Erschöpfung Wie Burn-out-Patienten nach der Krise ihren Weg finden

Oft dauert es Monate, manchmal sogar Jahre, sich von einem Burn-out zu erholen. Wie geht das Leben nach der Krise weiter? So schöpfen Betroffene dauerhaft Kraft.
Foto: imago/ MITO

Freitags ist Maren Wenger* aus Prinzip nicht erreichbar. Ihr Büro für Markenentwicklung ist zu, ihr Handy bleibt aus. Maren tauscht den Computer gegen die Leinwand und malt bunte, expressive Bilder. Was sich wie eine extravagante Angewohnheit anhört, war und ist für die 43-Jährige viel mehr: "Mit der Malerei sind die Energie und das Glück in mein Leben zurückgekehrt", sagt Wenger.

Vor acht Jahren wachte Maren Wenger morgens auf und wollte nicht mehr aufstehen. Diagnose: Erschöpfungsdepression. Mit ärztlicher Hilfe überwand die Selbstständige und Mutter von drei Kindern die akute Depression. Doch gut ging es ihr nicht. Sie entschied sich für eine vierwöchige Reha in einer Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik. Wenger walkte, werkte, machte Gesprächstherapie.

So wie Wenger geht es vielen: In einer Studie des Robert Koch-Instituts von 2012  gaben etwa vier Prozent der erwachsenen Deutschen an, dass bei ihnen ein Burn-out festgestellt wurde. Manche Therapeuten geben die Faustregel aus, dass es ungefähr so lange dauert, sich von einem Burn-out zu erholen, wie es dauerte, bis man in die Krise kam. Oftmals sind das mehrere Monate, nicht selten auch ein oder zwei Jahre.

Entscheidende Frage: Wie sieht das Rezept gegen die Erschöpfung aus?

Eine Standardbehandlung gibt es nicht, oftmals sind es Verhaltenstherapien, die zur Genesung beitragen. Bei Wenger war es das sogenannte Gefühlsprotokoll, das ihr die Augen öffnete: Eine Woche lang schrieb die 43-Jährige alle 30 Minuten auf, was sie gerade tat und wie sie sich fühlte. "Ich sah glasklar: Bewegung und Malen machen mich kraftvoll und glücklich. Begegnungen mit anderen Menschen verunsichern mich oft. Wenn ich verunsichert bin, suche ich mir sofort eine Aufgabe, um mich abzulenken."

Mit dem Protokoll kam sie dem Motor ihrer Erschöpfung auf die Spur: In den Jahren vor dem Burn-out hatte sich Wenger weder in ihrem Job noch in ihrer Ehe wirklich wohlgefühlt. Und als Reaktion darauf hatte sie sich immer mehr Aufgaben aufgehalst. In der Reha lernte Wenger, negative Gefühle anzunehmen, statt sie mit Aktionismus zu verscheuchen.

Nach der Auszeit ordnete sie ihr Leben konsequent neu: Sie klärte Konflikte, trennte sich beruflich und privat von unguten Verbindungen. Installierte Pausen und persönliche Auszeiten fest in ihrem Alltag. Beim Malen eicht sie ihren Seelenkompass jede Woche neu: "In dieser Zeit fühle ich mich ganz eins mit mir. Vielleicht wie andere Menschen beim Meditieren."

Ein Tag im Atelier, Pausen, handyfreie Zeiten - das klingt fast zu banal als Rezept gegen die Erschöpfung. Doch dahinter steht eine große Veränderung: Vor der Krise hatte Wenger nur eine Art, um mit Druck umzugehen: machen! Heute hat sie viele mögliche Reaktionsarten: abwarten, reflektieren und erst dann entscheiden. Und mitunter auch loslassen.

Ihre innere Freiheit sei heute viel größer als je zuvor - und das mache sie selbstbewusst und innerlich relativ unabhängig vom Zuspruch von außen, sagt Wenger. Ein völlig anderes Lebensgefühl als vor ihrem Burn-out.

"Unser Ziel ist, gemeinsam mit den Patienten mehr Freiheit und Fehlerfreundlichkeit zu erarbeiten", sagt Nicole Plinz, therapeutische Leiterin in zwei Tageskliniken für Stressmedizin an den Asklepios Kliniken Harburg und St. Georg. Gelingt diese innere Veränderung, relativiert sich auch der Wunsch, das gesamte Leben umzukrempeln.

"Am Anfang der Therapie sehen viele ihre Zukunft als Schäfer auf der Alm oder als Tanztherapeutin", sagt Plinz. "Doch umso stabiler die Menschen sich wieder fühlen, umso mehr begreifen sie, dass letztlich entscheidend ist, wie sie innerlich mit den Anforderungen umgehen."

Fühle ich mich sofort aufgerufen loszurennen, wenn jemand etwas von mir möchte? Sind die Bedürfnisse der anderen wirklich mehr wert als meine eigenen? Im Idealfall entwickeln Betroffene Alternativen zu ihrem bisherigen Leistungsideal. Dieser Wandel bringt eine ganz neue Ruhe in ihr Leben.

Dirk Schröder, Chefarzt der Dr. Becker Brunnen-Klinik in Horn-Bad Meinberg, Experte für Burn-out in der Finanzbranche, stellt fest, dass letztlich nur etwa ein bis zwei Prozent der Betroffenen einen Arbeitswechsel anstrebten. Die meisten möchten in ihrem Beruf bleiben - mit einer besseren Work-Life-Balance.

So auch der Unternehmensberater Frank Ludwig*, der vor zehn Jahren eine Erschöpfungskrise erlebte. Er fühlt sich wieder bei Kräften. Doch dies ist tägliche Arbeit: "Nach dem Burn-out wird das Leben nicht einfacher. Ich achte darauf, auch mal nicht zu arbeiten, Freundschaften zu pflegen. Aber es bedarf einer Menge Lebensenergie und selbstgewählter Einsamkeit mit dem eigenen Standpunkt, um einen entspannten Sonntag wirklich zu genießen, anstatt in einem Projekt wieder Vollgas zu geben."

Die Beispiele zeigen: Erst Hartnäckigkeit und Entschiedenheit im neuen Lebensstil führen dauerhaft aus der Erschöpfung. "Das Wichtigste nach einer Therapie oder Reha-Maßnahme ist, das neue Verhalten in die Praxis zu bringen", sagt auch Ulrike Peter, Psychologin im Medizinischen Versorgungszentrum Verhaltenstherapie Falkenried in Hamburg.

Wem dies gelingt, beobachten die Therapeuten, erleidet seltener einen Rückfall.

* Name von der Redaktion geändert.

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