Ex-Homöopathin Was haben Sie gegen Alternativmedizin, Frau Grams?

"Wer behauptet zu heilen, muss das auch belegen": Die frühere Homöopathin Natalie Grams hat ein Buch über das Gesundheitssystem geschrieben. Hier erklärt sie, warum Bachblüten nicht helfen - und was Ärzte vom Erfolg der Alternativmedizin lernen sollten.
Natalie Grams

Natalie Grams

Foto: Michael Hudler
Zur Person

Natalie Grams, Jahrgang 78, ist Ärztin, Ex-Homöopathin und Mutter von drei Kindern. Sie leitet das kritische Informationsnetzwerk Homöopathie und arbeitet für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. In ihrem Buch "Gesundheit" beschäftigt sich Grams mit der medizinischen Versorgung in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Frau Grams, Sie haben gerade ein Buch mit dem kurzen Titel "Gesundheit" veröffentlicht. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie an unserem Gesundheitssystem ändern?

Grams: Ich würde mir wünschen, dass wir den Patienten wieder in den Mittelpunkt der Medizin stellen. Die Wissenschaft nimmt berechtigterweise einen großen Raum ein in der heutigen Medizin. Auch wirtschaftliche Aspekte spielen eine Rolle - und das ist verständlich. Aber dabei haben wir den Patienten aus dem Blick verloren. Ein Symptom dafür ist die wachsende Begeisterung für Alternativmedizin.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gegen Alternativmedizin?

Grams: Ich möchte die Menschen gern aufklären, was hinter Homöopathie, Bachblüten, Akupunktur und anderen Methoden steckt. Wo sie den Naturgesetzen widersprechen, wo sie es nicht geschafft haben, ihre Wirksamkeit überzeugend zu belegen. Mir begegnen in Diskussionen immer wieder dieselben Sätze und Floskeln, zum Beispiel "Wer heilt, hat recht!" oder "Mir hat es aber geholfen". Damit habe ich mich auseinandergesetzt. Denn die eigene Erfahrung ist nicht immer geeignet, um etwas objektiv zu beurteilen. Schon gar nicht, ob eine medizinische Behandlung gewirkt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was lassen Sie denn gelten?

Grams: Wer behauptet zu heilen, muss das auch stichhaltig belegen können. Die evidenzbasierte Medizin - die auch nicht frei von Fehlern ist - kann das. Homöopathie oder Bachblüten können es nicht. Auch würde ich gern ein Verständnis für die Wissenschaft als Basis unserer Medizin wecken oder auch dafür, dass angeblich nebenwirkungsfreie Angebote im schweren Verdacht stehen, keine Hauptwirkung zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren nicht nur die Alternativmedizin, sondern auch den Berufsstand des Heilpraktikers.

Grams: Wir können diese Zweigleisigkeit nicht beibehalten, bei der auf der einen Seite wissenschaftliche Belege gefordert sind und strenge Regeln gelten und auf der anderen Laisser-faire herrscht. Man kann Heilpraktiker werden, ohne je einen Patienten gesehen zu haben und ohne wissenschaftlich fundierte Ausbildung. Es fehlen Kontrollinstanzen. Im Sinne des Patientenschutzes muss sich das ändern. Ich bin jedoch genauso entschieden gegen Pseudomedizin bei Ärzten, wie etwa IGEL-Leistungen, unnötige Operationen oder Homöopathie.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte sich konkret im Gesundheitssystem ändern? Wie bekommen wir "den Patienten wieder in den Mittelpunkt"?

Grams: Ich kann nur ein paar Ideen vorstellen, da gibt es sicher sehr viele Stellschrauben. Was jedenfalls nicht reichen wird: ein paar Abrechnungsziffern für die Ärzteschaft zu ändern und ein paar Pflegekräfte mehr einzustellen.

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SPIEGEL ONLINE: Man hört immer wieder Ärzte klagen, dass die reine Gesprächszeit zu wenig vergütet wird. Was auch Patienten spüren, die mit ihren Fragen beim Arzt kaum Gehör finden und dann an anderer Stelle Antworten suchen. Warum soll da eine bessere Vergütung nicht helfen?

Grams: Damit ist es nicht getan. Wenn sich der Hausarzt dann 30 Minuten für einen Patienten nimmt, was ist mit allen anderen? Die stapeln sich im Wartezimmer oder kommen gar nicht mehr rein in die Praxis?

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn eine Lösung?

Grams: Zum Beispiel Bürokratie abbauen oder outsourcen. Im Schnitt verbringt ein niedergelassener Arzt knapp 350 Stunden im Jahr mit Bürokratie und Dokumentation - auf eine 40-Stunden-Woche umgerechnet entspricht das etwa zwei Monaten Arbeit (52 Millionen Stunden bei 150.000 niedergelassenen Ärzten )! Weniger Bürokratie würde niedergelassenen Ärzten mehr Zeit für ihre Patienten geben. Und was die Gespräche angeht: Zurzeit sind Ärzte dafür leider nicht vernünftig ausgebildet. Angehende Ärzte sollten im Medizinstudium viel mehr praktisch lernen und auch ihre Empathie trainieren. Es bringt ja niemanden weiter, wenn Ärzte einfach mehr labern, nur weil es dafür jetzt eine Ziffer und Geld gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde denn ein sinnvolles Gespräch aussehen?

Grams: Nehmen wir einen Patienten mit akuten Rückenschmerzen. Nach eingehenden Untersuchungen bin ich als Ärztin mit dem Patienten gemeinsam zu der Überzeugung gekommen, dass hier kein körperliches Gebrechen vorliegt, sondern seine Beschwerden eher mit seinem stressigen Beruf zusammenhängen. Darüber rede ich mit ihm und kann ihn mit einem aufklärenden Gespräch beruhigen. Wiederholte CT- oder MRT-Aufnahmen sind dann nicht notwendig. Am Ende weiß er, dass er seinen Stress reduzieren und sich zum Beispiel mehr bewegen sollte. Insgesamt spart das sogar Kosten und Zeit.