Narbenbrüche Schwachstelle Bauch

Operationsnähte sollten halten und verheilen. Doch nach Eingriffen am Bauch gehen sie oft wieder auf. Jeder fünfte Patient entwickelt einen Narbenbruch. Dann stellt sich die Frage: Gleich wieder operieren oder abwarten?

Geklammerte Hüftnarbe: Schlechte Durchblutung oder auch starkes Husten können zum Narbenbruch führen
Corbis

Geklammerte Hüftnarbe: Schlechte Durchblutung oder auch starkes Husten können zum Narbenbruch führen


Nach einer Operation an Magen, Leber oder Niere erinnert eine Narbe an den Eingriff. Meist ist das unproblematisch. Doch bei jedem fünften Operierten bilden sich drei Jahre nach dem Eingriff oder noch später Löcher entlang der Narbe. Ärzte sprechen dann von einem Narbenbruch oder einer Narbenhernie. "Es gibt viele Variationen von kurz bis riesig lang, von einem Loch oder mehreren Löchern, die an die Knopfleiste eines Hemds erinnern können", sagt der Chirurg Johannes Lauscher von der Berliner Charité.

Da in Deutschland pro Jahr etwa 700.000 Menschen einem Eingriff an der Bauchhöhle unterzogen werden, ist das Problem kein seltenes. Pro Jahr ist mit über 100.000 Narbenhernien zu rechnen. Etwa 50.000 Narbenbrüche werden jährlich operativ versorgt, wie Krankenhausstatistiken zeigen.

Wer hat ein erhöhtes Risiko?

Raucher sind häufiger betroffen - "weil die Durchblutung des Narbengewebes sowie auch jene der Faszien in der Bauchdecke vermindert ist", sagt Lauscher. Faszien sind die Bindegewebshüllschichten einzelner Muskeln, Muskelgruppen oder ganze Körperabschnitte. Die Faszien sind für die Erhaltung einer stabilen Narbe sehr wichtig. Um einem Narbenbruch vorzubeugen, ist es empfehlenswert, mindestens vier Wochen vor der OP mit dem Rauchen aufzuhören.

Übergewicht ist ebenfalls ein Risikofaktor. Bei großen Fettansammlungen im Bauchraum brauche es tiefere Schnitte bei der OP, die Durchblutung des Gewebes sei schlechter und das Fettgewebe produziere vermehrt Entzündungsfaktoren, erklärt der Chirurg.

Diabetiker entwickeln eher eine Narbenhernie, da sie zu Wundheilungsstörungen neigen. Optimal eingestellte Blutzuckerwerte senken ihr Risiko einer Narbenhernie.

Gefahr durch Bakterien

"Starkes Husten bei chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung (COPD) oder starkes Drücken bei Verstopfung stellen für Narben im Bauchraum ebenfalls eine Belastung dar", sagt Lauscher.

Ebenso kann eine Wundinfektion nach der Bauch-OP später einen Narbenbruch nach sich ziehen. "Durch die bakterielle Besiedelung wird die Struktur der Faszie geschädigt. Sie wird insgesamt lockerer. Außerdem muss bei einer Wundinfektion die Bauchdecke erneut eröffnet werden, um die Eiteransammlung zu beseitigen", sagt Lauscher.

Ein erhöhtes Risiko für Narbenbrüche hätten zudem Menschen mit der Autoimmunerkrankung Morbus Crohn, Transplantationspatienten, die das Immunsystem unterdrückende Medikamente einnehmen müssen, sowie Patienten, bei denen zuvor eine Aussackung der Bauchschlagader geplatzt ist und die deshalb operiert werden mussten.

"Vermutlich spielt ein veränderter Kollagenstoffwechsel eine Rolle, so dass die kollagenreichen Faszien nicht fest genug sind." Genetisch bedingte Veränderungen führen dazu, dass das Bindegewebe leichter reißt.

Netz als Stütze

Die gängige Technik bei einem Narbenbruch ist das Einsetzen eines speziell beschichteten Netzes, um die Festigkeit der Faszien zu erhöhen . Ohne Netz kommt es in 60 bis 70 Prozent der Fälle zu einem erneuten Bruch. Mit Netz geht die Narbe in 15 von 100 Fällen wieder auf.

Das Einsetzen kann als offene OP oder im Rahmen einer Bauchspiegelung (Laparoskopie) erfolgen - beides ist kein kleiner Eingriff. Es können Komplikationen auftreten: Bei etwa jedem zehnten Patienten kommt es zu Wundinfektionen, auch das eingesetzte Netz kann sich entzünden. Blutergüsse, Darmverletzungen und auch Jahre später noch auftretende Schmerzen sind weitere Risiken. "Andererseits wird der Narbenbruch ohne OP nicht selten mit der Zeit größer, so dass ein Eingriff immer schwerer zu bewerkstelligen ist", sagt Lauscher.

Ein weiteres Risiko eines unbehandelten Narbenbruchs ist die sogenannte Inkarzeration: Darmschlingen, die sich in der Bruchlücke einklemmen. Das Gewebe kann dann innerhalb von Stunden absterben, weil es nicht mehr mit Blut versorgt wird. Daher ist die Inkarzeration, die sich durch stärkste Bauchschmerzen bemerkbar macht, ein akuter Notfall. Eine sofortige Operation kann den Untergang des eingeklemmten Darmes verhindern. "Ist dieser abgestorben, muss er entfernt werden."

