Neue Studie zum Bluthochdruck Erkenntnis auf der Achterbahn

Ja, was denn nun? Erst soll der Blutdruck höchstens bei 130 liegen, dann ist 140 okay, jetzt empfehlen US-Ärzte 120. Machen die sich nicht lächerlich mit ihren ständig neuen Empfehlungen? Nein. So funktioniert Erkenntnisgewinn.

Erst rauf, dann runter: Da muss man durch
AP/dpa

Erst rauf, dann runter: Da muss man durch

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Mit etwas Böswilligkeit könnte man den Kardiologen unterstellen, sie seien ein echt unentschlossenes Völkchen. Die Arztgruppe, in deren Obhut die Definition gesunder Blutdruckwerte liegt, fährt damit in den vergangenen Jahren Achterbahn.

Wer über 50 Jahre alt ist und ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen hat, der sollte seinen Blutdruck auf höchstens 140 senken. So steht es in der aktuellen europäischen Leitlinie. In der Fußnote findet sich der Hinweis, dass man Menschen mit Werten von 130 bis 139 und hohem Risiko in der vorigen Leitlinie eine Senkung empfohlen habe, aber das nicht mehr tue - aufgrund neuer Studien. In der nächsten Version wird wohl eine ähnliche Anmerkung folgen. Nur dass es wieder in die andere Richtung geht: Denn laut einer großen US-Studie ist jetzt für bestimmte Patienten maximal 120 der beste Wert. Erst rauf, dann runter.

Bei Patienten kann das Verunsicherung auslösen. Fürs irritierte Publikum mag sogar der Eindruck entstehen, die wüssten nicht, was sie tun.

Das Gegenteil ist der Fall

Doch so irritierend er erscheinen mag, so sinnvoll ist dieser Prozess. Die Leitlinie soll dafür sorgen, dass Ärzte ihren Patienten die nach heutigem Wissensstand bestmögliche Behandlung zukommen lassen. Der aktuelle Wissensstand aber, die Evidenz, erweitert und verändert sich.

Die gerade veröffentlichte Blutdruckstudie hat sich einer Frage angenommen, die von einer Untersuchung dieser Größe bisher nicht beantwortet worden war. Das Ergebnis hätte die aktuellen Leitlinien bestätigen können - dann hätte man dort nur vermerkt, dass die Empfehlung von stärkerer Evidenz gestützt wird. Oder sie konnte etwas anderes ergeben. Das ist nun passiert - und darum muss sich die Empfehlung ändern.

Erkenntnisgewinn in der Medizin funktioniert eben nicht wie Malen nach Zahlen, wo sich alles ineinander fügt, weil alle Linien schon vorgegeben sind. Nein, es werden ständig neue Fragen gestellt und überholtes Wissen wird über Bord geworfen, so lieb es mancher auch gewonnen haben mag.

Zwei weitere Beispiele

Im Februar etwa verkündeten Therapeuten Revolutionäres in der neuen Leitlinie zur Behandlung von Alkoholsucht: Nachdem Abstinenz lange das einzig akzeptable Ziel war, ist es nun ein mögliches Behandlungsziel, den Konsum zu reduzieren. Auch hier zeigten große Studien, wie sinnvoll es ist, diese Option aufzunehmen. Und nicht auf dem einmal Gelernten zu beharren, als sei es ewig richtig.

Und erst in diesem Monat änderte die US-Krebsgesellschaft ihre Empfehlung, ab wann Frauen mit nicht erhöhtem Brustkrebsrisiko erstmals zur Mammografie gehen sollten: Mit 45 Jahren statt mit 40, wie vorher empfohlen. In Deutschland lädt man übrigens erst Frauen ab 50 Jahren zum Screening. Auch diese Zahl ist garantiert nicht in Stein gemeißelt. Über Für und Wider der Mammografie wird heftig gestritten.

Diskutieren, kritisieren, streiten - auch das gehört zum wissenschaftlichen Prozess. Ebenso, dass nicht jeder Daten exakt gleich einordnet, zum Teil sogar frappierend unterschiedlich, wie eine kürzlich veröffentliche Studie verdeutlichte. Das alles zeigt, welch ein schwieriger Prozess Erkenntnisgewinn ist.

