Multiple Sklerose Mediziner zweifeln an fragwürdiger Theorie

Kranke Gefäße sollen Multiple Sklerose verursachen, glauben Anhänger einer umstrittenen Theorie. Sie behandeln Patienten mit einem teuren Verfahren, bei dem Stents eingesetzt werden. Doch die Methode ist riskant und eine Studie zeigt jetzt: Die MS-These ist falsch.

Frau im Rollstuhl: Theorie über MS ist unhaltbar
Corbis

Frau im Rollstuhl: Theorie über MS ist unhaltbar


Patienten mit Multipler Sklerose (MS) kämpfen mit vielen Problemen. Manche werden furchtbar müde, ihre Sprache wird undeutlich, Unsicherheiten beim Gehen und Stehen machen den Alltag beschwerlich. Viele der überdurchschnittlich häufig betroffenen jungen Frauen benötigen einen Rollstuhl als Hilfsmittel. Prominentestes Beispiel ist die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die mit ihrer Krankheit offen umgeht.

Es ist verständlich, wenn man in dieser Situation auch Ungewöhnliches versucht. Vor allem, wenn Ärzte versprechen, nicht nur die Symptome einer Krankheit zu lindern, sondern zu heilen.

In den letzten Jahren haben etwa 30.000 MS-Patienten weltweit solchen Versprechen geglaubt und sich einem sogenannten Liberation Treatment unterzogen. Der Operation liegt die Annahme zugrunde, dass die chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems nicht durch eine Autoimmunreaktion, sondern durch Einengungen in Venen hervorgerufen wird, die das Blut aus dem Kopf zurück zum Herzen führen.

Blutstau im Kopf statt Immunkrankheit?

Diese Abflussstörung wird als chronische cerebro-spinale venöse Insuffizienz bezeichnet, kurz CCSVI. Dabei würde sich Eisen im Gehirn ablagern mit negativen Folgen für die Nerven, so die Theorie des italienischen Gefäßchirurgen Paolo Zamboni von der Universität Ferrara. Beim Liberation Treatment weitet der Chirurg mit einem Ballonkatheter die Engstellen in den Gefäßen und setzt eventuell eine Gefäßstütze, Stent genannt, ein.

Nachdem der neue Behandlungsansatz sowie erste positive Erfahrungsberichte 2009 publik wurden, stürzten sich Patienten auf die Behandlungsmöglichkeit. Ungeachtet der Tatsache, dass es keine klinischen Studie dazu gab.

Schwere theoretische Mängel

Forschungsgelder flossen vor allem in den USA und in Italien. Doch nun zeigt eine im britischen Medizinjournal "The Lancet" veröffentlichte Studie der kanadischen Forscher Dessa Sadovnik und Anthony Traboulsee von der University of British Columbia in Vancouver schwerwiegende Mängel an Zambonis Theorie.

Der Gefäßchirurg und einige seiner Kollegen hatten eine Reihe kleinerer Studien durchgeführt, um zu zeigen, dass CCSVI vor allem bei MS-Patienten auftritt. Tatsächlich schienen diese Studien die Annahme zu bestätigen. Problematisch an Zambonis eigenen Studien war, dass er selbst sehr genau wusste, wer an MS litt und wer nicht - bei der Beurteilung der Verengungen kann das eine Rolle gespielt haben. Israelische, niederländische, deutsche und italienische Gruppen konnten die Ergebnisse Zambonis denn auch nicht reproduzieren. CCSVI könne nicht MS-spezifisch sein, so das Fazit einer der größten Studien hierzu.

Keine Engstellen in den Venen

Die kanadischen Forscher gehen jetzt noch einen Schritt weiter. Ihre Studie zeigt, dass die Hypothese der venösen Engstellen unwahrscheinlich ist. Sie setzten anders als Theoriebegründer Zamboni außer auf Ultraschalluntersuchungen der Venen auf die genauere Katheterangiografie der Gefäße: Engstellen in den Venen hatten gleichermaßen 75 Prozent der untersuchten 79 MS-Patienten und der 55 gesunden Geschwister. Selbst bei 43 gesunden Kontrollpersonen gab es das gleiche Ergebnis.

Auch bei zusätzlichen Ultraschalluntersuchungen gab es zwischen den drei Gruppen keinen großen Unterschied. Offenbar, so die Schlussfolgerung der Studienautoren, sind venöse Verengungen im Genick weit verbreitet. "Es ist sehr clever, beide Methoden parallel einzusetzen. Das Studiendesign ist insgesamt so gewählt, dass die Daten auch wirklich als verlässlich gelten können", urteilt Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik im Neuro-Kopf-Zentrum der Technischen Universität München und Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose.

