Mythos oder Medizin Schadet Lesen im Dunkeln den Augen?

Mein Vater warnte mich als Kind immer davor, im Dunkeln zu lesen, denn dann würde ich mir die Augen verderben, schreibt Matthias Wessel. Sollte man diesem weit verbreiteten Rat folgen?
Lesen unter der Bettdecke: Nur nicht erwischen lassen

Lesen unter der Bettdecke: Nur nicht erwischen lassen

Foto: Corbis

Die wichtigsten Requisiten für eine der ersten verbotenen Taten unseres Lebens sind ein spannendes Buch und eine Taschenlampe. Noch die Bettdecke über den Kopf ziehen, und fertig ist das perfekte Verbrechen. Eine Straftat im Sinne des Gesetzes ist Lesen unter der Bettdecke natürlich nicht, von vielen Eltern aber ist es nach wie vor untersagt. Dabei vergessen auch Erwachsene beim gemütlichen Schmökern an verregneten Sonntagen oder an düsteren Bürotagen zu gern, das Licht anzuknipsen.

Die Folgen sind schnell zu spüren: Beim Lesen im Dämmerlicht drohen Kopfschmerzen und gerötete Augen. Kleine Buchstaben im Dunkeln zu entziffern, strengt das Auge an. Der Ringmuskel muss arbeiten, damit sich die Linse auf die Größe der Buchstaben einstellt. Die Farbkontraste werden schwach, und das Bild wird durch die weit geöffnete Pupille etwas unscharf. Schädlich ist das nicht, wenn sich die Augen über Nacht wieder entspannen können. Sorgen sollte aber etwas anderes bereiten: die Kurzsichtigkeit.

Stubenhocker raus

Ursache des Leidens ist ein zu lang gewachsener Augapfel. Und hier spielt Licht tatsächlich eine Rolle: "Aus unseren Experimenten wissen wir, dass helle Beleuchtung das Längenwachstum des Augapfels hemmt", sagt Frank Schaeffel, der Kurzsichtigkeit an der Universitäts-Augenklinik in Tübingen erforscht.

Für einen Versuch hatten Schaeffel und Kollegen Hühner mit Streulinsen ausgestattet und für vier beziehungsweise fünf Tage schwachem, normalem Laborlicht oder Tageslicht ausgesetzt . Streulinsen dienen normalerweise dazu, in Brillen und Kontaktlinsen Kurzsichtigkeit auszugleichen. Im Experiment regten sie den Augapfel aller Hühner gleichermaßen zum Wachsen an. Das Ergebnis: Die Tageslicht-Hühner veränderten während des Experiments trotz der Linsen deutlich weniger ihre Augäpfel als die anderen, sie waren weniger kurzsichtig geworden.

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Auch beim Menschen bestätigten Untersuchungen diese Beobachtung - zuletzt eine Studie von Anfang Januar 2014 . Stephen J. Vincent und Kollegen von der Queensland University of Technology hatten 102 Schulkinder mit Lichtsensoren ausgerüstet. Der Vergleich ergab, dass normalsichtige Kinder pro Tag im Schnitt gut zwei Stunden im Tageslicht verbrachten, kurzsichtige Kinder nur etwa eineinhalb Stunden.

Helligkeit bringt Glück ins Auge

Verantwortlich für den Effekt machen Forscher den als Glückshormon bekannten Botenstoff Dopamin, der bei Helligkeit in der Netzhaut des Auges gebildet wird. "Über Dopamin stellt sich das Auge etwa von Tag- auf Nachtsehen um, und die Substanz sorgt für eine bessere Auflösung am Tag", erklärt Schaeffel. Gleichzeitig stoppt Dopamin offenbar das Längenwachstum des Augapfels - falls ausreichend Tageslicht vorhanden ist. "Dass wir irgendwann mal den Großteil unserer Zeit in künstlich beleuchteten Räumen verbringen werden, konnte die Natur offenbar nicht wissen", so Schaeffel.

Gelegentliches Lesen bei Schummerlicht hält er trotzdem für unbedenklich: "In der Regel lesen Kinder unter der Decke nur ein paar Minuten, und dann sind sie müde. Das reicht nicht aus, um das Sehvermögen dauerhaft zu beeinträchtigen." Ähnlich ist es wohl auch beim Lesen im Dunkeln auf Smartphones oder leuchtenden E-Readern. Das Licht der Geräte ist zu schwach, als dass man nachts längere Zeit entspannt auf ihnen lesen könnte. Für ausgiebige Lesestunden, etwa bei den Hausaufgaben oder der Büroarbeit, empfiehlt sich dann doch helle Beleuchtung, auch um die Konzentrationsfähigkeit zu erhalten.

Ob man kurzsichtig wird, hängt letztlich an vielen Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Neben ausreichend Tageslicht spielen auch genetische Veranlagung und die Sehgewohnheiten eine Rolle. So haben Personen, die viel an Computern oder vor Büchern sitzen, ein erhöhtes Risiko. Vor allem, wer extrem nah vor seinen Büchern hockt, bekommt wahrscheinlich Probleme. "Beim Lesen auf zu kurzer Distanz entsteht das schärfste Bild etwas hinter der Netzhaut", erklärt Schaeffel. Der Augapfel wachse dann dem scharfen Bild entgegen und werde zu lang. Dass Leseratten in der Regel auch wenig Tageslicht abbekommen, verstärkt den Effekt.

Fazit: Tatsächlich erhöht dauerhaft zu wenig Licht das Risiko, kurzsichtig zu werden. Die Lesezeiten unter der Bettdecke sind jedoch zu kurz, als dass sie zur Fehlsichtigkeit führen könnten. Trotzdem sollten Kinder wachsam sein: Wer erwischt wird, dem drohen Fernsehverbot, Taschengeldentzug und stärkere Überwachung in den nächsten Nächten.