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25. November 2013, 12:44 Uhr

Kindergesundheit

Arzneipflanzen und ihre Nebenwirkungen

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Bei vielen pflanzlichen Arzneimitteln fehlen Untersuchungen zu Nebenwirkungen - das ist vor allem bei der Gabe an Kinder bedenklich. Die Übersicht zeigt, welche beliebten Mittel trotzdem genommen werden können, und bei welchen Vorsicht geboten ist.

Kamille

Laut einer Umfrage greifen knapp 86 Prozent der Eltern bei der Behandlung ihrer Kinder zur Kamille. Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat die Datenlage zu Römischer Kamille analysiert. Aufgrund mangelnder Daten ist die Römische Kamille demnach als Tee oder Extrakt nicht für Kinder unter zwölf Jahren zu empfehlen.

"Die Regelung kommt zustande, weil Kamillentee in einigen EU-Staaten nicht so selbstverständlich bei Kindern verwendet wird wie in Deutschland", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. "Aus der langjährigen Praxiserfahrung in Deutschland sind aber keine gravierenden Nebenwirkungen bekannt." Nur Kinder mit Allergien gegen Korbblütler sollten keinen Kamillentee trinken.


Fenchel

Gut 80 Prozent der Kinder haben laut der Umfrage schon mal Fenchel bekommen, vor allem gegen Magenverstimmungen. Das HMPC untersuchte Tee aus süßem und bitterem Fenchel und schätzt ihn für Kinder ab vier Jahren als sicher ein. Zu jüngeren Kindern fehlten den Prüfern aussagekräftige Daten. Der Kinderarzt solle zu Rate gezogen werden.

"In Deutschland ist Fencheltee bei Säuglingen lange erprobt", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. "Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht bekannt." Kinder mit Allergien gegen Doldenblütler sollten nicht mit dem Gewächs in Kontakt kommen.


Eukalyptus

Eukalyptusöl wird in Lutschbonbons, Salben, Cremes, Bädern oder Inhalationsflüssigkeiten als Schleimlöser bei Erkältungen verwendet. Im Entwurf für eine HMPC-Monografie steht, dass für die Verwendung bei Personen unter 18 Jahren nicht ausreichend Daten für eine Empfehlung vorliegen. Schwangeren und stillenden Frauen wird von den Präparaten abgeraten.

Bei Kleinkindern unter zwei Jahren besteht laut HMPC die Gefahr, dass die ätherischen Öle des Eukalytus einen Stimmritzenkrampf hervorrufen, der zu Bewusstlosigkeit und Ersticken führen kann. Im Arzneimittellexikon der Kooperation Phytopharmaka, einem Zusammenschluss mehrerer Phytopharmaka-Hersteller und Interessensverbände, wird darauf hingewiesen, dass Eukalyptus die Wirkung anderer Arzneien abschwächen kann.


Salbei

Pflanzliche Arzneien auf der Grundlage von Salbei sind bei Eltern genauso beliebt wie Eukalyptus, etwa vier von zehn nutzen sie laut der Umfrage. Das HMPC empfiehlt sie aufgrund großer Datenlücken nur Erwachsenen. Der Arzt solle zu Rate gezogen werden. Auch für schwangere und stillende Frauen will das Komitee keine Empfehlung aussprechen.

Salbei könne die Wirkung von Beruhigungs- und Narkosemitteln beeinflussen, heißt es in der Bewertung des HMPC. Zudem könne eine Überdosis zu Herzrasen, Schwindel oder epileptischen Krämpfen führen.


Sonnenhut/Echinacea

Ein Viertel der Eltern haben bei ihrem Kind schon einmal Echinacea, auch Sonnenhut genannt, angewendet, vor allem bei Grippe. Die Liste der Warnungen seitens des HMPC ist hier besonders lang. Die Arznei sollte erst bei Kindern ab zwölf Jahren angewendet werden. Zudem wird Allergikern von der Anwendung abgeraten. Weil Sonnenhut das Immunsystem stimulieren kann, sollten Patienten mit Autoimmunerkrankungen, Immunschwächen oder solche, deren Immunsystem medikamentös unterdrückt wird, auf die Präparate verzichten. Ob Sonnenhut die Dauer einer Grippe verkürzen oder ihren Ausbruch verhindern kann, ist zudem unklar.


Thymian

Wie die anderen Mittel haben vier von zehn Eltern ihren Kindern schon mal Thymian gegeben. Hustensaft auf Grundlage des Gewürzes ist in der Regel schon für Kleinkinder ab einem Jahr zugelassen. Andere Zubereitungen, etwa Thymianöl, empfiehlt das HMPC erst ab zwölf. Bei Atemnot, Hautausschlag, Fieber oder eitrigem Auswurf sollte der Arzt kontaktiert werden, heißt es in der HMPC-Monographie. Thymian kann in sehr seltenen Fällen eine Überempfindlichkeitsreaktion hervorrufen.


Ringelblumen/ Calendula

Auch Arzneimittel aus der Ringelblume haben laut der Umfrage knapp 40 Prozent der Eltern schon mal bei ihren Kindern ausprobiert. Zum Einsatz kommt die Pflanze bei Entzündungen der Haut sowie Mund- und Rachenschleimhaut. Kindern unter zwölf Jahren, Schwangeren und Stillenden wird in der HMPC-Monographie nicht zu der Arzneipflanze geraten, weil Erfahrungswerte fehlen. Auch Menschen mit Allergien gegen Korbblütler sollten sie meiden.


Umckaloabo/ Kapland-Pelargonie

Umckaloabo ist in den vergangenen Jahren zu einem beliebten pflanzlichen Arzneimittel aufgestiegen und wird laut der Umfrage genauso häufig ausprobiert wie Arzneimittel aus dem Sonnenhut. Ihren Ursprung hat die Arznei im Süden Afrikas. Sie wird aus der Wurzel der dort heimischen Kapland-Pelargonie gewonnen. Da ihr Einsatz in der EU keine Tradition hat, zählt Umckaloabo hierzulande nicht zu den traditionellen Arzneimitteln.

Eingesetzt wird Umckaloabo zur Behandlung von Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung. Seine Wirksamkeit ist in methodisch guten Studien kaum nachgewiesen. "Dass es in Tablettenform überhaupt eine Wirkung hat, halte ich für äußerst unwahrscheinlich", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Die Arznei steht außerdem im Verdacht Leberschäden hervorzurufen und kann zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Bei Säuglingen unter einem Jahr sollte sie nicht angewendet werden, bei Kindern unter sechs nur in Rücksprache mit einem Arzt.

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