Wir machen uns mal frei Das Spray, die Nase und ich

Kaum fliegen die Pollen, wird das Leben für Jens Lubbadeh zur Qual. Gegen die geschwollene Nase hilft dann nur noch Nasenspray. Doch der Kolumnist muss bekennen: Er ist abhängig von dem Zeug. Um davon runterzukommen, entscheidet er sich für die Warmduscher-Methode.
Anwendung von Nasenspray: Der im Spray enthaltenen Wirkstoff Xylometazolin kann süchtig machen

Anwendung von Nasenspray: Der im Spray enthaltenen Wirkstoff Xylometazolin kann süchtig machen

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Pfscht.

Aaaah!

Nein, lieber Leser, ich habe mir eben kein Bier aufgemacht. Das war mein Nasenspray.

Manche Menschen haben Probleme mit Alkohol. Andere mit Zigaretten. Mein Laster heißt Xylometazolin. Das klingt nach Designerdroge, vielleicht ist sie das auch, aber sie lässt mich weder 24 Stunden durchtanzen noch meine Seele mit der von Jesus Christus, Mahatma Gandhi und Steve Jobs gleichzeitig verschmelzen - Xylometazolin macht einfach nur die Nase frei. Und zwar pronto.

Jetzt im Fehler, äh, ich meine Sommer, wo die Pollen fliegen, ist es jedenfalls meine Rettung. Ich bekenne: Ich bin abhängig von dieser Nasendroge. Und ich bin nicht allein. Laut Statistik gibt es in Deutschland rund 100.000 Xylos, wie immer ist die Dunkelziffer viel größer. Das ist wenig verwunderlich, denn Schnupfensprays sind Bestseller. 23 Millionen Fläschchen eines bekannten Herstellers wurden 2009 in Deutschland verkauft. Das reichte für Platz eins auf der Liste der umsatzstärksten rezeptfrei erhältlichen Präparate.

Xylo ist ähnlich wie Heroin. Am Anfang macht es noch Spaß. Aber ganz schnell geht es nicht mehr ohne. Das Zeug befreit, aber nur für ein paar Stunden. Dann schwillt die Nase wieder zu. Und zwar heftiger als zuvor - der typische Rebound-Effekt. Ich kann Ihnen versichern: Eine Nacht mit einer Nase, die sich anfühlt wie die von Rocky Balboa nach einem Fight gegen Apollo Creed, ist kein Vergnügen. Also sprüht man wieder und wieder und wieder - und denkt, dass man ja jederzeit aufhören könnte. Kann man aber nicht.

Die Zeche für den langfristigen Xylo-Konsum zahlt die Nasenschleimhaut: Sie wird trocken und rissig. In der Populärpresse liest man gar von Lochbildung und nachlassender Geruchsfähigkeit. Das Zeug ist also nicht ohne. Trotzdem findet man in Deutschland keine Apotheke, die nicht mindestens 150 verschiedene Nasensprays fein säuberlich aufgereiht direkt gegenüber dem Verkaufstresen aufstellt. Greift man dann zu, rattert der Apotheker den Spruch runter, den ich schon viel zu oft gehört habe: "Bitte nicht öfter als dreimal täglich und länger als eine Woche anwenden."

Perfides Anfixen

Welch Bigotterie! Dazu zwei Fragen, liebe Apotheker und Arzneimittelhersteller: Wenn ich das Nasenspray nur eine Woche anwenden darf, wieso muss man dann 15 Milliliter in eine Flasche füllen? Denn am Ende der Woche ist das Fläschchen noch fast ganz voll und das Zeug hält sich auch nur sechs Monate. So oft kann man gar nicht Schnupfen haben, um das Ding nach Anleitung leerzukriegen. Und was bitte soll die XL-Variante mit 20 Millilitern, die bei täglicher Anwendung fast zwei Monate reicht? Ja, ich spreche aus Erfahrung.

