Erinnern mit der Nase Der Duft der Vergangenheit

Warum lösen bekannte Gerüche immer wieder dieselben Gefühle aus? Und wie hängen Düfte und Erinnerungen zusammen? Neue Studien zur Verbindung zwischen Nase und Gedächtnis kommen zu überraschenden Ergebnissen.

Sicher fühlen mit dem Schnuffeltuch: Gerüche rufen die stärksten Erinnerungen hervor
Annie Otzen/ Getty Images

Sicher fühlen mit dem Schnuffeltuch: Gerüche rufen die stärksten Erinnerungen hervor


Sie halten sich eine Sonnencremetube unter die Nase - und spüren Sonne, Sand und Salz auf der Haut? Oder Sie quetschen sich morgens in die U-Bahn - und das Parfüm des Mitfahrers beamt Sie zurück in die Arme Ihres Ex?

Gerüche rufen die stärksten, direktesten Erinnerungen hervor. Und die emotionalsten: Steigt uns ein Geruch in die Nase, den wir von früher kennen, fährt uns dabei das Gefühl in die Glieder, das wir damals mit ihm verbanden - egal ob Geborgenheit, Angst oder verliebtes Herzklopfen.

Umgekehrt gilt: Wer nicht gut riechen kann, erinnert sich unter Umständen auch schlecht. Es gibt eine enge Verbindung zwischen einem beeinträchtigten Geruchssinn und Demenzerkrankungen wie Alzheimer. Das belegen inzwischen diverse Untersuchungen, sodass daran geforscht wird, ob sich das Riechvermögen vielleicht als frühes Warnzeichen für solche neurodegenerativen Erkrankungen einsetzen lässt.

Duftreize landen direkt im Gefühlskern des Gehirns

Einen starken Zusammenhang zwischen versagender Nasenkraft und Demenz haben erst kürzlich wieder Forscher der US-amerikanischen Michigan State University festgestellt. Sie hatten für eine Studie mehr als ein Jahrzehnt lang Riechsinn, Erkrankungen und Sterberaten bei 2289 Menschen zwischen 71 und 82 Jahren abgeglichen. Ein wichtiges Ergebnis: Die Teilnehmer, die mit schlechtem Geruchssinn in die Untersuchung gestartet waren, hatten nach zehn Jahren ein 46 Prozent höheres Sterberisiko als die mit gutem Geruchssinn.

Doch warum sind ausgerechnet Nase und Gedächtnis verknüpft? "Unser Geruchssinn ist der einzige, der direkt mit dem Emotionszentrum unseres Gehirns verbunden ist", sagt Rachel Herz, die die Psychologie des Riechens an der Brown University in Providence (US-Bundesstaat Rhode Island) erforscht und kürzlich das Buch "The Scent of Desire" veröffentlicht hat. Sie konnte zeigen, dass Duftreize über eine direkte Bahn ungefiltert zur sogenannten Amygdala gelangen, dem "Gefühlskern" des Gehirns. Und zum benachbarten Hippocampus, in dem unser Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Erinnerungen formt.

Beide Strukturen gehören zum sogenannten limbischen System, das eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Dass wir den Duft von Apfelkuchen vielleicht mit wohlig-geborgenen Kindheitstagen verbinden oder das Parfüm mit dem Ex, hat wesentlich mit diesen Nervenzellbündeln zu tun.

Wie stark dieses System beim Erinnern anspringt, konnte Herz per Magnetresonanztomografie nachweisen: Schnupperten Probanden an ihrem Lieblingsparfüm, zeigte sich eine deutlich höhere Aktivität im Hippocampus und in der Amygdala als bei anderen Düften.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Rachel Herz
The Scent of Desire: Discovering Our Enigmatic Sense of Smell

Verlag:
Harper Perennial
Seiten:
288
Preis:
EUR 14,50

Nase, Gefühle und Erinnerungen sind also besonders eng verwoben. Evolutionsgeschichtlich ist diese direkte Verbindung durchaus sinnvoll: So erkennen wir fauliges Essen sehr schnell - und zwar, bevor wir es in den Mund stecken. Bild- oder Geräuscherinnerungen erleben wir dagegen als weniger emotional und deswegen als weniger stark. Das hat einen Grund: Unsere anderen Sinne sind nicht direkt mit dem limbischen System verbunden. Sie werden über verschiedene Zwischenstationen verschaltet und geprüft, so etwa in einer Struktur namens Thalamus, die wie ein Filter wirkt.

Wie es kommt, dass wir Düfte stets in Verbindung mit einem bestimmten Erlebnis abspeichern, haben nun Forscher um Afif Aqrabawi von der Universität Toronto herausgefunden. Sie untersuchten anhand von Mäusen, was passiert, wenn eine bestimmte Geruchsbahn im Gehirn unterbrochen wird, die das limbische System mit dem Nervenkern AON (anteriorer olfaktorischer Nukleus) verbindet. Welche Funktion der AON genau hat, versuchen zahlreiche Wissenschaftler zu erforschen.