Umso mehr sollten wir uns freuen, wenn mithilfe der Forschung immer genauer beantwortet werden kann, was sinnvoll ist in der Medizin und was nicht. Wer von einem stark gesenkten Blutdruck profitiert, wer es etwas entspannter angehen kann.

Inakzeptabel ist dabei, wenn Studienergebnisse von Interessen geleitet sind. Wenn etwa von der Industrie bezahlte Forschung zu Medikamenten häufiger Positives zu berichten weiß als anders finanzierte Studien. Oder wenn Ärzte, die an Leitlinien mitarbeiten, eine solche Vielzahl von Industriefinanzierungen haben, das man ihre Unabhängigkeit bezweifeln kann. Deshalb ist das Offenlegen von Interessenkonflikten längst Standard, auch wenn damit sicher nicht alle Probleme aus der Welt sind.

Und als versöhnlicher Abschluss für alle, die sich mit ständig variierenden Empfehlungen schwertun, folgen nun die seit Langem gültigen Klassiker: Nicht rauchen, sich regelmäßig bewegen, gesund ernähren, Normalgewicht halten - das kommt nie aus der Mode. Okay, was genau gesunde Ernährung ist und ob es nicht auch gesundes Übergewicht gibt, darüber wird - Sie müssen tapfer sein! - noch gestritten.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



insgesamt 72 Beiträge
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Pelao 10.11.2015
1. Empfehlungswerte basieren auf Statistik ...
... Was durchschnittlich für den einen gut ist, kann den anderen in die Verzweiflung treiben. ... Wenn ich den empfohlenen Blutruck von 120/80 habe, liege ich schon fast im Sterben weil ich total schlapp bin, Kopfschmerzen habe und Antriebslosigkeit mein Handeln bestimmt. ... Bei 135/90 ist die Welt in Ordnung. ... Also, nicht bange machen lassen, sondern selbst den Wert suchen bei dem man sich am Besten fühlt, und man wird sehen, daß man vom Opfer und Patient wieder zu einem Menschen wird, der seine Lebensqualität zum Teil selbst in der Hand hat.
ruman 10.11.2015
2. jetzt müsste es mutig weitergehen, mit welchen Medikamenten
ohne Beeinflussung durch die Pharmaindustrie. oder muss das ein Traum bleiben?
Qual 10.11.2015
3. Und ob...
Natürlich machen die sich lächerlich. In allen Bereichen. Was gut für uns ist weiß der Mensch eigentlich selbst. Er darf nur nicht der Hirnwäsche von Werbung, PR und Politik erliegen. Dann muss er nur noch Genuss- und Lebensmittel aus einander halten und er kann alles andere getrost belächeln. Natürlich sind Sport-, Bio-, Öko- usw. -Fanatiker meilenweit davon entfernt und dürfen daher auch belächelt werden. :-)
Qual 10.11.2015
4. Sich selbst wahrnehmen
Gutes Beispiel mit den Alkoholikern. Einmal dafür wie blöd doch Fachleute sein können und wie gut der Mensch selbst weiß was gut für ihn ist. Der freie Mensch, der nicht von gesellschaftlichen Zwängen befallen ist, merkt das ganz leicht selbst, dass langsamer Entzug vor zu ziehen ist. Er hat wesentlich mehr Vorteile. Der wichtigste man lernt zu trinken und hat nicht gleich den Supergau wenn man mal wieder etwas trinkt. Außerdem ist das viel leichter. Das Problem herrscht im Übrigen in vielen Bereichen der Psychologie, man kennt nicht die tatsächlich benötigte Zeit, sondern will so rational wie möglich sein. So rational, dass die meisten Krankheiten, wie Süchte und Depressionen usw. alle nach und nach wieder ausbrechen. Aber zuerst hatte man ja Erfolg, daher gilt so viel Schwachsinn als richtig. Niemanden interessieren Langzeitergebnisse, in keinem Bereich. Der Mensch muss trotz staatlicher Entmündigung einfach selber sein.
günterjoachim 10.11.2015
5. Schwierig...
Zukünftig überholtes Wissen gilt heute als alleinige Wahrheit die von ihren Verfechtern militant verfolgt wird. Nur mal zurückgehen in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zeigt, daß eine gesunde Skepsis gegenüber Studien das einzig Richtige ist.
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