Frauen-Gesundheit Nachtarbeit birgt erhöhtes Brustkrebsrisiko

Frauen, die über viele Jahre nachts arbeiten, erkranken offenbar häufiger an Brustkrebs als andere. Zwei neue Studien geben erste Hinweise darauf, wer besonders gefährdet sein könnte. Mediziner fordern ein Umdenken beim Arbeitsschutz.
Von Ingrid Glomp
Frauen am Fließband: Vor allem in der Industrie wird oft im Dreischichtsystem rund um die Uhr gearbeitet

Frauen am Fließband: Vor allem in der Industrie wird oft im Dreischichtsystem rund um die Uhr gearbeitet

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Die Erfindung des elektrischen Lichts machte die Nacht zum Tag. Seitdem ist es möglich, dass in großem Maßstab rund um die Uhr gearbeitet wird und viele Maschinen nie stillstehen. Immerhin 25 Prozent der berufstätigen Frauen arbeiten heute abends (zwischen 18 und 23 Uhr) und sechs Prozent, oder rund eine Million, nachts (zwischen 23 und 6 Uhr), so das Statistische Bundesamt .

Doch wer wach ist, während die innere Uhr auf Schlafen steht, riskiert Gesundheitsprobleme: Schichtarbeiter klagen nicht nur über Schlafstörungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe und psychische Probleme. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Schichtarbeit, die den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus stört, sogar als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft . Dabei stützte sie sich auf Ergebnisse von Tierversuchen und auf Studien mit Krankenschwestern, die ergaben, dass langjährige Nachtarbeit offenbar deren Brustkrebsrisiko erhöhte.

Forscher vermuten, dass die nächtliche Aktivität und das Kunstlicht zu dieser unnatürlichen Zeit die innere Uhr aus dem Takt bringen und dass dies, Schlafstörungen sowie möglicherweise eine verringerte Produktion des Schlafhormons Melatonin Faktoren sind, die die Entwicklung von Tumoren begünstigen.

Mit mehr als 70.000 Erkrankungen jährlich  ist Brustkrebs die häufigste Krebsform bei Frauen in Deutschland. Noch ist Nachtarbeit nicht eindeutig als Verursacher belegt, denn erstens gibt es auch Untersuchungen, die keine Risikoerhöhung fanden. Zweitens weisen die vorhandenen Studien Schwächen auf. So lassen sich die Ergebnisse bei Krankenschwestern vielleicht auch anders als durch Schichtarbeit erklären.

Kommen auch andere Risikofaktoren in Frage?

Wie Johnni Hansen und Christina Lassen vom Institute of Cancer Epidemiology in Kopenhagen im "Britisch Medical Journal" schreiben , könnten auch andere verbreitete Risikofaktoren eine mögliche Ursache sein, wie etwa eine erhöhte Strahlenbelastung, Stress oder chemische Stoffe. Die Forscher verglichen in ihrer Studie, die vor wenigen Monaten erschienen war, 141 weibliche Beschäftigte des dänischen Militärs, die an Brustkrebs erkrankt waren, mit 551 anderen, bei denen dies nicht der Fall war.

Das Resultat: Bedienstete, die auch nachts arbeiteten, hatten ein um 40 Prozent erhöhtes Brustkrebsrisiko als die Frauen in der Kontrollgruppe. Allerdings galt dies nicht, wenn sich die Nachtschichten auf ein oder zwei pro Woche beschränkten. In allen anderen Fällen stieg das Risiko im Laufe der Zeit und war nach 15 Jahren Schichtarbeit oder mehr doppelt so hoch wie das von Frauen, die nachts nicht gearbeitet hatten.

Besonders gefährlich wurde es für Personen, die von Natur aus zu den Frühaufstehern gehörten. Hatten diese viel und über lange Jahre nachts gearbeitet, stieg ihre Erkrankungswahrscheinlichkeit auf das Vierfache. Bei vergleichbaren Nachtmenschen war sie dagegen nur doppelt so hoch.

Das Problem an Studien dieser Art, bei der man die Patientinnen zu ihrer früheren Arbeit befragt: Besonders schwere, nämlich tödliche Krankheitsverläufe werden nicht berücksichtigt. Zudem lassen sich die Daten von einer Studie häufig nicht mit den Daten anderer vergleichen.

