Mythos oder Medizin Senken Wadenwickel Fieber?

Bei Fieber wickle ich mir gern kalte Tücher um die Beine. Das tut gut. Aber lässt sich die Körpertemperatur so tatsächlich steuern? Fragt Ebba Schröder aus Hamburg.
Tiefer Schlaf: Wie lässt sich damit umgehen, wenn Kinder Fieber haben?

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Foto: Patrick Pleul/ DPA

Meistens beginnt Fieber mit Schüttelfrost. Wir frieren, schwitzen und fühlen uns schlapp. Das alles ist Teil der Körperabwehr gegen gefährliche Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder Pilze und dient einem Zweck: wieder gesund zu werden. Unangenehm ist der Temperaturanstieg trotzdem, Wadenwickel sind ein altes Hausmittel dagegen.

"Zur Behandlung von leichtem Fieber eignen sich kalte Wickel tatsächlich gut", sagt Jörn Klasen, Leiter des Zentrums für individuelle Ganzheitsmedizin am Asklepios Westklinikum Hamburg. Auf der warmen Haut geben die Tücher Verdunstungskälte ab, die den Körper beim Abkühlen unterstützt - ähnlich wie beim Schwitzen. "Für 20 bis 30 Minuten angewendet, bewirken die Wickel schon einen Temperaturrückgang von etwa einem Grad", so Klasen.

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Alles was wirkt, birgt in der Regel aber auch Risiken: Grundvoraussetzung für die Behandlung ist, dass dem Fieberkranken nicht kalt ist. "Der Fehler, den die meisten machen, ist, die Wickel mit eiswürfelkaltem Wasser zu tränken", sagt Klasen. "Dann kühlt der Körper viel zu abrupt ab." Die Fieberkranken frieren, ihnen wird schwindelig und im schlimmsten Fall bricht der Kreislauf zusammen. Es reiche aus, wenn die Wickel lauwarm sind.

Ab 39 Grad sollte man zum Arzt gehen

"Fieber an sich muss eigentlich gar nicht behandelt werden", sagt Klasen. Ende der neunziger Jahre werteten Wissenschaftler der University of Medicine and Dentistry of New Jersey in einer Studie Fälle von über 700 Patienten  mit Blutvergiftung aus und kamen zu dem Ergebnis, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit bei erhöhter Körpertemperatur steigt.

Aus diesem Blickwinkel übertreffen Wadenwickel - richtig angewendet - fiebersenkende Medikamente sogar: "Wadenwickel sind gut geeignet, weil sich mit ihnen im Gegensatz zu fiebersenkenden Medikamenten die Körpertemperatur schonend regulieren lässt und der Organismus die Oberhand behält", sagt Klasen. Steigt das Fieber auf über 39 Grad, sollte man zur Sicherheit zum Arzt gehen.

Der menschliche Organismus steuert seine Körpertemperatur gezielt, auch bei Fieber. Dafür zuständig ist das thermoregulatorische Zentrum im Gehirn, in dem die Informationen zur aktuellen Temperatur an verschiedenen Körperstellen zusammenlaufen. Liegt der Wert in einigen Regionen außerhalb von 36 bis 37 Grad, werden diese auf die Solltemperatur erhitzt oder abgekühlt. Bei Fieber erhöht der Körper den Sollwert, allerdings in der Regel nicht höher als auf 41 Grad.

Schüttelfrost wärmt den Körper auf

Um den Organismus auf Temperatur zu bringen, schließen sich die Hautgefäße, so dass möglichst wenig Wärme verloren geht. Die Haut kühlt ab. Schüttelfrost sorgt über zuckende Muskeln dafür, dass im Körper Wärme entsteht. Sinkt das Fieber wieder, geschieht genau das Gegenteil: Die Gefäße weiten sich, die Haut erwärmt sich und gibt Wärme ab.

Die Temperaturzentrale im Gehirn lenkt auf diese Weise auch das Verhalten bei Fieber in die richtige Richtung: Während sich der Körper aufheizt, frieren wir und greifen zu dicken Decken und Wollsocken. Das unterstützt den Organismus beim Erwärmen.

Sinkt das Fieber, ist uns warm, wir schwitzen und tauschen die Bettdecke automatisch gegen ein dünnes Laken. "Genau dieser Abkühlvorgang lässt sich mit kühlenden Wickeln unterstützen", so Klasen.

Neben Säugetieren wie Menschen, Hunden, Katzen oder Pferden bekommen auch Reptilien, Amphibien und einige Wirbellose oder Insekten Fieber, um Infektionen zu bekämpfen. Wechselwarme Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht direkt steuern können, verändern diese allein über ihr Verhalten und legen sich zum Aufheizen in die Sonne.

Fazit: Wadenwickel sorgen für eine angenehme Abkühlung und können den Körper dabei unterstützen, seine Temperatur zu senken. Übertreiben sollte man es aber nicht, sonst macht der Kreislauf schlapp.

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