Das Monument Starker schwacher Mann

Länger, als er im Boxring stand, kämpfte Ali gegen Morbus Parkinson.

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Je älter Muhammad Ali wurde, desto mehr wurde das Bild des starken Boxers verdrängt, verschoben, überlagert vom Bild eines schwächer und irgendwie kleiner werdenden Mannes, der seine großen Fäuste nicht mehr unter Kontrolle hatte. Manchmal, wenn prominenter Besuch kam, Nelson Mandela etwa im Jahr 2003, wollte Ali die Fäuste heben wie einst. Man sieht es auf den Fotos.

Es gelang nicht mehr. Sie folgten nicht mehr.

Niemand kann wissen, was in solchen Momenten in ihm vorgegangen ist. Schrecken? Angst?

Vielleicht das, was der Dichter Rainer Maria Rilke über den "Panther" schrieb?

"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe, so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht."

Aus SPIEGEL BIOGRAFIE 2/2016

Morbus Parkinson betäubte den großen Willen des großen Mannes Muhammad Ali, dessen Blick, dessen Schritt. Tausend Stäbe?

Tausende Schläge, angeblich 29.000 Schläge hatten den Schädel dieses Menschen getroffen, weshalb nun viele meinten, die Ursache seiner Erkrankung zu kennen. Aber so einfach ist es nicht. Wäre es so einfach, man müsste nur das Boxen verbieten, um diesen Morbus abzuschaffen.

Angeblich hatte Ali schon 1981 bemerkt, dass sich sein Körper veränderte. In seinem letzten großen Fight, in Nassau, Bahamas, habe er die Arme zur Verteidigung nicht mehr ausreichend heben können. Er verlor.

Der letzte große Kampf

Drei Jahre später wurde bei Muhammad Ali Parkinson diagnostiziert. Und der letzte große Kampf begann gegen einen schwer auszumachenden Gegner.

Morbus Parkinson war leichtfüßiger als jeder Angreifer zuvor. Morbus Parkinson lauerte irgendwo in dem Boxring seines Lebens, aber dessen Angriffe waren kaum berechenbar, selbst wenn einer wie Ali es gewohnt war, in Deckung zu gehen, den Kopf zu schützen und wieder anzugreifen. Aber seine hundert Kilo konnte er nun nicht mehr perfekt steuern.

Wie schon im Kampf gegen die Diskriminierung entschied sich Ali auch gegen diesen miesen Morbus für Angriff. Er redete offen über seine Krankheit, er nannte die Krankheit einen "Test Gottes".

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Muhammad Ali: Großmaul, Kämpfer, Champion

Ali gab Interviews, er sprach im Fernsehen über die Krankheit und sein verändertes Leben. Man muss seine Worte nicht verstehen, man sieht die Unterschiede. Der große, schwere Mann läuft nun nicht mehr so locker. Und die große Lippe? Er öffnet den Mund nur noch wenig beim Sprechen. Großmaul ade. Schlagartig, scheint es, ist jede Schlagfertigkeit futsch.

Gemeinsam mit dem ebenfalls an Parkinson erkrankten Schauspieler Michael J. Fox warb Ali nun für mehr Respekt gegenüber Menschen mit Behinderungen und spendete für die Forschung, er gründete sogar ein Forschungszentrum. Ein Foto aus dem Jahr 2006 zeigt Fox und Ali gemeinsam auf einer Gala, man sieht, wie sie versuchen zu lächeln. Respekt und immer wieder Respekt: Es ist nicht üblich, dass starke Männer Schwäche zeigen. Es ist auch nicht leicht.

Punktsiege erzielte Ali im Ring gegen Morbus Parkinson schon. Öffentliche Auftritte gelangen ihm, selbst wenn er seine Gesichtszüge nicht immer kontrollieren konnte. 2010 wurde er bejubelt, als er zur Eröffnung der Reit-WM in Kentucky erschien. Er wurde in einem Auto durch die Arena gefahren.