Mit Familienfreundlichkeit werden diese Mengen wohl kaum zu erklären sein. Perfides Anfixen ist das, nichts anderes, wobei sich die Apotheken als Dealer andienen. Ein schwacher Trost bleibt: Man kann sichergehen, dass man "guten Stoff" bekommt. Und dann wird man auch noch jedes Mal über die korrekte Anwendung der Suchtdroge belehrt. Welcher Raucher hätte es gerne, vom Kioskbesitzer immer wieder ermahnt zu werden, "bitte nicht mehr als eine Zigarette am Tag und maximal eine Woche lang" zu rauchen? Andererseits werde ich misstrauisch, wenn ich den Spruch nicht höre. Was für eine miese Apotheke, denke ich dann. Gemein, oder?

Um von Xylo wieder runterzukommen, gibt es zwei Methoden: Den kalten Entzug oder die Substitution. Ersteren habe ich schon mehrfach gemacht, meist unfreiwillig - weil ich auf Reisen war und mein Xylo-Fläschchen vergessen hatte, oder es an Heiligabend leerging. Dann steht einem eine sehr lange Nacht bevor. Die Nasenhöhlen schwellen so an, dass man jeden Herzschlag durch sie Nebenhöhlen direkt im Gehirn spürt. Erst kommen die Kopfschmerzen, dann die Panik, dann die Verzweiflung. Und am Ende ist da nur noch Wut.

Am nächsten Morgen hat man es geschafft.

Die Variante für Warmduscher ist die Substitution. Sie gelingt nur, indem man sich seinem Arzt offenbart. Zum Glück habe ich eine sehr gute, sehr verständnisvolle Ärztin. Es brauchte gar kein demütigendes Bekenntnis meinerseits. Als ich nur Xylo sagte, nickte sie schon verständnisvoll und drückte mir ein Rezept in die Hand: Cortisonspray. Dazu rezeptfreies, teures Nasenöl regelmäßig eingeträufelt - "damit kriegen Sie es weg", sagte sie. Und es klappte tatsächlich. Vorerst jedenfalls. Bis zur nächsten Erkältung.

Oder, wie in meinem Fall, bis zur nächsten Pollensaison - die bei mir quasi ständig ist, außer im November, Dezember und Januar. Aber selbst da hat meine Nase keine Ruhe, weil dann die Heizsaison losgeht, was für Hausstaubmilben ungefähr so großartig ist wie für uns Hochsommer.

Wie Xylometazolin wirkt

Xylometazolin ist ein Sympathomimetikum, es imitiert die Wirkung des Sympathikussystems. Diesem Alarmsystem in unserem Rückenmark hat unsere Spezies ihr Überleben in rauen und grauen Vorzeiten zu verdanken. Das Sympathikussystem schüttet das sprichwörtlich gewordene Adrenalin aus, wenn's ums nackte Überleben geht.

Kommt der Feind, muss schnell gehandelt werden. Kämpfen oder Fliehen sind dann die einzigen Optionen. Entschieden wird das auf Rückenmarksebene, jeder Ansatz zerebralen Rumgrübelns wäre der sichere Untergang. Flucht wie Kampf fordern dem Körper einiges ab. Daher wird der Muskeltonus hochgefahren, das Herz schlägt schneller, weil auf jeden Fall mehr Sauerstoff verbraucht werden wird. Der Blutdruck steigt. Auch eine freie Nase ist sehr hilfreich, wenn man womöglich gleich um sein Leben rennen muss. Das Sympathomimetikum Xylo wirkt wie Adrenalin - es lässt die Blutgefäße enger werden. In der Nasenschleimhaut führt das zum gewünschten Abschwellen - und zwar schnell, so wie man's vom Sympathikussystem im Ernstfall gewohnt ist.

Früher oder später bin ich wieder drauf, auf dem Xylo. Aber ich weiß ja, dass ich jederzeit damit aufhören kann. Habe ich ja auch schon oft genug.

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