünf Euro, bei einem Migräneanfall müssen oft mehrere eingenommen werden.

Doch die Kosten seien nur einer der Gründe, die gegen die Rezeptfreiheit sprechen. "Triptane erfordern eine ärztliche Begleitbehandlung", sagt Göbel. Dazu gehöre auch, die Diagnose Migräne zu stellen und Kopfschmerzen anderer Ursache auszuschließen. Denn nur bei Migräne können Triptane helfen. Es sei wichtig, Patienten nicht bloß über die richtige Einnahme dieser Mittel aufzuklären - sondern auch darüber, wie sie Migräneattacken vorbeugen können. Gut eine Stunde Zeit nimmt sich Göbel dafür, wenn Betroffene in die ambulante Sprechstunde der Schmerzklinik kommen: "In der Apotheke ist das so nicht zu leisten", sagt der Experte.

Unvorhersehbare Risiken

Bei falschem Gebrauch schaden Triptane zudem mehr, als sie nutzen. Wer sie an mehr als zehn Tagen im Monat einnimmt, kann die Beschwerden verschlimmern, die er eigentlich lindern will. Mediziner sprechen vom medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Für einige Patienten sind Triptane sogar gefährlich, weil sie den Blutdruck erhöhen. Wer unter Herz- oder Gefäßkrankheiten leidet, sollte auf Triptane verzichten, um das Risiko für einen Infarkt nicht zu steigern. Die Schmerzklinik Kiel bittet Patienten regelmäßig zur Kontrolluntersuchung, um solche Gefahren auszuschließen.

Warum aber werden immer mehr dieser Mittel rezeptfrei verkauft? Am Anfang steht in der Regel ein Antrag der Pharmahersteller beim Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht, angesiedelt am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Im Fall des Migränemittels Sumatriptan sprachen Vertreter der Hersteller bereits 2009 in dem Ausschuss vor. Im Protokoll werden sie anonym als externe Sachverständige geführt, eine Präsentation der Firma Betapharm ist dort einsehbar.

Argumentiert wurde mit Herstellerstudien: Demnach würden nur solche Patienten in der Apotheke nach Triptanen verlangen, die eine diagnostizierte Migräne hätten. Der Ausschuss sprach sich dafür aus, einige Sumatriptan-Präparate ohne Rezept zu verkaufen. Das Bundesgesundheitsministerium ließ daraufhin einen Entwurf zur Änderung der Verschreibungsverordnung erarbeiten. Wenn der Bundesrat auf einer für November geplanten Sitzung zustimmt, wird die Rezeptpflicht für die Wirkstoffe Sumatriptan und Zolmitriptan teilweise aufgehoben.

Mehr Eigenverantwortung

Ein Mitglied des Sachverständigenausschusses ist Karen Nieber, Direktorin des Instituts für Pharmazie an der Universität Leipzig. Über die Triptan-Freigabe habe man viel diskutiert, sagt sie. Problematisch sei gewesen, dass immer mehr Anträge von Herstellern einliefen, nachdem ein erstes Präparat freigegeben war. "Da hatte ich schon manchmal Bauchschmerzen." Im Fall des Wirkstoffs Rizatriptan sei die Freigabe sogar abgelehnt worden, weil dessen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten besonders gefährlich seien. Die erfolgten Empfehlungen hält sie aber für richtig.

Zwar glaubt auch Nieber nicht, dass jeder Apotheker die Käufer genügend berät. "In der Packungsbeilage wird aber auf die Risiken hingewiesen - auch darauf, dass die Triptane nur nach einer Migränediagnose eingenommen werden sollten", sagt Nieber. "Und ohnehin werden ja nur kleine Packungen ohne Rezept verkauft."

Zwar bleiben große Packungen rezeptpflichtig und werden auch erstattet. Fraglich ist aber, ob Betroffene überhaupt noch zum Arzt gehen, um sich die Medikamente verschreiben zu lassen. Nieber hofft auf die Eigenverantwortlichkeit der Patienten. "Wir sollten ihnen mehr zutrauen. Und wer den Beipackzettel nicht liest, der sollte gar keine Medikamente nehmen."

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