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03. Februar 2015, 17:19 Uhr

Legale Drogen

So werden Alkohol- und Nikotinsüchtige künftig behandelt

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Nie wieder rauchen, endlich vom Alkohol loskommen: Zwei medizinische Leitlinien sollen sicherstellen, dass Menschen mit Suchtproblem optimale Hilfe erhalten. Ein Aspekt ist dabei geradezu revolutionär.

Wer aufhören will zu rauchen, muss das meist aus eigener Kraft versuchen oder für professionelle Hilfe selbst zahlen. Viele bleiben dann am Glimmstängel hängen. Und bei Problemen mit Alkohol gilt: Wer Hilfe suchte, stand bislang vor der Entscheidung, nie wieder zu trinken oder weiter wie bisher. Für viele eine zu große Hürde.

Zwei neue Behandlungsleitlinien könnten die Misere beenden. "Menschen mit Süchten oder schädlichem Konsum von Alkohol oder Tabak sind in Deutschland deutlich unterbehandelt. Wir legen nun die Grundlage für eine bessere Versorgung und eine optimale Behandlung", sagt der Psychiater Peter Falkai, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Die Gesellschaft hat die sogenannten S3-Leitlinien in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und -therapie in Auftrag gegeben.

Die beiden 250- beziehungsweise 400-Seiten starken Wälzer enthalten insgesamt 250 Empfehlungen dazu, wie Konsumprobleme mit Tabak oder Alkohol am besten erkannt werden können und behandelt werden sollten.

Dafür sichteten rund 80 Experten mehr als 6800 Studien aus den vergangenen zehn Jahren. Auf Basis der Forschungsbefunde formulierten sie die Empfehlungen und stimmten gemeinsam mit Vertretern aus rund 50 Fachgesellschaften sowie Patienten- und Angehörigengruppen über diese ab. Ein vierjähriges Großprojekt, das die Behandlungslandschaft für die Betroffenen tatsächlich verändern kann.

Alkohol-Leitlinie: Es geht nicht nur um Abstinenz

Abstinenz galt bislang als einziges Behandlungsziel bei Alkoholsucht, egal ob jemand schwer abhängig war oder lediglich an der Schwelle dazu stand. Ganz oder gar nicht - für die meisten eine zu hohe Hürde. Nur acht Prozent aller Alkoholabhängigen fanden in Deutschland in den vergangenen Jahren den Weg in eine Suchtberatungsstelle oder eine Therapie. Alle anderen tranken weiter oder versuchten es allein, Rückschläge oder sogar Verschlimmerungen inklusive.

Die Leitlinie reagiert darauf: Ein mögliches Behandlungsziel ist jetzt, den Alkoholkonsum zu reduzieren. Was bislang zu emotionalen Diskussionen führte und als tabu galt, ist nun also eine legitime Option. Sie gilt nicht nur für jene, die an der Schwelle zur Sucht stehen, sondern auch für Abhängige. "Abstinenz bleibt das oberste Ziel, aber wenn jemand diesen Schritt nicht gehen kann oder will, dann zielt die Beratung oder Behandlung erst einmal auf eine Reduktion ab", sagt der Psychiater Karl Mann, bis vor Kurzem Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim sowie Präsident des Europäischen Verbands der Suchtgesellschaften EUFAS. Funktioniere der Ansatz nicht, werde die Abstinenz empfohlen.

Ein echter Paradigmenwechsel: Wenn ihn jemand vor acht Jahren gefragt hätte, hätte er sich ganz klar gegen eine Konsumreduktion ausgesprochen, sagt Mann. Doch die Datenlage habe sich drastisch verändert. Groß angelegte Studien berichten von Alkoholabhängigen, die es schafften, über viele Jahre hinweg konstant weniger zu trinken. Die Neuerung könnte Menschenleben retten. Noch immer sterben jedes Jahr Tausende an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Regelmäßig ein paar Gläser weniger trinken, das kann viel Leid ersparen.

Beim Tabak gilt weiterhin: Jede Zigarette ist schädlich

Der komplette Verzicht aufs Rauchen hat in der neuen Leitlinie zum Tabakkonsum oberste Priorität. Der Weg dorthin ist oft schwer. Bislang versuchen die meisten Raucher auf eigene Faust vom Glimmstängel loszukommen. Im Laufe ihres Lebens schaffen das auch zahlreiche. Nicht wenige greifen allerdings immer wieder zur Zigarette, obwohl sie aufhören wollen. Ein Arzt oder Psychologe könnte helfen. Doch sich professionelle Hilfe zu suchen, ist nicht nur eine Frage von Stolz oder Scham, sondern auch eine finanzielle. Raucherentwöhnungsprogramme, Nikotinpflaster und -kaugummis müssen aus eigener Tasche bezahlt werden.

Die Leitlinie übt nun Druck auf die Politik aus. Sie stellt die Tabakabhängigkeit mit der von Alkohol auf eine Stufe und fordert damit indirekt mehr Entgegenkommen vom Gesundheitssystem, wenn jemand mithilfe eines Arztes oder Psychologen die Sucht überwinden will.

Noch mehr: Sie zeigt auch auf, dass es sehr wirksame und mitunter simple Methoden gibt. Schon ein kurzes Gespräch beim Hausarzt kann Raucher auf den Weg zur Abstinenz geleiten. Auf diesem helfen dann vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen und ein Nikotinersatz, egal ob Pflaster, Kaugummi, Nasenspray oder Lutschtablette. Auch eine qualifizierte Telefonberatung hat sich als äußerst hilfreich herausgestellt.

Über die Hilfen aus dem Internet oder als Smartphone-App wissen die Forscher bislang zu wenig. Erste Studien lassen jedoch vermuten, dass diese künftig eine sinnvolle Option sein könnten.

Weniger spricht die Datenlage für eine Hypnotherapie und Akupunktur. Die E-Zigarette, von einzelnen Suchtforschern hoch gelobt, wird in der Leitlinie nicht empfohlen, da bislang zu wenig über ihre Auswirkungen und enthaltene Schadstoffe bekannt ist. Starken Rauchern könne sie jedoch als Mittel zur Tabakentwöhnung empfohlen werden.

Nun sind Leitlinien kein Gesetz, sie enthalten nur Empfehlungen. Dennoch ist Psychiater Peter Falkai optimistisch, dass sie etwas bewegen werden. Erst kürzlich habe eine Cochrane-Analyse von mehr als 800 Studien gezeigt, dass solche Leitlinien die Behandlungsergebnisse für die Patienten tatsächlich verbessern können.

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