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Nahostkonflikt Israels rasende Rettungssanitäter

Ein Netzwerk aus Freiwilligen in Israel rettet täglich Menschenleben - und zwar in Rekordtempo. Dabei spielt weder die Religion der Verletzten noch die der Helfenden eine Rolle.

Es ist früher Morgen, Raphael Poch sitzt beim Frühstück. Sein Handy klingelt: Zwei Straßen weiter hat jemand den Rettungswagen gerufen. Poch lässt alles stehen und liegen, schaut sich die Wegbeschreibung auf seinem Smartphone an und fährt mit dem Motorrad los. Weniger als drei Minuten nach dem Notruf ist der freiwillige Rettungssanitäter am Unfallort.

Das sei ihm heute Morgen passiert, erzählt Poch, 38, haarloser Kopf, schlichte Brille. Der Pressesprecher von United Hatzalah trägt eine orangefarbene Kippa. Über sein weißes Hemd hat er eine leuchtend orangefarbene Warnweste gezogen. Darauf prangt grell das Logo von United Hatzalah. Der Rettungsdienst bietet kostenlose und schnelle Notfallbehandlungen für jeden im Land.

Schnellster landesweiter Rettungsdienst der Welt

Die freiwilligen Sanitäter sind durchschnittlich innerhalb von drei Minuten am Unfallort - in der Stadt, aber auch in ländlichen Regionen. Das macht United Hatzalah nach eigenen Angaben zum schnellsten landesweiten Rettungsdienst der Welt.

Eine weitere Besonderheit: Seit 2016 bieten die Retter auch eine psychologische Erstversorgung am Unfallort an. United Hatzalah hat dazu in Israel geforscht, so Poch. 70 Prozent der israelischen Bevölkerung leiden unter einer Form von Posttraumatischer Belastungsstörung. "Wir vermuten, dass die Ursache die konstante Bedrohung durch Konflikte und Terrorattacken in unserem Land ist," sagt der Sanitäter.

Hatzalah - was ist das?

Hatzalah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Rettung. Die erste Hatzalah wurde in Williamsburg, New York, in den Sechzigerjahren in einer jüdischen Gemeinde gegründet. Von dort aus verbreitete sich die Idee in viele andere Länder mit jüdisch-orthodoxen Bevölkerungsgruppen. Heute gibt es weltweit mehrere eigenständige Hatzalahs: in der Schweiz, Australien und Mexiko. Diese sind jedoch häufig klein und nur innerhalb der jüdischen Gemeinde bekannt oder im Einsatz.

Poch spricht schnell, aber unaufgeregt. Immer wieder wird er durch sein klingelndes Handy unterbrochen und stellt kurz sicher, dass jemand anderes den Einsatz übernehmen kann. Wer welchen Anruf erhält, koordiniert die Einsatzzentrale im Zentrum Jerusalems.

Hier nehmen Muslime, Christen und Juden rund um die Uhr Anrufe entgegen, etwa tausend am Tag. Die Mitarbeiter der Zentrale werden für ihre Arbeit bezahlt, viele machen allerdings auch eine Art Zivildienst dort. Im Raum herrscht geschäftige Unruhe. Wer keinen Notruf betreut, kümmert sich um die Koordination der 5000 Freiwilligen, gibt Wegbeschreibungen durch.

Auf einer großen Leinwand wird die Zeit angezeigt, die Mitarbeiter aktuell durchschnittlich brauchen, um einen Anruf zu beantworten. "Gerade sind es drei Sekunden vom Moment, in dem der Anrufer den grünen Hörer drückt, bis wir hier mit ihm sprechen", sagt Poch. Er massiert einem Mitarbeiter die Schultern, sie scherzen, die Stimmung ist gut. Doch sobald das Telefon klingelt, ist der Kollege darauf konzentriert und Poch macht sich auf den Weg zu seinem Motorrad.

Krankenwagen auf dem Gepäckträger

Genau wie in Deutschland gibt es auch in Israel "normale Krankenwagen" mit hauptberuflichen Rettungssanitätern. Die Anrufe bei Notfällen gehen immer zeitgleich bei deren Leitstelle und der von United Hatzalah ein. Doch die Fahrzeuge aus dem Krankenhaus brauchen oft 10 bis 20 Minuten, bis sie am Unfallort ankommen, sagt Poch.

Die Freiwilligen von United Hatzalah wollen die zeitliche Lücke zwischen Unfall und Eintreffen der Ärzte schließen. Deswegen sind sie auf Motorrädern, Fahrrädern und mit kleinen Elektroautos unterwegs - gerade in den engen und vollen Straßen der Jerusalemer Altstadt kommen sie damit viel schneller voran.

Trotzdem haben die Helfer alles dabei - in einer Box hinten auf seinem Motorrad hat Poch die Grundausstattung, die auch ein Rettungswagen zur Erstversorgung an Bord hat. Allerdings ist alles nur in einfacher Ausführung vorhanden, deswegen müssen die Freiwilligen oft zum Nachfüllen in die Zentrale fahren.

