Ein rätselhafter Patient Kleinkind in Not

Immer wieder landet ein Dreijähriger in der Notaufnahme. Er hat epileptische Anfälle, zittert, fiebert. Kein medizinischer Test verrät die Ursache - bis die Ärzte eine entscheidende Frage stellen.

Kind im Krankenhaus (Symbolbild)
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Kind im Krankenhaus (Symbolbild)

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Der Dreijährige hat epileptische Anfälle, seine Bewegungskoordination ist gestört, er hat Mühe beim Sprechen, seine Gliedmaßen zittern immer wieder unwillkürlich. Mit diesen Symptomen bringt eine Mutter ihr Kind in die Kinder-Notaufnahme des Universitätskrankenhauses Son Espases in Palma de Mallorca. Dem Jungen gehe es seit zwei Wochen schlecht, beschreibt sie. Er habe einen Atemwegsinfekt durchgemacht und dabei auch Fieber gehabt.

Die Ärzte suchen im Blut des Jungen nach Anzeichen für Viren, die das zentrale Nervensystem angreifen können. Sie messen die Aktivität seines Gehirns im EEG und suchen per Computertomografie (CT) und Kernspin nach der Ursache seiner Beschwerden. Doch alle Befunde sind unauffällig.

Der Zustand des Jungen bessert sich derweil. Nach drei Tagen ohne weitere Beschwerden wird er entlassen.

Drei Monate später ist er wieder in der Notaufnahme. Binnen einer Woche hatte der Junge fünf epileptische Anfälle, sogenannte Grand-Mal-Anfälle, bei denen er das Bewusstsein verlor, sich die Muskeln seines Körpers erst verkrampften und dann rhythmisch zuckten. Zudem hatte er Fieber. In den 24 Stunden vor der Einlieferung waren erneut seine Bewegungskoordination und Sprache gestört.

Wo sind bloß die Viren?

Diesmal gibt es Auffälligkeiten bei den Untersuchungen, jedoch wieder keinen Hinweis auf die Ursache. Das EEG zeigt eine insgesamt verlangsamte Hirnaktivität. Im CT wird eine Fraktur am Hinterkopf sichtbar, die vermutlich von einem Sturz infolge eines Grand-Mal-Anfalls stammt. Die Leberenzym-Werte sind leicht erhöht. Auch eine Nervenwasser-Probe analysieren die Ärzte, hier liegen alle Werte im Normalbereich.

Die Mediziner vermuten, dass der Junge an einer von Viren verursachten Hirnhautentzündung leidet. Sie verabreichen ihm deshalb ein Medikament, das das Wachstum der Viren hemmen soll, sowie ein Antiepileptikum gegen die Anfälle. Sie führen weitere Tests durch, um den viralen Erreger zu bestimmen - doch alle sind negativ.

Am siebten Tag, der Virushemmer wurde gerade abgesetzt, kehren das Fieber und die Anfälle zurück. Der Junge verfällt in einen sogenannten Stupor, einen Zustand der Starre, sodass er auf die pädiatrische Intensivstation verlegt werden muss. Wieder erstellen die Mediziner ein CT und untersuchen das Nervenwasser. Wieder bleibt die Ursache im Dunkeln.

Es vergeht eine weitere Woche, in der sich der Junge langsam erholt und keine weiteren Anfälle auftreten, sodass er schließlich wieder nach Hause kann.

Zum dritten Mal in der Notaufnahme

Nur drei Tage später ruft die Mutter im Krankenhaus an: Direkt nach seiner Entlassung habe ihr Sohn erneut Fieber bekommen und unter Krämpfen gelitten. Sie bringt ihn wieder in die Klinik. Zu diesem Zeitpunkt kann der Junge nicht einmal mehr sitzen, so stark ist seine Bewegungskoordination gestört.

Weil die Krankheit so seltsam und schwankend verläuft, kommt in der Klinik ein Verdacht auf. Hat die Mutter möglicherweise ihr Kind vergiftet, um die Symptome hervorzurufen? Die Frau sagt, sie habe dem Jungen lediglich das Schmerzmittel Paracetamol, einen Hustensirup sowie das von den Ärzten verordnete Antiepileptikum, Valproinsäure, gegeben. Sie zählt auf, welche Medikamente sie außerdem im Haus hat, ist sich aber sicher, dass das Kind diese nicht einnehmen konnte.

Die Mediziner ordnen einen toxikologischen Test an - und werden fündig. Im Urin des Jungen weisen die Toxikologen neben Paracetamol und den Wirkstoffen des Hustensirups auch Alimemazin nach.

Das entsprechende Medikament hatte die Mutter in ihrer Aufzählung nicht erwähnt, was den Verdacht der Ärzte verstärkt. Sie untersuchen nun eine Probe des Mageninhalts des Jungen und weisen den Wirkstoff auch dort nach. Ebenso finden sie das Mittel in den Blut- und Nervenwasser-Proben, die von früheren Untersuchungen vorliegen.

Alimemazin ist in Spanien seit Mitte der Sechzigerjahre auf dem Markt, schreibt das Team um Bernardino Barceló Martín, das im Fachblatt "Forensic Science International" über den Fall berichtet. Es ist gegen allergische Beschwerden zugelassen, wird jedoch relativ oft als Schlafmittel für Kinder verordnet, so die Mediziner.

Als sie die Mutter mit dem Fund konfrontieren, sagt sie, der Kinderarzt habe dem Jungen zwei Jahre zuvor Alimemazin für drei Tage verordnet, um seinen Schlafzyklus zu regulieren. Daraufhin analysieren die Ärzte Haarproben des Kindes.

Dem Ergebnis zufolge wurde der Junge wohl mindestens acht Monate lang mit Alimemazin vergiftet. Die Konzentrationen in allen untersuchten Proben - Blut, Nervenwasser, Mageninhalt, Haare, Urin - seien, mit nur einer Ausnahme, über dem Bereich, der für Kinder in der Literatur angegeben wird.

Sehr seltene Störung

Jetzt wissen die Ärzte, was den Jungen krank macht: seine Mutter. Sie hat das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, auch Münchhausen-by-proxy (MBPS) genannt. Es ist eine sehr seltene Störung, die meist Frauen trifft - vor allem sind es Mütter, die ihre Kinder wiederholt verletzen oder vergiften und dann medizinisch behandeln lassen. Nicht jedes der misshandelten Kinder überlebt diese Tortur. Denn oft vergeht viel Zeit, ehe Ärzte den Verdacht auf MBPS hegen und äußern, auch weil die Frauen ihr Tun verschleiern und sich anderen gegenüber als fürsorgliche, besorgte Mutter präsentieren.

Bei dem beschriebenen Fall in Spanien vergingen fünf Monate bis zur Diagnose - damit ging es vergleichsweise schnell, was aus Sicht der Autoren auf der guten Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen an der Uniklinik beruht.

Die Mediziner schalten das Sozialamt ein, der Junge wird unter die Aufsicht einer Pflegemutter gestellt. Sein Zustand verbessert sich kontinuierlich, nachdem er von seiner Mutter getrennt wurde. Die Ärzte können schließlich das Anitepileptikum absetzen und das Kind nach elf Tagen aus dem Krankenhaus entlassen.

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