Multiresistente Erreger Wie gefährlich sind Keime in Badeseen?

Forscher haben multiresistente Bakterien in Badeseen in Niedersachsen gefunden, die Bundesregierung hält eine Übertragung auf Badende für möglich. Wie groß ist die Gefahr?
Sprung ins Wasser (Symbolbild)

Sprung ins Wasser (Symbolbild)

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa

Jede Stichprobe ein Treffer: Bei Recherchen des NDR entdeckten Forscher multiresistente Bakterien in vielen Gewässern Niedersachsens - auch in Badeseen. Eine Übertragung auf Schwimmende sei möglich, räumte die Bundesregierung jetzt in einem Dokument ein, das dem SPIEGEL vorliegt. Wie groß ist die Keimgefahr? Und wie kann man sich schützen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was sind multiresistente Erreger?

Unter den Begriff fallen Krankheitserreger, bei denen mehrere Antibiotika versagen. In der Regel lassen sich die Infektionen trotzdem noch behandeln, weil die Bakterien zwar gegen viele, aber nicht gegen alle Mittel immun sind.

Steckt man sich mit multiresistenten Erregern leichter an als mit anderen Erregern?

Nein. Der Begriff "multiresistent" sagt nur etwas darüber aus, wie gut sich eine Infektion behandeln lässt. Im Körper agieren die multiresistenten Keime genauso wie ihre Verwandten, die noch auf alle Antibiotika reagieren. Anders gesagt: Wenn mein Immunsystem den Kontakt mit einem nicht multiresistenten Bakterium abwehren kann, schafft es das in der Regel auch bei der multiresistenten Variante.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich ein gesunder Mensch beim Baden in einem See mit einem multiresistenten Bakterium infiziert?

"Extrem gering", sagt Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Viele der Bakterien, die bei den Tests gefunden wurden, können sich bei einem gesunden Menschen auf oder im Körper ansiedeln, ohne ihn krank zu machen. "Wir tragen diese Bakterien in ihrer nicht resistenten Form zum Teil zuhauf im Darm", sagt Fätkenheuer.

Hinzu kommt, dass die Bakterien aus dem Wasser in den Körper gelangen müssen, um eine Infektion zu verursachen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand Wasser schluckt. Anschließend müssten die Bakterien jedoch noch das Bad in der Magensäure überstehen und der Immunabwehr trotzen - bei einem gesunden Menschen sehr unwahrscheinlich.

Eine Ausnahme gibt es jedoch: Hat jemand eine offene Wunde - etwa aufgrund eines frisch gestochenen Tattoos - geht mit der Haut eine wichtige Schutzbarriere des Körpers verloren. Dadurch steigt das Risiko, dass beim Baden Krankheitserreger in den Körper eindringen. Menschen mit einer großen offenen Wunde sollten aus diesem Grund besonders vorsichtig sein.

Wie sieht es bei Menschen aus, die ein geschwächtes Immunsystem besitzen?

Haben Menschen ein extrem geschwächtes Immunsystem, ist ihr Körper Krankheitserregern ein Stück weit ausgeliefert. Bei ihnen könnte es beim Baden tatsächlich zu einer Infektion mit den Bakterien kommen, glaubt auch Fätkenheuer. "Das gilt aber nur, wenn das Immunsystem wirklich darniederliegt, etwa aufgrund einer Krebserkrankung oder einer Transplantation", erklärt Fätkenheuer, der auch als Leiter der klinischen Infektiologie an der Uniklinik Köln arbeitet. "Diesen Patienten rät man generell dazu, sich stärker zu schützen. Dazu zählt auch der Verzicht aufs Baden in einem See."

Die Gefahr ist für die meisten also gering. Warum ist es trotzdem wichtig, sich mit multiresistenten Keimen in Gewässern auseinanderzusetzen?

Multiresistente Keime stellen ein großes Risiko für unser Gesundheitssystem dar, das ist unumstritten. Je weiter sie sich verbreiten, desto größer ist die Gefahr, dass sich doch Menschen anstecken. Auch Fätkenheuer unterstützt den Gedanken, Badegewässer regelmäßig auf die Erreger zu untersuchen. "Es ist generell wichtig, zu wissen, wie die Belastung in unserer Umwelt ist", sagt der Infektiologe. "Nur so weiß man, woher die multiresistenten Erreger kommen und kann Gegenmaßnahmen ergreifen."

Bakterien sind nicht die einzigen Krankheitserreger in Badeseen. Deutlich höher ist zum Beispiel das Risiko, sich mit Magen-Darm-Viren zu infizieren. Diese Tipps helfen, die Gefahr zu minimieren:

Wer Angst vor einer Infektion hat, kann sich auf offizielle Badestellen beschränken. Dort überprüfen Hygiene- und Umweltämter regelmäßig die Wasserqualität. Aktuelle Informationen zu offiziellen Badestellen und der dort gemessenen Wasserqualität lassen sich über das Umweltbundesamt  finden.

Außerdem schützt es, nach starken Regenfällen vor allem Flüsse zu meiden. Dann steigt die Keimgefahr aus zwei Gründen: Zum einen kann der Regen Keime von Feldern in die Gewässer schwemmen, die mit Gülle gedüngt wurden. Zum anderen besteht die Gefahr, dass starker Regen Kläranlagen überlastet. Um nicht überzulaufen, öffnen sie ihre Schleusen und das Abwasser fließt ungeklärt in nahe gelegene Flüsse oder Seen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Ebenfalls als Anhaltspunkt für die Wasserqualität kann die Menge an Enten und anderen Wasservögeln dienen: Mit dem Kot der Tiere gelangen Bakterien ins Wasser. Finden sich viele Tiere auf dem Gewässer, ist es deshalb zum Baden eher ungeeignet.

In Schwimmbädern bestehen diese Gefahren nicht. Dort ist die Keimbelastung auch durch den Einsatz von Chlor und die ständige Reinigung in der Regel niedriger als in natürlichen Gewässern.

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