Neurodermitis Was gegen das unerträgliche Jucken hilft

Beim einen ist es die Ernährung, beim anderen sind es Hausstaubmilben: Neurodermitis kann die verschiedensten Auslöser haben. Die Therapie sollte genau auf den Patienten abgestimmt sein. Dabei reichen die Angebote von Silberbekleidung über UV-Licht bis hin zur Blutwäsche.

Untersuchung durch den Arzt: Häufig tritt Neurodermitis in der Armbeuge auf
Corbis

Untersuchung durch den Arzt: Häufig tritt Neurodermitis in der Armbeuge auf


Wann kommt es zu einer Neurodermitis?

Bei der Neurodermitis treffen in der Regel drei Dinge aufeinander: Die Haut der Betroffenen ist trocken, hat eine Barrierestörung und ihre Immunfunktion ist gestört. Die Erkrankten sind empfindlicher gegenüber Allergieauslösern, Viren und Bakterien, aber auch gegenüber mechanischen Reizen.

Ursache der Barrierestörung sind auch Genveränderungen, von denen mittlerweile einige bekannt sind. Damit ist die Neurodermitis zumindest teilweise erblich: "Wenn Vater und Mutter an Neurodermitis leiden, hat das Kind ein Risiko von 70 Prozent, selbst an Neurodermitis zu erkranken", sagt der Dermatologe Johannes Ring, Direktor der Hautklinik der TU München. "Hat nur ein Elternteil ein Ekzem, beträgt das Risiko 40 Prozent."

Ein Beispiel für eine Erbgutveränderung, die zu Neurodermitis führt, sind Mutationen im Gen für das Strukturprotein Filaggrin. Sie führen dazu, dass weniger Filaggrin in den äußeren Hautschichten vorhanden ist. Das Protein spielt eine bedeutende Rolle beim Zusammenhalt zwischen den Hautzellen und ist damit ein Schlüsselelement der Hautbarriere.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es abgesehen von den im Artikel bereits angesprochenen?

Ernährungstherapie und Vermeidungstherapie

Insbesondere bei Kindern führt manchmal eine Lebensmittelallergie zu der Hautkrankheit. Um ihr auf die Spur zu kommen, werden bestimmte Stoffe des Abwehrsystems überprüft. So testen die Mediziner zum Beispiel das Gesamt-IgE und spezifische IgE gegen Milcheiweiß, Hühnereiweiß, Nüsse, Soja, Weizen und Fisch.

Bei Kindern ist auch die Befragung von Mutter oder Vater sehr wichtig. "Die Laborwerte allein sind nicht aussagekräftig genug. Man muss immer Symptome und Laborwerte korrelieren", sagt die Lübecker Medizinerin Anemüller. Dermatologe Ring betont, dass keine Diät erfolgen sollte, bevor nicht eindeutig sichergestellt ist, dass eine Lebensmittelallergie besteht. "Es kann ansonsten insbesondere bei Kindern zu einer Mangelernährung kommen. Wir müssen da leider mitunter sehr krasse Geschichten erleben", warnt Ring.

Neben der Ernährungsberatung wird jede Form der Schulung zu Neurodermitis empfohlen. Wenn festgestellt wird, dass bestimmte Allergene wie Pollen oder Tierhaare die Neurodermitis begünstigen, ist es ratsam, diese Allergene zu meiden.

Selektive Immunadsorption für Erwachsene mit schwerer Neurodermitis

Die Therapie befreit das Blut gezielt von Immunglobulin E, kurz IgE, einen Abwehrstoff des menschlichen Körpers. IgE regt die Ausschüttung von Entzündungsstoffen und des juckreizfördernden Histamins an. Rund 70 Prozent der Neurodermitis-Patienten haben erhöhte IgE-Werte. Bei der Therapie wird das Blut mit einer speziell beschichteten Säule "gewaschen". Das "IgE-freie" Blut fließt wieder in den Körper der Patienten zurück.

