Studie zu Todesursachen Resistente Keime bald gefährlicher als Krebs

Laut einer neuen Studie könnten bald mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs. Die wachsende Bedrohung beschäftigt auch den G7-Gipfel.
MRSA-Keim im Labor: "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter"

MRSA-Keim im Labor: "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter"

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Kanzlerin Angela Merkel hat es selbst auf die Tagesordnung gesetzt, es soll im Kreise der Regierungschefs beim G7-Gipfel in Bayern diskutiert werden: der Kampf gegen die Ausbreitung von resistenten Keimen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat vor dem Treffen von einem "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter" gewarnt - nun bestätigt eine neue Untersuchung diese Befürchtung.

Wenn sich beim Einsatz von Antibiotika und in der Hygiene nichts ändert, wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime wohl drastisch erhöhen. Das geht aus einer Analyse einer Berliner Forscherin im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.

In der Untersuchung warnt Elisabeth Meyer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, dass sich die Zahl der weltweiten Todesopfer von derzeit etwa 700.000 jährlich im Jahr 2050 auf zehn Millionen erhöhen könnte. Für ihre Hochrechnung legt sie Schätzungen der britischen Regierung von 2014 zugrunde und setzt voraus, dass keinerlei Gegenmaßnahmen getroffen werden. Für Europa würde dies einen Anstieg von jetzt etwa 23.000 auf 400.000 Tote bedeuten. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs, schreibt die Autorin.

In Deutschland geht das Bundesgesundheitsministerium von insgesamt 400.000 bis 600.000 Patienten aus, die jedes Jahr durch medizinische Behandlungen Infektionen bekommen - und von bis zu 15.000 Toten. Allerdings gibt es unterschiedlich hohe Schätzungen zu Krankenhauskeimen, von denen auch nicht alle resistent sind: Das Nationale Referenzzentrum (NRZ) an der Berliner Charité geht von maximal 6000 Todesfällen pro Jahr aus. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) setzt die Zahl der jährlichen Todesfälle bei bis zu 30.000 an; die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) dagegen rechnet mit 2000 bis 4500 Patienten, die durch Krankenhauskeime sterben.

Gut ein Zehntel der Keime gilt heute als multiresistent. Das heißt, sie reagieren nicht mehr auf gängige Antibiotika und werden nicht abgetötet. Diese Resistenzen können etwa durch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast entstehen und auf den Menschen übertragen werden. Jährlich bekommen laut Studie rund ein Drittel aller Krankenversicherten ein Antibiotikum verschrieben. Meyer geht davon aus, dass etwa 30 Prozent aller Antibiotika in der Humanmedizin nicht notwendig sind.

Die WHO will ein globales Aktionsprogramm gegen Resistenzen starten. Mitte Mai brachte die Bundesregierung eine Strategie gegen resistente Keime auf den Weg, die neue Meldepflichten, eine stärkere Überwachung und schärfere Hygieneregeln für Kliniken enthält.

Bei Schnupfen auf Antibiotika verzichten

Den Grünen im Bundestag gehen die Vorschläge der Bundesregierung jedoch nicht weit genug. Sie tue zu wenig gegen Antibiotika-Missbrauch in der Massentierhaltung. "Für Menschen überlebenswichtige Reserve-Antibiotika müssen im Stall sofort verboten werden", forderte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.

Gröhe sprach sich dafür aus, durch mehr Kooperationen staatlich geförderter Forschungseinrichtungen mit Pharmafirmen Anreize für eine verstärkte Forschung in diesem Bereich zu setzen. Er will erreichen, dass Institutionen bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe zusammenarbeiten. Denn die Forschung und Herstellung neuer Antibiotika ist sehr aufwendig und teuer. Die Ausweitung von Kooperationen sei viel wirksamer als neue Subventionen.

Das bestätigt auch Bayer-Vorstandschef Marijn Dekkers. In einem Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er kürzlich, dass die Pharmaindustrie zu wenig Anreize habe, neue Antibiotika für die Patienten zu entwickeln. "Ich rechne mit einem multinationalen Fonds für die Antibiotika-Forschung. Das kann ein Land allein nicht stemmen", so Dekkers im Hinblick auf den G7-Gipfel.

Gröhe betonte weiter, jeder Einzelne könne helfen, Resistenzen vorzubeugen. So dürfe nicht bei jedem Schnupfen nach einem Antibiotikum verlangt werden. "Der weltweite Anstieg von Antibiotika-Resistenzen hat ein ähnlich verheerendes Potenzial wie der Klimawandel: Wenn nicht schnell und klug gegengesteuert wird, bedeutet das eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes", sagte er.

joe/dpa/Reuters