Molekulare Krebstherapie "Den Tumor gezielt angreifen"

Etwa eine halbe Million Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs - viele hoffen seit Kurzem auf eine molekulare Tumortherapie. Der Arzt Benedikt Westphalen erklärt, wem sie helfen kann.
Zellteilung einer Krebszelle: Je nach biologischem Aufbau kommen unterschiedliche Therapien infrage

Zellteilung einer Krebszelle: Je nach biologischem Aufbau kommen unterschiedliche Therapien infrage

Foto: Science Photo Library - STEVE GSCHMEISSNER./ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Westphalen, Krebserkrankungen werden häufig mit einer Kombination aus Therapien behandelt. Was ist bei der molekularen Tumortherapie anders?

Westphalen: In der klassischen Krebstherapie nehmen wir eine Probe des Tumors und stellen im Labor fest, um welche Erkrankung es sich handelt. Dann empfehlen wir auf Basis von großen klinischen Studien und unserer eigenen Erfahrung eine individuelle Therapie. Das kann eine Operation, eine Strahlen- oder Chemotherapie sein. Oder eine Kombination daraus. Die molekulare Tumortherapie geht einen Schritt weiter. Denn mittlerweile wissen wir, dass Erkrankungen, die unter dem Mikroskop gleich aussehen, von ihrer molekularen Biologie ganz unterschiedlich aufgebaut sein können. Deshalb untersuchen wir die Krebszellen in hochspezialisierten Labors konkret auf Genveränderungen und Mutationen. Diese Veränderungen können wir dann in manchen Fällen mit einem auf den Tumor angepassten Medikament gezielt angreifen.

Zur Person
Foto: Klinikum der Universität München,

Dr. Benedikt Westphalen, Jahrgang 1980, leitet die Molekulare Tumorkonferenz am Comprehensive Cancer Center München und ist Arzt in der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am Klinikum der Universität München.

SPIEGEL ONLINE: Es wird doch aber nicht für jeden einzelnen Tumor ein individuelles Medikament geben.

Westphalen: Nein. Wir setzen Medikamente nur nicht mehr ausschließlich bei den ursprünglich dafür vorgesehen Erkrankungen ein, sondern sehen zunehmend über Krankheitsgrenzen hinweg. Wir hatten zum Beispiel eine Patientin mit einem schnell wachsenden Hirntumor, der bereits mehrfach operiert und bestrahlt wurde. Die klassischen Therapiemöglichkeiten gingen langsam zu Ende. Wir haben den Tumor molekular untersucht und eine Veränderung festgestellt, die wir eigentlich vom Lungenkrebs kennen. Die Patientin bekam daraufhin ein Medikament, das nur für die Behandlung des Lungenkrebses zugelassen ist. Es hat bewirkt, dass der Hirntumor sechs Monate lang nicht weiterwuchs. Das gab der Patientin Zeit, sich von der letzten Operation und Strahlentherapie zu erholen. Im Anschluss konnte sie erneut operiert und bestrahlt werden.

Hier finden Betroffene seriöse Informationen

SPIEGEL ONLINE: Es geht also nicht um Heilung?

Westphalen: Zum jetzigen Zeitpunkt setzen wir die Therapie in der Regel zur Lebensverlängerung und Linderung von Symptomen ein. Die molekulare Diagnostik und Therapie ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug, das manchen Patienten weitere Therapiemöglichkeiten aufzeigen kann. Das muss man den Patienten auch realistisch sagen.

SPIEGEL ONLINE: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welcher Patient dafür infrage kommt?

Westphalen: Aktuell setzen wir die molekulare Diagnostik insbesondere bei Patienten mit seltenen Tumorerkrankungen ein. Dabei achten wir darauf, dass der Gesundheitszustand der Patienten nicht schon zu schlecht ist, da die Diagnostik bis zu sechs Wochen dauern kann. Außerdem sollten sich die Patienten körperlich und psychisch in der Lage fühlen, eventuell weitere Therapiemöglichkeiten in Anspruch zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten nicht alle Patienten - ob fortgeschritten oder noch im Frühstadium - von der molekularen Diagnostik profitieren?

Westphalen: In einer idealen Welt würde ich mir das wünschen. Das ist allerdings eine Frage der Kosten und der Logistik. Es gibt aber auch heute schon Erkrankungen, bei denen der größte Teil der Betroffenen molekular diagnostiziert wird. Vorreiter ist der metastasierte Lungenkrebs. Der Einfluss der molekularen Therapie ist hier so ausgeprägt, dass bestimmte Patienten, die noch vor zehn Jahren innerhalb von sechs bis zwölf Monaten verstorben wären, heute über mehrere Jahre mit ihrer Erkrankung weiterleben können.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt auf Patienten zu, bei denen die molekulare Diagnostik durchgeführt wird?

Westphalen: Wir brauchen Tumorgewebe, das wir untersuchen können. Dafür ist nicht immer eine neue Entnahme nötig, denn ein Teil der Analysen kann an archiviertem Tumormaterial stattfinden. Das darf allerdings nicht zu alt sein. Eine relativ neue Möglichkeit ist die Flüssigbiopsie, für die nur eine Blutabnahme nötig ist. Diese Technik ist noch nicht so sehr in der klinischen Praxis etabliert, wird aber in Zukunft eine größere Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es dann weiter?

Westphalen: Den Befund der Gewebeanalyse besprechen wir im molekularen Tumorboard. Das ist ein Expertengremium aus den Behandlern des jeweiligen Patienten sowie Ärzten und Wissenschaftlern, die auf Molekularbiologie und Genetik spezialisiert sind. Gemeinsam erarbeiten wir eine Empfehlung für eine Therapie,...

SPIEGEL ONLINE: ...die dann sofort begonnen werden kann?

Westphalen: Nein, wir müssen erst noch logistische und bürokratische Hürden nehmen. Wenn wir beispielsweise ein Medikament einsetzen möchten, das für die betreffende Erkrankung eigentlich nicht zugelassen ist, müssen wir bei der Krankenkasse des Patienten einen aufwendigen Antrag auf Kostenübernahme stellen. Außerdem müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Beratung, Diagnostik und Therapie in Zukunft finanzieren. Dabei sollte es unser Ziel sein, die molekulare Diagnostik möglichst vielen Krebspatienten zum richtigen Zeitpunkt anzubieten.

Hier finden Betroffene Hilfe

SPIEGEL ONLINE: Viele Patienten wissen gar nichts von ihren Möglichkeiten und sind überfordert bei der Suche nach den besten Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten. Was raten Sie ihnen?

Westphalen: Patienten können sich an den Krebsinformationsdienst  wenden. Zudem bieten viele Krebszentren Beratungsstellen an. Hier werden Betroffene individuell beraten und an entsprechende Kliniken vermittelt. Außerdem haben die meisten Universitätskrankenhäuser Spezialsprechstunden für die verschiedenen Krebserkrankungen. Ich rate grundsätzlich dazu, sich bei mehreren Stellen zu informieren und auch eine Begleitung mitzunehmen, um möglichst viele Informationen über Diagnostik- und Therapieoptionen zu erhalten.

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