Wir machen uns mal frei Techno auf Rezept

Meistens dient das Entertainment beim Arzt dazu, teure Therapien anzupreisen oder vom Wesentlichen abzulenken. Aber in einer düsteren Praxis erlebt Kolumnist Frederik Jötten eine angenehme Überraschung.

Magnet-Resonanz-Tomograph: Klingt nicht nur nach Techno, auch der Raum hat Ähnlichkeit mit einem Club
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Magnet-Resonanz-Tomograph: Klingt nicht nur nach Techno, auch der Raum hat Ähnlichkeit mit einem Club


Die Praxis wirkte morbide und ich war der einzige Patient, morgens um 10.30 Uhr. Die Rollos waren heruntergelassen, auf den Schränken im Empfangszimmer standen Behältnisse aus glänzendem, schwarzen Metall, wie Urnen ohne Deckel. Mir gegenüber saß ein Mann Ende 30 im schwarzen Hemd und mit goldenem Stecker im rechten Ohr. Er war so freundlich und sanftmütig, wie ich noch niemals jemanden in einer Arztpraxis angetroffen hatte.

"Es geht um ihr Knie, richtig?" Er lächelte mich an. "Ja, das linke", sagte ich. "Was ist Ihnen zugestoßen?" "Ich bin beim Tanzen auf einer Party hingefallen und habe mir dabei das Knie verdreht." Er lächelte wohlwollend, machte sich Notizen und sagte nichts.

Dann führte er mich zur Umkleidekabine. "Bitte ziehen Sie sich hier um, schließen Sie dann ab." Auf der anderen Seite der Kabine holte er mich ab, um mich zum Kernspintomographen zu führen. Er fragte mich: "Möchten Sie Musik hören, während der Untersuchung?"

Was kann man erwarten von Unterhaltungsprogrammen beim Arzt? Beim Zahnarzt fragen sie mich jetzt immer, ob sie bei der Behandlung die Glotze anmachen sollen - Gehirnwäsche mit RTL2, damit ich ihre Fehler nicht bemerke - nicht mit mir! In anderen Praxen flimmern schon im Wartezimmer große Flachbildschirme, meistens mit Werbung für kostenpflichtige Zusatzleistungen. "Schaffen Sie mit mehr Information mehr Nachfrage nach Ihren Leistungen!" wirbt der Marktführer TV-Wartezimmer bei Ärzten, 6000 Praxen machen schon mit. Am Ende geben sie mir hier noch Werbebotschaften für Poimplantate auf den Kopfhörer im Kernspintomographen. Ich sagte deshalb: "Lieber nicht."

Captain-Future-Laserschwert-Inferno

Außerdem muss man sagen, dass der Kernspintomograph bessere Musik macht, als meistens im Radio läuft, ich kannte den Sound von vergangenen Untersuchungen in der Röhre. Erst trötet es wie eine Alarmanlage, dann geht das Tomographen-Geräusch in ein Stakkato-Knattern über, das sich zu einem Captain-Future-Laserschwert-Inferno steigert. Und dann wird es sehr laut, als ob man mit dem Kopf in einer Lautsprecher-Box liegen würde: Ein fetter, schneller Basslauf, zu dem man sich eigentlich bewegen müsste - leider darf man das in der Röhre nicht, sonst sind die Bilder verwackelt.

Der medizinisch-technische Assistent war verwundert über mein Nein. "Mögen Sie keine Musik?", fragte er. "Doch, aber ich glaube nicht, dass etwas laufen würde, was mir gefällt", sagte ich. "Was hören Sie?" "Im weitesten Sinne Indie-Gitarren-Pop/Rock…" Jetzt lachte er. "Ich komme eher aus der Gothic-Ecke, aber ich hätte Philipp Boa and the Vodooclub oder Sisters of Mercy."

Ein Grufti in einer Praxis, in der Urnen im Vorzimmer stehen, will mir die Schwestern der Barmherzigkeit näher bringen! Ich traute mich nicht, auf dem Kernspinsound zu bestehen. Er stach mir eine Nadel in die linke Armvene. "Für das Kontrastmittel." "Aber bitte eher positive Musik", sagte ich. "Keine Angst, die ganz tristen Sachen spiele ich hier nicht." Er fuhr mich in die Röhre, auf dem Kopfhörer lief The Cure, kurz vor dem Refrain, drehte er den Ton runter, wie ein DJ, der will, dass das Publikum mitsingt, ich sang nicht und er fragte: "Lauter? Das Gerät macht richtig Lärm." Ich sagte nein, hörte dann The Cure mit Kernspin-Samples, auch nicht schlecht.

Nach der Untersuchung, ich wiegte mich jetzt in Sicherheit, sagte ich zum Assistenten: "Eigentlich mag ich das Geräusch des Kernspintomographen lieber." Selbst als ich die Musik, der er spielte, so beleidigt hatte, lächelte er. "Ja, der Sound der Maschine ist gut", sagte er. "Ich habe schon versucht, ihn aufzunehmen und in einem Song zu verwenden, aber weil das Magnetfeld so stark ist, funktioniert kein Mikrophon hier drin."

Der Mensch hatte doch Geschmack, mir außerdem keine Kaufbotschaften zwischen die Lieder gemixt - und mein Knie war auch nicht kaputt, sondern nur mein Innenband gezerrt. Manchmal kommt es doch vor, dass man in einer Arztpraxis in guten Händen ist.

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albert schulz 24.08.2012
1. Kultur vom allerfeinsten
Eine tolle Geschichte, die den Testosteronausstoß in ungeahnte Höhen treibt. Auch die Hirnaktivitäten werden auf sensationelle Art gesteigert. Man empfindet tief mit dem Patienten, egal ob man arm ist oder reich. Aber sichtlich findet man die Worte nicht, dieses beglückende Gefühl zu beschreiben. Man muß es erst mal sacken lassen. So sorgsam und doch schlüssig verpackt muß Kultur daherkommen.
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