Welche Form von Nachtarbeit ist gefährlicher?

So deklarierten die dänischen Forscher Arbeit, die nach 17 Uhr begann, vor 9 Uhr endete und mindestens ein Jahr andauerte als Nachtschichtarbeit. Eine aktuelle französische Studie  unterscheidet dagegen zwei Arten von Schichtarbeit: die späte Abend-Arbeit, bei der die Schicht zwischen 23 und 3 Uhr endete, sowie der Nachtarbeit, die die Zeit von 23 Uhr bis 5 Uhr umfasste.

Dabei verglichen die Wissenschaftler den Berufsweg von etwa 1200 Frauen, bei denen zwischen 2005 und 2007 Brustkrebs entdeckt wurde, mit dem von rund 1300 gesunden Frauen. Sie berechneten, dass Nachtarbeit mit einem um 35 Prozent erhöhten Risiko verbunden war (abendliche Arbeit: 25 Prozent). Anders als bei den dänischen Militärangestellten erkrankten Frauen, die weniger als drei Nachtschichten pro Woche hatten, häufiger als solche mit drei oder mehr. Die Risikoerhöhung betrug bei nächtlicher Arbeit 61 beziehungsweise 13 Prozent. Die französischen Forscher vermuten, dass der häufigere Wechsel die innere Uhr noch mehr beeinträchtigen könnte.

Bei Frauen, die vor der Geburt ihres ersten Kindes mehr als vier Jahre nachts gearbeitet hatten, war das Brustkrebsrisiko sogar doppelt so hoch. Der Grund ist vermutlich, dass die Brustdrüsenzellen sich noch nicht voll entwickelt hatten und deshalb anfälliger für Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus waren.

"Unsere Arbeit hat die Ergebnisse früherer Studien bestätigt", sagt Pascal Guénel, Hauptautor der Studie. Seiner Meinung nach sollte die Nachtarbeit bei der Erstellung von Maßnahmen für die Gesundheit der Bevölkerung in jedem Falle berücksichtigt werden. "Vor allem, da die Zahl der Frauen mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten steigt", so Guénel.

Obwohl die Forschung bezüglich der gesundheitlichen Effekte von Nachtarbeit in den vergangenen Jahren viele Ergebnisse zutage förderte, sind diese mitunter widersprüchlich. Manche Fragen müssen zudem noch beantwortet werden, etwa, welche Formen von Nachtarbeit besonders ungünstig sind. Eines aber steht fest: Die Hinweise, dass Nachtarbeit ungesund ist und das Risiko für Brustkrebs sowie auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, verdichten sich.

Schädliche Folgen von Nachtarbeit mindern

2010 zogen Forscher im Deutschen Ärzteblatt  dieses Fazit: "Obwohl es keinesfalls belegt ist, dass Schichtarbeit zur Krebsentwicklung beiträgt, sollten vorsorglich bei Schichtplangestaltungen Einsichten aus der Arbeitsmedizin, Chronobiologie und Arbeitswissenschaft stärker berücksichtigt werden."Die Arbeitsmedizinische Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin  enthält einige Empfehlungen dazu. Etwa:- Ein Vorwärtswechsel der Schichten (Früh-/Spät-/Nachtschichten) ist besser als ein Rückwärtswechsel.

- Ein späterer Frühschichtbeginn ist besser als ein zu früher (zum Beispiel lieber 6.30 Uhr statt 6.00 Uhr).

- Wünschenswert ist ein größerer Einfluss der Mitarbeiter auf die Arbeitszeit, etwa durch individuelle Dienstpläne.

- Wichtig sind adäquate Arbeitspausen und ein spezielles, leicht verdauliches Angebot für Nachtarbeiter in der Kantine.

- Die Schichtarbeiter selbst sollten ihr Schlafzimmer möglichst gegen Störungen durch Lärm und Licht abschirmen.

Die Autoren des Ärzteblattartikels raten außerdem dazu, Mitarbeiter zu fragen, ob sie zu den Früh- oder Spätaufstehern gehören. Letztere empfinden Nachtschichten nämlich als weniger belastend.