Fotostrecke

Rettungsdienst in Israel: In der Zentrale von United Hatzalah

Foto: Tobias Zuttmann

Eine gemeinsame Mission

In Israel leben Juden, Christen und Muslime meist getrennt voneinander - sie besuchen unterschiedliche Schulen, unterschiedliche Supermärkte. Bei der Arbeit der Sanitäter spielen Religion, Geschlecht oder Alter jedoch keine Rolle. "Jeder ist ein potenzieller Freiwilliger", sagt Poch. "Die eigentliche Frage ist, wer ein Freiwilliger sein möchte."

Ayman Ibrahim hat sich dafür entschieden und engagiert sich in jeder freien Minute ehrenamtlich für United Hatzalah. Der 29-Jährige trägt einen roten Kapuzenpulli und einen Dreitagebart, er spricht leise und hört aufmerksam zu. Der Palästinenser lebt etwas außerhalb in Abu-Gosh, direkt neben einer ultraorthodoxen Stadt. Die Communitys treffen dort aufeinander und helfen sich in Notsituationen, erzählt er. Die Zusammenarbeit mit seinen christlichen und jüdischen Kollegen bei United Hatzalah bezeichnet der Muslim als Win-win-Situation.

Seine Kollegen bei United Hatzalah sind unter anderem Anwältinnen, Lkw-Fahrer, Bäckerinnen, Ärzte und Kindergärtnerinnen. "Wir haben sogar Mitglieder aus dem israelischen Parlament", so Poch. "Unsere freiwilligen Sanitäter wählen ganz unterschiedliche politische Parteien, glauben an unterschiedliche Religionen und kommen ursprünglich aus sehr unterschiedlichen Ländern oder sozialen Schichten."

Konflikte gebe es aber nicht: "Die Idee, die uns vereint, ist es, gemeinsam Leben zu retten", sagt Poch.

"Ich bin unterwegs, um Leben zu retten. Bin gleich wieder da"

Ayman Ibrahim engagiert sich seit dem Herzanfall seines Vaters als Freiwilliger. Damals hatte ein jüdischer Rettungssanitäter seinem arabischen Vater das Leben gerettet. Heute ist er so oft wie nötig unterwegs, um seinen Mitbürgern zu helfen. "Ich rette jeden Tag anderen Menschen das Leben", erzählt der 29-Jährige. Er glaubt: " Das fühlt sich schöner an, als eine Million Dollar im Lotto zu gewinnen."

Wie alle anderen Freiwilligen musste Ibrahim vorher eine zeitaufwendige Ausbildung durchlaufen. Nach 200 Trainingsstunden folgen hundert Einsätze, zu denen die Auszubildenden mit erfahrenen Rettungssanitätern fahren. Jedes Jahr bildet United Hatzalah rund tausend Freiwillige aus. Diese erlernen dabei vor allem Fähigkeiten im Bereich Notfallmedizin: Sie können schnell die Situation am Unfallort einschätzen und die ersten lebenssichernden Maßnahmen einleiten.

Die Sanitäter haben keine festen Schichten, sondern helfen, wann immer sie können. "Jeder plant und organisiert seinen Job selbst", erklärt Poch. "Manche sind selbstständig und können ihren Laden zum Beispiel kurzfristig schließen. Ein Freiwilliger mit einem Sandwichladen hängt dann ein Schild an die Tür 'Ich bin unterwegs, um Leben zu retten. Bin gleich wieder da.'"

An Sabbat, Weihnachten und Ramadan im Einsatz

Die Behandlung durch United Hatzalah ist kostenfrei. Poch betont, dies sei einer der Grundsätze der Organisation: "Wir retten Leben, egal, ob die Menschen Geld auf dem Konto haben oder nicht." Finanziert wird die Vereinigung nur durch Spenden, sie erhält keine staatliche Förderung. Das sei natürlich nicht immer einfach, aber momentan gebe es genug Menschen, die United Hatzalah unterstützen.

Seit ihrer Gründung vor 13 Jahren wurden durch die schnellen Sanitäter mehr als 3,5 Millionen Menschen behandelt. Die Freiwilligen sind 365 Tage im Jahr im Einsatz - auch an Sabbat, Weihnachten und Ramadan. "Leben zu retten, ist wichtiger als alle religiösen Prinzipien", sagt Poch. "An Sabbat dürfen wir Juden eigentlich keine Elektrizität benutzen und kein Auto starten", so Poch. "Wenn es darum geht, ein Leben zu retten, mache ich all das trotzdem."

An religiösen Feiertagen nehmen die Kollegen jedoch aufeinander Rücksicht. Sanitäter einer anderen Religion übernehmen dann oft die Schichten, beschreibt der Pressesprecher. So auch Ayman, er übernimmt gern die Dienste an jüdischen Feiertagen: "Ich habe nie ein Problem damit."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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