"Es ist kein Standardverfahren, aber es bringt in schweren Fällen tatsächlich eine Besserung, wenn die Blutwäsche mehrmals erfolgt", sagt Ring. Momentan erproben unter anderem die Lübecker Universitätshautklinik, die Hautklinik der TU München und das Dermatologikum Hamburg die Behandlung.

Behandlung mit UV-Licht

Diese Therapie gehört zu den antientzündlichen Behandlungen. Eine Bestrahlung mit UV-Licht kann das Immunsystem in den oberen Hautschichten beruhigen. Für eine Lichtbehandlung sind mehrere Sitzungen nötig. Bei einer mittelgradig ausgeprägten Neurodermitis empfiehlt die Leitlinie eine UVB-Therapie, bei einem akuten, schweren Schub hingegen eignet sich die Hochdosis-UVA-1-Therapie. Kinder unter 12 Jahren sollten nicht oder nur ausnahmsweise damit behandelt werden. Über Jahre angewandt steigert die Therapie das Hautkrebsrisiko.

Silberunterwäsche und -schlafkleidung

Hautkeimen und Pilzen kann die entzündete und extrem empfindliche Haut von Neurodermitis-Patienten kaum etwas entgegensetzen. Die Erreger führen zu zusätzlichen Infektionen, die den Hautzustand weiter verschlimmern. Silber hat eine schon lange bekannte antibakterielle Wirkung und kann Hautkeime abtöten, so dass Wunden leichter abheilen können und der Juckreiz vermindert wird. Studienergebnisse haben gezeigt, dass das Silber sowohl Juckreiz als auch Hautekzem bessern kann und Patienten die mit Silbernitrat beschichtete Kleidung als angenehm empfinden. Die Therapie wird von der Leitlinie empfohlen.

Akupunktur

Eine an der Biedersteiner Klinik in München durchgeführte Doppelblindstudie zu Akupunktur ergab, dass die Nadeln den Juckreiz ganz allgemein lindern können. "Warum sie helfen, wissen wir noch nicht", räumt Ring ein.

Hausstaubmilbenreduktion

Milbendichte Umhüllungen (Encasing) von Matratzen, Bettdecke und Kissen können entsprechend empfindlichen Patienten helfen.

Was bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, was nicht?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen für Cremes und Salben, die antibiotisch oder antimykotisch wirken und für antientzündliche Medikamente. Viele Krankenkassen übernehmen auch die Kosten für eine ausführliche Diagnostik zum Feststellen etwaiger Auslöser der Hautkrankheit, für spezielle mit Silber beschichtete Unterwäsche und Schlafkleidung sowie für eine insgesamt zwölfstündige Schulung der Eltern.

Auch eine Ernährungsberatung bei einer Nahrungsmittelallergie sowie Rehamaßnahmen in spezialisierten Kurkliniken bezahlen die Krankenkassen meistens - am besten ist es aber, immer erst nachzufragen. Hat ein Kind eine Milchallergie, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine spezielle Aminosäurenmilch. Das Encasing zur Reduktion der Hausstaubmilben wird teilweise von den Krankenkassen bezahlt. Da die selektive Immunadsorption derzeit noch in Studien getestet wird, lässt sich noch nicht sagen, ob die Krankenkassen die Kosten dafür einmal übernehmen werden.