Scheinbehandlung erfolgreicher als Liberation Treatment

Da die CCSVI-Grundannahme demnach falsch ist, dürfte nun auch der Vorhang für das Liberation Treatment fallen. Neurologen der University of Buffalo in New York hatten die Behandlungsmethode unlängst als erste einem strengen wissenschaftlichen Test unterzogen. Eine noch nicht publizierte kleine aber gute Studie mit 19 Probanden teilte die Patienten mittels Losverfahren einer Scheinbehandlung oder der Operation zu. Das Ergebnis: Die Scheinbehandlung führte zu besseren Ergebnissen als der operative Eingriff.

Nicht nur dass in der OP-Gruppe viermal so viele MS-Schübe in den nachfolgenden sechs Monaten auftraten. Das Allgemeinbefinden war auch schlechter, die Krankheitsaktivität bei den Teilnehmern hatte deutlich zugenommen und bestehende Entzündungsherde hatten sich nicht verbessert.

"Es war ziemlich das Gegenteil von dem, was wir erwartet haben. Die wichtigsten Resultate sind, dass die Behandlung zwar sicher war und es keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gegeben hat, dass sie aber auch keine anhaltende Besserung bei den MS-Patienten bewirkt hat", interpretierten die Studienautoren ihre Ergebnisse.

Hypothese im Widerspruch zur Wissenschaft

Zambonis Hypothese stand zudem von vornherein im Widerspruch zur Tatsache, dass mittlerweile etwa 110 mit Multiple Sklerose assoziierte Gene bekannt sind und die erfolgversprechendsten MS-Medikamente auf das Immunsystem einwirken.

Spätestens seit die medizinische Fachzeitschrift Lancet Neurology 2010 über Todesfälle im Zusammenhang mit der Behandlung berichtete, mahnten viele Neurologen zur Zurückhaltung. Auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hatte damals erstmals vor dem Eingriff gewarnt und darauf hingewiesen, dass die zugrundeliegende Stauungs-Hypothese nicht haltbar wäre.

"Wir fordern ein Verbot derartiger Eingriffe"

"Warnenden Medizinern wurde jedoch unterstellt, dass sie mit der Pharmaindustrie verbandelt seien, die nichts an dieser Methode verdienen könnte und deshalb dagegen sei", erzählt Hemmer. Ungeachtet der Warnungen wurde das Liberation Treatment auch nach dem damaligen "Lancet"-Bericht von einigen Zentren auch in Deutschland ohne Bedenken angeboten.

"Wir fordern endgültig ein Verbot derartiger Eingriffe außerhalb klinischer Studien", sagt Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik am St. Josef-Hospital des Universitätsklinikum an der Ruhr-Universität Bochum, der Vorstandsmitglied der DGN ist. Das wäre auch das Ende eines einträglichen Geschäfts, denn jedes Liberation Treatment kostet zwischen 8000 und 9000 Euro. Diese Kosten müssen die Patienten selbst tragen. "In Anbetracht der aktuellen Studienlage ist das absolut inakzeptabel", so Hemmer.



