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08. April 2015, 17:55 Uhr

Schlechter Atem

"Mundgeruch kommt fast nie aus dem Magen"

Ein Interview von

Soll man Menschen sagen, wenn sie Mundgeruch haben? Und was hilft gegen üble Gerüche aus der Mundhöhle? Zahnmediziner Andreas Filippi spricht über das Tabu Mundgeruch und dessen wahre Ursachen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Filipi, wie viele Menschen haben Mundgeruch?

Filippi: Etwa ein Viertel der Bevölkerung, wenn man die Menschen, die ständig Mundgeruch haben, zusammenrechnet mit denen, die nur gelegentlich betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man selbst testen, ob man Mundgeruch hat?

Filippi: Man liest zuweilen, dass man den eigenen Mundgeruch wahrnehmen könne, wenn man in die hohle Hand atmet, mit dem Esslöffel über die Zunge streicht und danach an diesem riecht oder wenn man an benutzter Zahnseide schnüffelt. Aber das ist alles Humbug, das funktioniert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte man stattdessen machen, wenn man befürchtet, Mundgeruch zu haben?

Filippi: Am besten funktioniert das, was am schwierigsten umzusetzen ist - jemanden zu fragen, dem man vertraut. Alles andere ist unsicher und führt eventuell zu falschen Ergebnissen. Wenn man es professioneller haben will, sollte man eine Mundgeruch-Sprechstunde aufsuchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie Mundgeruch fest?

Filippi: Wir machen das standardisiert: Wie stark ist der Mundgeruch in einem Abstand von einem Meter oder 30 Zentimetern? Wir stellen verschiedene Schweregrade und verschiedene Arten von Mundgeruch fest. Daraus kann man Schlüsse hinsichtlich der Ursache stellen. Und es gibt auch professionelle Messgeräte.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie müssen schon riechen. Ist das nicht belastend?

Filippi: Das gehört zum Job - das geht dem Hautarzt nicht anders als dem Urologen. Die Crux ist, dass es sehr wenige Mundgeruch-Sprechstunden gibt. Die meisten Zahnärzte haben leider keine Ahnung von dieser Thematik. Man sollte sich aber unbedingt jemanden suchen, der sich mit Mundgeruch auskennt. Auf der Homepage des Arbeitskreises Halitosis gibt es eine Liste von qualifizierten Sprechstunden nach Postleitzahlen geordnet. Das sind noch immer sehr wenige.

SPIEGEL ONLINE: Warum kümmern sich die Zahnärzte nicht um Mundgeruch?

Filippi: Das kann man den Kollegen kaum vorwerfen. Mundgeruch ist kein Teil des Zahnmedizin-Studiums. Kurioserweise spielt es im Ausbildungskatalog deutscher Universitäten keine Rolle, obwohl es die Menschen beschäftigt. Es gibt nur einzelne Hochschullehrer, die das Thema in Eigeninitiative vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Mundgeruch ist sehr stark tabuisiert. Wie gehen Sie damit um?

Filippi: Zu uns in die Sprechstunde kommen Menschen aus ganz Europa. Wenn ich diese persönlich fragen würde, ob sie Beziehungen eingehen können mit ihrem Mundgeruch, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich nicht nur authentische Antworten bekäme vor Scham. Deshalb füllen die Patienten vor der Behandlung zu Hause einen Fragebogen aus. Menschen mit Mundgeruch geht es zum Teil unfassbar schlecht. Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsplätze gehen verloren - es zerbrechen Leben wegen des blöden Mundgeruchs. Das würden mir die Betroffenen kaum ins Gesicht sagen, aber aufschreiben, das geht.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man jemanden darauf ansprechen, dass er Mundgeruch hat?

Filippi: Klar wäre das gut. Aber das bringt fast keiner. Auch Zahnärzte haben Hemmungen, ihren Patienten zu sagen, dass sie Mundgeruch haben. Wenn der Patient wüsste, dass er in der Zahnarztsprechstunde auf Mundgeruch angesprochen werden kann, wäre es niemandem mehr peinlich. Das fiele unter die ärztliche Schweigepflicht. Das Problem ist, dass es völlig unüblich ist, in der Zahnarztpraxis über Mundgeruch zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ursachen kann Mundgeruch haben?

Filippi: Bei etwa 90 Prozent der Patienten entsteht der Mundgeruch in der Mundhöhle. Es gibt allein dort etwa 200 mögliche Ursachen, oft kommen mehrere zusammen. Häufige Ursachen sind die Zungenoberfläche, parodontale Taschen oder eine Reduktion der Speichelflussrate.

SPIEGEL ONLINE: Die restlichen zehn Prozent?

Filippi: Zwei bis drei Prozent kommen aus dem HNO-Bereich, da spielt die Nebenhöhlenentzündung eine Rolle. Wichtiger ist noch die Entzündung der Rachenmandeln, insgesamt aber auch nur verantwortlich für etwa ein Prozent der Mundgeruchsfälle. Dann gibt es noch die psychiatrischen Fälle - das heißt, Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten starken Mundgeruch, der sich aber nicht nachweisen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Man hört immer wieder, dass der richtig schlimme Mundgeruch aus dem Magen käme.

Filippi: Ich frage mich wirklich, warum dieses Ammenmärchen in der Bevölkerung und sogar unter den Medizinern kursiert. Denn die wissenschaftliche Literatur bestätigt das überhaupt nicht. Die Zahl der Magenspiegelungen, die wegen Mundgeruch gemacht werden, ist unfassbar hoch. Dabei kommt Mundgeruch fast nie aus dem Magen! Und auch nicht vom Bakterium Helicobacter pylori, das Magengeschwüre verursacht. Bei vielen Medizinern fehlt auch heute noch fundamentales Wissen über die Entstehung von Mundgeruch.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Mundgeruch behandelt?

Filippi: Es gibt keine Standardbehandlung. Mundwasser hilft nicht, man muss sich auf Ursachenforschung begeben. Nur, wenn man die Ursachen kennt, kann man diese konsequent ausschalten.

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