Nicht bezahlt wird die Basispflege bei Neurodermitis, obgleich sie für eine gute Neurodermitistherapie essentiell ist. Auch die Kosten für eine Akupunktur muss der Patient selbst tragen. Das gilt ebenso für die Behandlung mit UV-Licht (die nur bei Schuppenflechte bezahlt wird), die Eigenurintherapie, Bachblütentherapie, Bioresonanztherapie, chinesische Kräuter und Eigenblutbehandlung. Ob die Kasse eine Homöopathie bezahlt, ist von Kasse zu Kasse unterschiedlich. Patienten sollten sich deshalb bei ihrem Versicherer erkundigen. Die Basistherapie und die Akupunktur ausgenommen gilt die Wirksamkeit bei keinem der genannten, nicht erstattungsfähigen Verfahren durch Studien als belegt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte gestanden, dass Kassen für eine Behandlung mit UV-Licht bezahlen, für die Homöopathie hingegen nicht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
bully009 21.05.2013
1. Wann...
...kommt es denn jetzt zu einer Neurodermitis? Die Fragestellung ist ja gut, aber als "Ursache" sehe ich dort nur 3 Symptome beschrieben.
bohewulf 22.05.2013
2. Fragwürdiger Inhalt
Darf ich fragen, warum mein positing nicht veröffentlich wurde? Hier nochmal die Kurzfassung: Der Autor behauptet, UV Bestrahlung würde von den Kassen erstattet, Homöopathie hingegen nicht. Dies ist falsch. Richtig ist: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die pseudo-medizinische Therapie via Homöopathie WIRD erstattet, während die seriöse & wissenschaftlich verifizierte Therapie der UV Bestrahlung (zB UVB 311) NICHT erstattet wird. Woher ich das weiss? Ich bin Neurodermitiker und habe mich mit meiner Kasse diesbezüglich diverse Male auseinandergesetzt. Der Umstand, dass die Kassen hier aufgrund von erhofften Marktvorteilen Pseudowissenschaften den Vorzug vor seriöser Wissenschaft geben, halte ich für einen Skandal und ich würde mir sehr wünschen, dass investigativer Journalismus hier einmal seine ansetzen würde.
communicate 08.10.2013
3.
Durch den nicht auszuhaltenden Juckreiz kratzen sich Betroffene immer wieder auf, die Symptome werden schlimmer, es kommt zu sog. "Superinfektionen" - Salben etc. hon oder her. Es gibt allerdings einen tollen Bedazusatz gegen den Juckreiz namens "Tannosynt" (rezeptfrei in der Apotheke erhältlich). Hilft nach sehr kurzer Zeit sehr gut und ermöglicht den Abheilungsprozess, da man Salben mit entsprechenden Wirkstoffen ohne Schmerzen, Brennen und weiteren Juckreiz (= ohne erneutes Aufkratzen) benutzen und wirken lassen kann.
weizenspreu 08.10.2013
4.
Ich denke mal so ziemlich jeder Neurodermitiker wird eine Odysee hinter sich haben. Zumeist rennt man ja von Arzt zu Arzt, probiert Salben, Cremes und was weiß ich noch alles. Ich leide zwar nicht direkt an Neurodermitis, sondern an Psoriasis, aber es gibt ja doch so einige Schnittpunkte. Letztendlich hilft mir bei einem akuten Schub ausschließlich Melkfett. Wenn ich die betroffenen Stellen alle paar Stunden damit einreibe, habe ich zumeist nach wenigen Tagen eine erhebliche Besserung der Symptomatik. Zudem habe ich meinen Stresspegel stark reduziert, was zu einer enormen verbesserung führte. Die Schübe sind wesentlich weniger stark und treten auch viel seltener auf denn früher. Bei Stress oder Zeitnot kann ich dann wieder förmlich zuschauen, wie sich die Haut beginnt, zu entzünden und zu schuppen.
dana_berlin 08.10.2013
5. Nickel-Allergie
Wo bleibt der Hinweis auf eine den Lebensmittelunverträglichkeiten zugrundeliegende Nickel-Allergie? Für verschiedene Lebensmittel erfolgt z.T. eine Reaktion, obwohl der Allergietest negativ ist. Es handelt sich oft um Lebensmittel mit hohem Nickelanteil, z. B. Nüsse, Tomaten, Krebsfleisch etc. Ein Ernährungstagebuch hilft da eher weiter als ein weiterer Allergietest. Und es hilft auf jeden Fall, ständige Reizungen zu vermeiden durch unechten Schmuck (auch Silber oder Gold können aber Nickel enthalten!), auf die Haut treffende Jeansknöpfe, Textilfarbe bei Kunstfasern (insbes. schwarz) etc. ansonsten rückfettendes Duschöl, gute Basispflege und wenn es sein muss zwischendurch auch mal Kortison.
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