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rst2010 10.10.2013
1. also
genau so ein irrglaube, wie, dass vitamine schlucken gesund sei. das gegenteil ist der fall, vitamine zu nehmen, ohne eine mangelerscheinung damit zu benhandeln, verkürzt das leben (s. aktuelles spektrum).
schlutzmitlustig 10.10.2013
2.
-"Warnenden Medizinern wurde jedoch unterstellt, dass sie mit der Pharmaindustrie verbandelt seien, die nichts an dieser Methode verdienen könnte und deshalb dagegen sei", erzählt Hemmer- Typisches Argument von Verfechtern zweifelhafter Thesen und Methoden in der Medizin. Das Perfide dabei ist, dass diejenigen, die solche Aussagen tätigen, meistens ganz gut daran verdienen. Habe in meinem Bekanntenkreis auch eine junge Frau mit MS, hoffe dass die Behandlung endlich einen guten Schritt nach vorne macht.
verado 10.10.2013
3.
Als Betroffene, die diese Behandlung hat machen lassen und sich mit dem Thema im Internet seit 3 Jahren befasst, bin ich entsetzt über diesen schlecht recherchierten Spiegelartikel. Nicht allein die verengten Venen, sondern die dadurch resultierende Störungen des Abflusses von Blut aus dem Kopfbereich sorgen für den Schaden im Gehirngewebe. Immunzellen reagieren auf das, durch die porös gewordene Bluthirnschranke eintretende Blut/ Eisen, erkennen es als ‚Feind’ und greifen an, die Myelinschicht wird zerstört. Keine Autoimmunreaktion ! Das ist die Grundlage der CCSVI-Forschung. Eine Gefäßweitung ist nichts “ Ungewöhnliches „ wie es hier geschrieben wird - Herzpatienten rettet es oft das Leben. Ganz klar ist, dass Vieles noch erforscht werden muss - ein Skandal, dass Deutschland nicht dabei ist - und sehr klar ist auch, dass die Behandlung schon vielen Menschen geholfen hat. Ein MS Patient ist mit der Linderung von Symptomen oft mehr als zufrieden! Ich hoffe sehr auf einen weiteren, besser recherchierten Artikel zu diesem hoch interessanten Thema, welches nicht nur die MS sondern auch Parkinson, Alzheimer, Autismus, Dysfunktionen des autonomen Nervensystems betrifft.
verado 10.10.2013
4.
Zitat von sysopCorbisKranke Gefäße sollen Multiple Sklerose verursachen, glauben Anhänger einer umstrittenen Theorie. Sie behandeln Patienten mit einem teuren Verfahren, bei dem Stents eingesetzt werden. Doch die Methode ist riskant und eine Studie zeigt jetzt: Die MS-These ist falsch. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/multiple-sklerose-das-ende-der-cerebro-spinalen-nervoesen-insuffizienz-a-926863.html
Als Betroffene, die diese Behandlung hat machen lassen und sich mit dem Thema im Internet seit 3 Jahren befasst, bin ich entsetzt über diesen schlecht recherchierten Spiegelartikel. Nicht allein die verengten Venen, sondern die dadurch resultierende Störungen des Abflusses von Blut aus dem Kopfbereich sorgen für den Schaden im Gehirnsgewebe. Immunzellen reagieren auf das, durch die porös gewordene Bluthirnschranke eintretende Blut, bzw. Eisen, Erkennen es als ‚Feind’ und greifen diese Zellen an. Keine Autoimmunreaktion ! Das ist die Grundlage dieser neuen Forschung. Eine Gefäß Läuterung ist nichts “ Ungewöhnliches „ wie ich hier geschrieben wird. Herzpatienten rettet es oft das Leben. Ganz klar ist, dass vieles noch erforscht werden muss und sehr klar ist auch, dass die Behandlung schon vielen Menschen geholfen hat. Ein MS Patient ist mit der Linderung von Symptomen schon sehr zufrieden! Ich hoffe sehr auf einen weiteren, besser recherchierten Artikel zu diesem hoch interessanten Thema, welches nicht nur die MS sondern auch Parkinson, Alzheimer, Autismus, Dysfunktionen des autonomen Nervensystems betrifft.
psychologiestudent 11.10.2013
5.
Zitat von veradoAls Betroffene, die diese Behandlung hat machen lassen und sich mit dem Thema im Internet seit 3 Jahren befasst, bin ich entsetzt über diesen schlecht recherchierten Spiegelartikel. Nicht allein die verengten Venen, sondern die dadurch resultierende Störungen des Abflusses von Blut aus dem Kopfbereich sorgen für den Schaden im Gehirnsgewebe. Immunzellen reagieren auf das, durch die porös gewordene Bluthirnschranke eintretende Blut, bzw. Eisen, Erkennen es als ‚Feind’ und greifen diese Zellen an. Keine Autoimmunreaktion ! Das ist die Grundlage dieser neuen Forschung. Eine Gefäß Läuterung ist nichts “ Ungewöhnliches „ wie ich hier geschrieben wird. Herzpatienten rettet es oft das Leben. Ganz klar ist, dass vieles noch erforscht werden muss und sehr klar ist auch, dass die Behandlung schon vielen Menschen geholfen hat. Ein MS Patient ist mit der Linderung von Symptomen schon sehr zufrieden! Ich hoffe sehr auf einen weiteren, besser recherchierten Artikel zu diesem hoch interessanten Thema, welches nicht nur die MS sondern auch Parkinson, Alzheimer, Autismus, Dysfunktionen des autonomen Nervensystems betrifft.
also ich will Ihnen ganz bestimmt nicht zu nahe treten und freue mich, dass es Ihnen nach dem Eingriff besser geht als vorher. Aber soweit ich sehe gibt es doch keinen Nachweis dazu, dass er tatsächlich hilft, oder seh ich da was falsch? In der Studie zumindest gab es doch keine besseren Effekte als bei einer Placebo-Behandlung, wie auch immer die "echte" theoretische Erklärung sein mag...
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