Mythos oder Medizin Hilft heißes Wasser bei einer Nagelbettentzündung?

Ich habe gehört, dass man gegen eine Nagelbettentzündung den Finger dreimal kurz in kochendes Wasser stippen kann. Ist das hilfreich? Fragt SPIEGEL-ONLINE-Leser Siegfried Staud
Kritischer Blick: Nagelbettentzündungen kommen auch durch falsche Maniküre

Kritischer Blick: Nagelbettentzündungen kommen auch durch falsche Maniküre

Foto: Corbis

Ein einziger kleiner Nagel kann großen Ärger bereiten, wenn er sich entzündet. Er schwillt an, wird rot, warm und eitrig und schmerzt fürchterlich. Meist so sehr, dass der betroffene Finger schon für einfache Alltagstätigkeiten nicht mehr zu gebrauchen ist. Auch das Nagelbett der Fußnägel kann betroffen sein. Dann wird selbst das Tragen von legerem Schuhwerk zur Qual. Was tun?

Meistens sind es Bakterien, die eine Nagelbettentzündung verursachen, typischerweise Staphylokokken. Die winzigen Organismen leben ständig auf der Haut und siedeln bevorzugt in feuchten Regionen wie Händen und Füßen. Gesunden Menschen können sie nichts anhaben, sie gehören sogar zur Hautbarriere, die uns vor schädlichen Keimen schützt. Ist der Nagel aber verletzt oder die Haut um ihn herum spröde oder gereizt, können die Keime über den Nagelfalz bis ins Nagelbett wandern und dort eine Entzündung auslösen.

Es scheint naheliegend, die Irrläufer mit kochendem Wasser abzutöten - sinnvoll ist das dennoch nicht. "Der Gedanke hinter dieser Maßnahme ist zwar plausibel", schreibt Axel Mechlin, Oberarzt der Hautklinik am Klinikum Nürnberg, auf Anfrage. "Bei dreimal kurz eintippen ist sie jedoch nicht wirksam und bei längerem Kontakt gefährlich, da es zu Verbrühungen kommt." Die Bakterien überleben einen kurzen Heißwasserangriff genau wie die körpereigenen Zellen.

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Wasserbad statt Wasserkocher

Effektiver und risikoärmer lässt sich die Entzündung mit antiseptischen Bädern oder Umschlägen bekämpfen. Für beides finden sich auch im Haushalt Zutaten. Warme Bäder mit Kernseife, Salz oder Kamillentee können die Entzündung lindern. Auch Zwiebelhäutchen wirken antiseptisch. Um es den Bakterien möglichst ungemütlich zu machen, sollte man die gereizten Partien nach dem Hand- oder Fußbad gut abtrocknen.

"Kamillentee, Kernseife oder Salz und Zwiebeln haben eine antibakterielle Wirkung", so Mechlin. "Jedoch ist diese nicht sonderlich stark." Die Hausmittel helfen daher in der Regel nur zu Beginn der Entzündung, wenn der Nagel etwas gerötet ist und leicht empfindlich reagiert. Ergänzend oder als Alternative, gibt es in der Apotheke antiseptische Lösungen, Cremes oder Gels, die man auf den Finger oder Zeh schmieren kann. Auch Zugsalben sind geeignet. Geht die Entzündung nach etwa dreitägiger Behandlung nicht zurück, schwillt der Nagel stark an und pocht, bildet sich Eiter oder bekommt man Fieber, sollte sich ein Arzt die Entzündung anschauen.

Die Entzündung kann Fingern und Zehen gefährlich werden

Weil Nagel, Nagelbett und Fingerknochen eng miteinander verwachsen sind, baut sich dort schnell schmerzhafter Druck auf. "Der Arzt kann Eiterblasen aufstechen", so Mechlin. "Bei tiefen Nagelbettentzündungen kann auch die Einnahme eines Antibiotikums notwendig sein." Bleibt eine tief liegende Nagelbettentzündung dauerhaft unbehandelt, gefährdet das unter Umständen den Finger oder Zeh.

Im schlimmsten Fall wandern die Keime vom Nagelbett in andere Gewebe und befallen Sehnen und Knochen. Auch eine Entzündung der Lymphbahnen ist möglich. Sie macht sich durch einen roten Streifen unter der Haut bemerkbar. Harmloser, aber trotzdem unschön und meist schmerzhaft ist eine Entzündung mit sogenanntem wilden Fleisch. Dabei schiebt sich der Nagel in das Nagelbett und wächst ein. Das komme vor allem bei ausgeprägten und wiederholt auftretenden Nagelbettentzündungen vor, erklärt Mechlin.

Vorsicht bei der Maniküre

Meist beginnt eine Nagelbettentzündung mit kleinen Rissen im Nagel, die bei der Maniküre oder Pediküre entstehen, wenn man rechts und links in den Nagel schneidet oder feilt. Ungünstig ist es auch, die Nagelhaut stark zurück zu schieben oder abzuschneiden. Besonders anfällig für eine Nagelbettentzündung sind Menschen, die viel mit Reinigungs- und Desinfektionsmitteln zu tun haben oder mit Neurodermitis kämpfen.

Vorerkrankungen wie Diabetes begünstigen die Entzündung außerdem. Diese wird dann meist von zuckerliebenden Hefepilzen verursacht. Auch Medikamente wie Retinoide, mit denen zum Beispiel Pickel behandelt werden, oder Chemotherapeutika machen es Pilzen und Bakterien leichter, durch die Schutzbarriere der Haut in das Gewebe unter der Nagelplatte vorzudringen.

Fazit: Kochendes Wasser als Therapie gegen Nagelbettentzündung ist gefährlich und nutzlos. Besser eignen sich antiseptische Bäder, Cremes oder Gels, für die man Zutaten im Haushalt oder der Apotheke findet. Geht die Entzündung nicht zurück, muss der Arzt ran.

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