Er habe nie seinen Optimismus aufgegeben, sagte sein Arzt. Auch nicht, als er im Rollstuhl sitzen musste. Seine Frau Yolanda Williams sprach voller Bewunderung über den längsten Kampf ihres Mannes. Es war sicher auch für sie hart, aber das geht meistens unter.

Bilder, die ihn im Alter von 70 Jahren zeigen, lassen ahnen, welchen Schmerz dieser Mann spürte, dem der Körper einst so wichtig war, nicht den Schmerz der Muskeln, sondern den des Verlustes.

Das Gesicht war erstarrt.

So wie es bei Rilke heißt: "Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannter Stille - und hört im Herzen auf zu sein."



insgesamt 3 Beiträge
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licorne 21.06.2016
1. Eine demütigende Krankheit
es geht immer nur abwärts, man altert im Zeitraffer. Menschen, die nicht wissen, was der Kranke hat, denken oft, er sei betrunken. Für die Partner ist es auch schwer, aber alle müssen versuchen, trotzdem Lebensfreude zu fühlen und zu geben. So ist es mit vielen chronischen Krankheiten, es ist nicht leicht, seine Würde zu behalten, wenn die Kräfte schwinden.
mortenk 21.06.2016
2. Ärzte haben keine Ahnung und kein Interesse.
Vor 25 Jahren wurde bei mir ein Parkinsonoid diagnostiziert. Im Rückblick gabs die ersten Symptome nochmal 20 Jahre früher. Ich habe noch keinen Neurologen getroffen, der sich auch nur im geringsten auskannte. In einer Rehaklinik wollte man mich mit Leponex traktieren, obwohl ich keine Psychose hatte. Ich habe dem Oberarzt Zimmerverbot erteilt und jeden weiteren Kontakt mit ihm verweigert. Die Ursache ist bei mir Hartnup, eine erbliche Stoffwechselkrankheit, die ich selbst diagnostizieren mußte, weil der Erwerb von medizinischem Wissen von den Kassen nicht honoriert wird. Als meine Mutter mit Mitte 70 zu zittern began und die ahnungslosen und desinteressierten Ärzte mit allen Terapieversuchen scheiterten wurde sie in der Neurologie Ludwigsburg mit Leponex zum 60Kg schweren Säugling degradiert, bewegungsunfähig, sabbernd und lallend ihre Windeln voll machend. Daraus gelernt hat Prof. Dr. med. Schabet nichts. Ich hatte meine Mutter gewarnt aber sie wollte nicht hören, darauf hoffend der liebe Onkel Doktor würde seinen Zauberstab schwenken und alles wäre wieder gut.
Grorm 21.06.2016
3. Stimmt!
Zitat von licornees geht immer nur abwärts, man altert im Zeitraffer. Menschen, die nicht wissen, was der Kranke hat, denken oft, er sei betrunken. Für die Partner ist es auch schwer, aber alle müssen versuchen, trotzdem Lebensfreude zu fühlen und zu geben. So ist es mit vielen chronischen Krankheiten, es ist nicht leicht, seine Würde zu behalten, wenn die Kräfte schwinden.
Und am Schlimmsten ist, wenn andere Leute einem die Krankheit gar nicht abnehmen, weil man anscheinend noch zu vital aussieht. Wenn ich nur daran denke, dass ich heute nach dem Einkaufen auf schnöde 300 m ganze 5 Pausen wegen Luftnot machen musste! Ich habe nach einem septischen Schock mit Multiorganversagen eine persistierende, massive Niereninsuffizienz. Zudem bekam ich während des 3-monatigen Klinikaufenhaltes 4 Pneumonien, davon sogar eine atypische. Und genau so sieht das Röntgenbild meiner Lunge auch aus: Wie ein Schlachtfeld in Flandern 1914 - 1918 ...
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