Die Tiere schnupperten immer wieder an derselben Geruchsquelle, als ob sie diese stets aufs Neue entdecken würden. Zwar konnten die Mäuse den neuen Geruch wahrnehmen, aber sie konnten ihn nicht mehr abspeichern und in einen Kontext einordnen. Aqrabawis Fazit: Die Verbindung der beiden im Versuch gekappten Gehirnregionen ist entscheidend, um vollständige Erinnerungen zu bilden, zu denen auch der Duft gehört.

Wenn Gerüche Panik auslösen

Doch nicht immer sind Düfte mit angenehmen Eindrücken verbunden. "Gerüche sind die schlimmsten Auslöser bei posttraumatischen Belastungsstörungen", sagt Herz. Sie zitiert den Fall einer Soldatin, die den Geruch von Grillfleisch nicht mehr aushalten konnte: Dieser war für sie untrennbar mit tödlichen Anschlägen in Afghanistan verbunden. "Das ist kaum zu behandeln, weil bei Gerüchen die emotionale Verbindung so stark ist", sagt Herz.

Und auch bei Alzheimerpatienten können Gerüche noch sehr lebendige Erinnerungen hervorrufen - allerdings nur zu Beginn der Krankheit. Denn recht schnell schrumpft bei Betroffenen etwa der sogenannte Riechkolben, der Geruchsreize von den Sinneszellen aus der Nase aufnimmt und weiterleitet. Auch nimmt der Riechsinn rapide ab, bis die Erkrankten in der Regel keine Gerüche mehr wahrnehmen können.

Und was macht eine duftlose Welt mit uns? "Menschen ohne Geruchssinn gehen ihre emotionalsten Erinnerungen verloren", sagt Herz. Auch der Spaß am Essen und viele andere sinnliche Freuden fallen weg. Studien zeigen: Menschen, die - beispielsweise nach einem Unfall - keine Düfte mehr wahrnehmen konnten, waren nach einem Jahr depressiver als jene, die durch einen Schicksalsschlag erblindet waren.

Bleibt die Frage: Gibt es eine Therapie für Menschen, die nicht riechen können? Eine Art Hörgerät für die Nase? Bisher leider nein. Aber laut Geruchsforscherin Herz wird momentan daran gearbeitet.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wofi 22.05.2019
1. bin sehr überrascht
Als ich nach der Wende nach über 40 Jahren wieder das Haus meiner Großeltern, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte, besucht habe roch es immer noch so wie in meiner Kindheit. Mein Gefühl war so stark, dass ich sehr stark empfand dort hin zu gehören. Ich hatte mein eigentlilches Zuhause gefunden. Seitdem wohne ich mit meiner Familie dort.
octavius31 22.05.2019
2. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Das ist ja spannend. Hat schon Proust in seinem Werk verarbeitet, aber nicht nur auf Gerüche beschränkt, sondern auch auf den Klang.
j.vantast 22.05.2019
3. Was soll so eine Aussage?
"Die Teilnehmer, die mit schlechtem Geruchssinn in die Untersuchung gestartet waren, hatten nach zehn Jahren ein 46 Prozent höheres Sterberisiko als die mit gutem Geruchssinn." Aha, und worin soll das begründet sein? Wie wurde das festgestellt? Die Untersuchungsgruppe war im Alter von 71 bis 82 Jahren alt. Da braucht es keine bahnbrechende Forschung um festzustellen dass das Sterberisiko eines 82 Jährigen binnen der 10 jährigen "Studie" steigt.
ancoats 22.05.2019
4.
Neu, wenn auch nicht wirklich überraschend, ist hier der empirische Nachweis einer Korrelation zwischen Abnahme des Geruchssinns und Demenz bzw. Alzheimer - alles andere ist in der Gehirnforschung schon sehr lange bekannt. Und kennen die allermeisten auch persönlich: nichts ruft vergangene Erlebnisse so schnell und plastisch zurück wie der entsprechend gespeicherte Geruch. Ich zum Beispiel fühlte mich mal mitten in einer Menschengruppe fast wie vom Blitz getroffen (inklusive Herzklabastern), weil irgendwoher das Parfum eines sehr sehr frühen Lovers aus Jugendtagen heranwehte. Ich konnte mich nur mit Mühe davon abbringen, hektisch den ganzen Platz nach diesem Menschen abzusuchen... ;-) Sehr mächtige Verknüpfung - und garantiert ein ständiger Albtraum im Falle von negativen Koppelungen.
ancoats 22.05.2019
5.
Neu, wenn auch nicht wirklich überraschend, ist hier der empirische Nachweis einer Korrelation zwischen Abnahme des Geruchssinns und Demenz bzw. Alzheimer - alles andere ist in der Gehirnforschung schon sehr lange bekannt. Und kennen die allermeisten auch persönlich: nichts ruft vergangene Erlebnisse so schnell und plastisch zurück wie der entsprechend gespeicherte Geruch. Ich zum Beispiel fühlte mich mal mitten in einer Menschengruppe fast wie vom Blitz getroffen (inklusive Herzklabastern), weil irgendwoher das Parfum eines sehr sehr frühen Lovers aus Jugendtagen heranwehte. Ich konnte mich nur mit Mühe davon abbringen, hektisch den ganzen Platz nach diesem Menschen abzusuchen... ;-) Sehr mächtige Verknüpfung - und garantiert ein ständiger Albtraum im Falle von negativen Koppelungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.