Kinder und Kopfschmerz Wie man dem Schmerzgenerator den Saft abdreht

Kinder und Jugendliche leiden immer häufiger unter Migräne und Spannungskopfschmerz. Mit einem Trickfilm erklärt das Deutsche Kinderschmerzzentrum, woher die Beschwerden kommen - und wie man sie bekämpft.
Identifikationsfigur Migräne-Ei

Identifikationsfigur Migräne-Ei

Foto: Deutsches Kinderschmerzzentrum

Rein anekdotisch geistert die Behauptung seit Jahren durch die Medien: Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Probleme mit chronischen Kopfschmerzen und Migräne. Dass die Fallzahlen solcher Beschwerden bei Kindern tatsächlich steigen, zeigte eine im März 2015 von deutschen Forschern veröffentlichte Studie im Fachblatt "Current Pain and Headache Reports" .

Die Ergebnisse der Analyse decken sich mit dem, was auch andere deutsche Wissenschaftler sehen. Julia Wager und Boris Zernikow vom Kinderschmerzzentrum in Datteln haben gemeinsam mit Gerrit Hirschfeld von der Hochschule Osnabrück die Veränderungen zusammengetragen: In einer bisher unveröffentlichten Übersichtsarbeit berichten sie von 64 zwischen 1990 und 2007 durchgeführten Studien, die die steigenden Fallzahlen solcher Schmerzprobleme bei Kindern bestätigen.

Trend zu mehr Kopfschmerzen bei Kindern

Trend zu mehr Kopfschmerzen bei Kindern

Foto: Deutsches Kinderschmerzzentrum

Prinzipiell, sagt Wager, Psychologin am Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie der Uni Witten/Herdecke, lasse sich sowohl Spannungskopfschmerz, als auch Migräne bei Kindern relativ gut therapieren. Nur: Vor der Therapie steht die Diagnose. Oft lägen aber im Alltag einfache Erklärungsmuster näher: Zu viel Zeit mit Smartphone, PC oder Spielkonsole, zu wenig Bewegung.

Aber ganz so einfach ist das oft nicht. "Dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Technik im Kinderzimmer und der zunehmenden Häufigkeit solcher Beschwerden gibt", sagt Wager, "kann man nicht wirklich belegen. Klar ist aber, dass man Spannungskopfschmerzen, die etwas mit Bewegungsmangel zu tun haben können, klar von Migräne unterscheiden muss."

Migräne ist eine neurologische Krankheit

Denn Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Bewegung ist sogar eine der Indikatoren, mit denen man Spannungskopfschmerzen von Migräne unterscheiden kann: Spannungskopfschmerzen lassen sich durch Bewegung mildern, Migräneattacken hingegen verschlimmern sich dadurch.

Die Ursachen der Beschwerden sind nicht dieselben. Spannungskopfschmerz wird unter anderem mit körperlicher Anspannung sowie mit einer zentralen Schmerzsensibilisierung erklärt. Migräne hingegen ist ein vielgestaltiges neurologisches Erkrankungsbild, das eine genetische Komponente hat. Die Therapie zielt auf Linderung der Schmerzen und Verringerung der Attackenfrequenz.

Abstraktes sichtbar machen

Abstraktes sichtbar machen

Foto: Deutsches Kinderschmerzzentrum

"Spannungskopfschmerzen lassen sich oft bereits durch Verhaltensänderungen therapieren", erklärt Wager. Die Migräne hingegen bleibe oft ein Leben lang: "Um dagegen etwas zu tun, braucht man ein multimodales, auf den Patienten abgestimmtes Vorgehen."

Eine beginnende sowie weniger stark ausgeprägte Migräneattacken lassen sich gut medikamentös behandeln: Ibuprofen ist hier das Mittel der Wahl. Migräneattacken gehen, erklärt Wager, bei einigen Patienten mit einer sogenannten Aura einher: Sinnes-Fehlwahrnehmungen wie getrübte oder verzerrte Sicht, die verstärkte Wahrnehmung von Gerüchen, Geräuschen. Über die Ursachen gibt es verschiedene Vermutungen, klar ist aber, dass Migräne oft patiententypische Auslöser habe.

"Der Patient muss lernen, seine individuellen Stressfaktoren zu erkennen", erklärt Wager, "und zu reduzieren." Die Kombination aus Verringerung von Stress, körperlicher Bewegung in Zeiten ohne Migräne, Entspannungstechniken, medikamentöser Behandlung und Schonung, wenn die Migräneattacke doch eintritt, verspreche zumindest, die Beschwerden auf niedrigem oder erträglicherem Niveau zu halten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das Verständnis des eigenen Leidens ist oft der erste Schritt in der Therapie. Kurze, klare Infomaterialien helfen dabei, neben den Patienten auch dem Umfeld klar zu machen, dass beispielsweise Migräne kein "Zipperlein" ist: Wenn sie da ist, sind die Patienten oft extrem ruhebedürftig, viele sind licht- oder lärmempfindlich. Mitunter kann das passende Schmerzmittel die Migräneattacke beenden, ansonsten hilft nur noch abwarten, bis sie vorbei ist.

Film schafft Verständnis

Das alles fasst ein Team vom Deutschen Kinderschmerzzentrum  in Datteln nun in einem Film von nicht ganz acht Minuten Länge zusammen. Bei den Schmerztherapeuten an der dortigen Vestischen Kinder- und Jugendklinik landen oft Patienten mit komplizierten und hartnäckigen Beschwerden. Für sie ist es wichtig zu verstehen, woher die Schmerzen kommen. Das gelingt dem Comiczeichner und -filmer Bone Buddrus - einst Chefzeichner von "Fix und Foxi" - mit professionellen Designs und Tricktechnik.

Auch wenn der Ton salopp ist, die Inhalte sind wissenschaftlich fundiert, unterstreicht Wager. Es geht darum, Betroffene und ihr Umfeld zu erreichen, der Film setzt dabei auf verständliche Bilder für komplexe Sachverhalte.

So wie das vom "Schmerzgenerator" im Kopf, der sich auflädt, irgendwann entlädt und das ganze Gehirn überempfindlich mache. Wager: "Die wirklichen Mechanismen sind vielleicht nicht hundertprozentig geklärt, aber das Bild vom Generator bildet sie auf jeden Fall schon sehr gut ab!"

Die konkrete Vorstellung von den mehrstufigen Abläufen und damit verbundenen Warnsignalen helfe den Kindern und Jugendlichen, angemessen zu reagieren. Für Interessierte, die tiefer ins Thema einsteigen wollen, gibt es eine begleitende Broschüre zum Film .


Zu den Förderern des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln gehört auch die Rudolf Augstein Stiftung .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.