Medikamentenkombi Neue Therapie hilft vielen Mukoviszidose-Patienten

Experten sprechen von einem Durchbruch: Eine neue Kombinations-Therapie kann bis zu 90 Prozent der an Mukoviszidose Erkrankten helfen. In den USA wurde das Medikament bereits zugelassen.

Patient mit Atemwegsbeschwerden (Symbolbild)
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Patient mit Atemwegsbeschwerden (Symbolbild)


"Durchbruch", "Meilenstein" - selten reagiert die Fachwelt so euphorisch auf eine neue Therapie wie auf diese: Ein internationales Ärzteteam um Peter Middleton von der Universität Sydney hat im Fachblatt "NEJM" eine Kombination dreier Wirkstoffe gegen Mukoviszidose vorgestellt. Die Behandlung bessert die Situation bei bis zu 90 Prozent der an der Stoffwechselerkrankung leidenden Patienten deutlich. In den USA wurde das Präparat Trikafta nach einem beschleunigten Verfahren schon am 21. Oktober für Patienten ab zwölf Jahren zugelassen. Bei der europäischen Behörde EMA liegt bereits ein Antrag für die Zulassung.

Häufigste angeborene Stoffwechselkrankheit in Europa

Mukoviszidose ist in Europa die häufigste angeborene Stoffwechselerkrankung. In Deutschland werden laut Helmholtz-Zentrum München jährlich rund 200 Kinder mit der Erkrankung geboren.

Bei der Krankheit sorgen fehlerhafte Chloridkanäle auf der Oberfläche von Zellen dafür, dass Schleim etwa in Bronchien, Bauchspeicheldrüse, Schweißdrüsen, Verdauungstrakt und anderen Organen so zähflüssig wird, dass er nicht richtig abfließt. Folgen der lebensbedrohlichen und bislang unheilbaren Erkrankung sind etwa Dauerhusten, chronischer Durchfall und wiederkehrende Lungenentzündungen.

Die Krankheit wird durch Mutationen am Gen CFTR verursacht. Mehr als 1700 solche Veränderungen können Mukoviszidose - auch cystische Fibrose (CF) genannt - auslösen. Die neue Therapie zielt auf die mit Abstand häufigste Mutation: Phe508del. Zwar wurden in den vergangenen Jahren diverse Therapien zugelassen, sie kommen jedoch nur für kleinere Teilgruppen der Patienten infrage.

"In Europa haben etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten diese häufigste Mutation", sagt Sabine Renner, die die Ambulanz für Cystische Fibrose an der Medizinischen Universität Wien leitet.

An der jetzt veröffentlichten Studie nahmen mehr als hundert Zentren in 13 Ländern und mehr als 400 Patienten ab zwölf Jahren mit der Phe508del-Mutation teil. Auch Renner und ihre Kollegen betreuten Studienteilnehmer.

Eine Hälfte der Probanden bekam die drei Wirkstoffe Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor, die übrigen erhielten ein Scheinpräparat. Nach vier Wochen war die Lungenfunktion im Vergleich zum Placebo um rund 14 Prozent verbessert, die Rate der Lungenbeeinträchtigungen lag um 63 Prozent niedriger.

"Bereits nach zwei Wochen fitter"

"Bereits nach zwei Wochen sind die Patienten unter der Therapie fitter, respiratorisch verbessert und zeigen die enorme Lungenfunktionsverbesserung", sagt Sabine Renner. "Zusätzlich zeigt sich eine völlig unkomplizierte Gewichtszunahme, auch bei Patienten, die bisher immer 'um jedes Gramm' kämpfen mussten."

Zwei der insgesamt 200 mit dem Präparat behandelten Patienten brachen die Therapie ab - wegen Bluthochdruck und wegen Hautausschlag. Insgesamt hatten 28 mit der Kombination behandelte Patienten ernste Nebenwirkungen, verglichen mit 42 in der ebenso großen Placebogruppe. Zu diesen Nebenwirkungen zählte unter anderem eine Verschlimmerung der Lungenprobleme - sie trat bei Teilnehmern in der Placebogruppe häufiger auf als bei jenen, die die Wirkstoffkombination erhielten. Generell sprechen die Autoren von einem akzeptablen Nebenwirkungsprofil.


Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde unter anderem vom Hersteller des Präparats, Supported by Vertex Pharmaceuticals, finanziert.


Zugelassen wurde das Präparat Trikafta in den USA für Patienten ab zwölf Jahren mit der entsprechenden Mutation am CFTR-Gen. Die Zulassungsbehörde FDA schreibt, dass das Dreier-Präparat in der zweiten, noch unveröffentlichten Studie die Lungenfunktion im Vergleich zur derzeitigen Zweier-Kombination um 10 Prozent besserte.

Erstmals stehe für die Mehrheit der Patienten eine kausale Therapie zur Verfügung, sagt Mirjam Stahl vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) in Heidelberg. "Es ist aus meiner Sicht absolut angebracht in Superlativen von dieser Therapie zu sprechen." Sie spricht von deutlichen Verbesserungen, die sich für die Patienten in einer besseren körperlichen Leistungsfähigkeit und einer Verbesserung der Lebenserwartung widerspiegeln würden.

Nicht die anderen Patienten vergessen

Renner betont, man dürfe nicht jene Betroffenen vergessen, die nicht für die Therapie infrage kämen: "Patienten mit anderen Mutationen, mit Unverträglichkeit der Triple-Therapie, mit einer deutlichen Lebererkrankung - was ja bei CF doch recht häufig ist, Patientinnen, die eine Schwangerschaft planen oder schwanger sind, und Patienten, bei denen Interaktionen mit anderen Medikamenten eine Kontraindikation darstellen."

Ähnlich äußert sich Francis Collins von den National Institutes of Health in Bethesda (US-Staat Maryland) in einem Kommentar im "NEJM". Die Entwicklung der neuen Therapie sollte zwar "ein Grund für eine große Feier" sein, denn künftig könne man 90 Prozent der Patienten sicher und wirksam behandeln. Doch die anderen Patienten dürfe man nicht aufgeben. Das Ziel der Forschung sei eine dauerhafte Heilung, die bei sämtlichen Betroffenen funktioniere.

wbr/Walter Willems, dpa



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