Was ist besser: operieren oder abwarten?

Eine an der Charité und 35 weiteren deutschen Zentren seit Ende 2011 laufende Untersuchung, die Aware-Studie, soll die Frage klären, ob ein Eingriff auch bei jenen Patienten sinnvoll ist, die nur wenige Beschwerden haben. Eine Vorstudie zeigt, dass Patienten, die Schmerzen haben, die sie im Alltag einschränken, von der OP profitieren: Sie hatten nach dem Eingriff zur Behebung des Narbenbruchs weniger Schmerzen als zuvor. "Die Ergebnisse der Aware-Studie werden es uns bis in drei Jahren ermöglichen, endlich eine individuelle Beratung der Patienten mit Narbenbrüchen durchzuführen", so Lauscher hoffnungsvoll.

Offen oder laparoskopisch operieren bei einem Narbenbruch?
    Bei einer offenen Operation wird das Netz zwischen Bauchmuskel und Bauchfell eingebracht. Man spricht dann von einer Retromuskulären Netzplastik. Wird das Netz bei einer Bauchspiegelung eingebracht, dann kommt es zwischen Bauchfell und Darm zu liegen. "Das ist ein gewisser Nachteil dieses IPOM - für Intraperitoneales Onlay Mesh - genannten OP-Verfahrens. Das Netz kommt direkt mit dem Darm in Berührung und kann zu Verwachsungen führen, die mitunter einen Darmverschluss verursachen können", schildert der Berliner Chirurg Johannes Lauscher. Diese Methode sei jedoch für übergewichtige Menschen gut geeignet, weil nur kleine Schnitte nötig seien und deshalb das Wundinfektionsrisiko geringer wäre.

"Bei großen Narbenbrüchen ist die laparoskopische Vorgehensweise ungeeignet, weil große Brüche damit nur schwer zu verschließen sind. Es kann dann eine Vorwölbung bestehen bleiben", warnt Lauscher. Ein laparoskopischer Eingriff ist bei Menschen, die bereits mehrfach voroperiert wurden, nicht möglich, weil zu viele Verwachsungen vorhanden sind. IPOM kann grundsätzlich auch im Rahmen einer offenen OP erfolgen.
Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.



insgesamt 9 Beiträge
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Kiki73 18.06.2015
1. auch nach Kaiserschnitten
Gerade Frauen, die zur Risikogruppe gehören: Übergewicht und Diabetes , erhalten besonders häufig einen Kaiserschnitt und haben damit auch ein höheres Risiko für Störungen der Wundheilung und für Narbenbrüche. Das sollte unbedingt bei der Indikationsstellung berücksichtigt werden und das sollten sich diese Frauen unbedingt klar machen, bevor sie einem Kaiserschnitt zustimmen, der keine dringende medizinische Notwendigkeit hat. Wer bereits einen Kaiserschnitt hatte und wegen der möglichen Folgen einen weiteren Kaiserschnitt unbedingt verhindern möchte, dem sei das Buch "Meine Wunschgeburt-Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt" ans Herz gelegt. Hier finden sich auch noch weitere Anregungen dazu, wie man Interventionen und damit auch unnötige Kaiserschnitte vermeiden kann, durch einfaches Nachfragen. Denn: Ohne Op kein Narbenbruch!
kratzdistel 18.06.2015
2. kaugummi kauen
wer nach der bauchoperation zuckerfreien Kaugummi kaut, bringt seine darmtätigkeit schneller in schwung und bekommt somit weniger Komplikationen.das ist standard in einigen krankenhäusern
CancunMM 18.06.2015
3.
Zitat von kratzdistelwer nach der bauchoperation zuckerfreien Kaugummi kaut, bringt seine darmtätigkeit schneller in schwung und bekommt somit weniger Komplikationen.das ist standard in einigen krankenhäusern
Was hat jetzt das Kaugummikauen und die Darmtätigkeit mit der Entwicklung der Narbenhernie zu tun ?
Linda2014 18.06.2015
4. Zuerst war es bei mir so klein,
dass die Ärzte sagten, die Beschwerden kämen durch die OP. Inzwischen ist es aber deutlich, dass es eine Hernie ist. Die Bauch OP hatte ich aufgrund meiner Tätigkeit als Krankenschwester und die Hernie wohl auch, da ich nicht lange pausieren konnte. Das geht nicht von alleine weg, eine OP scheint unausweichlich, auch ohne Schmerzen. Damit kann man ja nichts machen ohne Angst haben zu müssen, dass es noch größer wird.
CancunMM 18.06.2015
5.
Zitat von Linda2014dass die Ärzte sagten, die Beschwerden kämen durch die OP. Inzwischen ist es aber deutlich, dass es eine Hernie ist. Die Bauch OP hatte ich aufgrund meiner Tätigkeit als Krankenschwester und die Hernie wohl auch, da ich nicht lange pausieren konnte. Das geht nicht von alleine weg, eine OP scheint unausweichlich, auch ohne Schmerzen. Damit kann man ja nichts machen ohne Angst haben zu müssen, dass es noch größer wird.
Das Problem ist auch, dass man nach der Größe gar nicht sagen kann, ob es operiert werden muss. Auch eine kleine Hernie kann erhebliche Probleme machen, wenn sich zum Beispiel Netz oder Darm darin einklemmt.
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