Therapie gegen Neurodermitis Raus aus der Juck-Kratz-Spirale

24 Stunden am Tag quält der Juckreiz: Wer Neurodermitis hat, der leidet. Verschiedene Therapien können helfen, der Spirale aus Jucken und Kratzen zu entkommen. Dabei sollte die Behandlung individuell zugeschnitten sein. Denn nicht alles, was Hilfe verspricht, wirkt auch wirklich.
Entzündeter Kinderarm: 10 bis 20 Prozent aller Kinder sind betroffen

Entzündeter Kinderarm: 10 bis 20 Prozent aller Kinder sind betroffen

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Die Haut ist trocken und gerötet, sie fühlt sich rau an, meist kommt noch eine Entzündung hinzu. Neurodermitis lässt sich nicht verbergen. Doch das Schlimmste an der Krankheit ist der allgegenwärtige Juckreiz. 24 Stunden am Tag kribbelt es, oft schon im Säuglingsalter. Der unerträgliche Juckreiz treibt die Betroffenen zu Kratzanfällen, die Beschwerden werden dadurch nur noch schlimmer. Eine fatale Spirale aus Jucken und Kratzen beginnt.

Etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder und 2 bis 3 Prozent der Erwachsenen in den Industrieländern leiden unter der chronisch-entzündlichen Hautkrankheit, auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt. In den nächsten Jahren wird die Zahl der betroffenen Erwachsenen noch weiter zunehmen: "Ende des letzten Jahrtausends ist die Zahl der Kinder mit Neurodermitis stark angestiegen. Etwa die Hälfte von ihnen nimmt die Erkrankung mit ins Erwachsenenalter", sagt der Dermatologe Johannes Ring, Direktor der Hautklinik der TU München.

Viele Mittel halten nicht, was sie versprechen

Heilen können Mediziner die Krankheit bislang nicht, doch es gibt mehrere Therapiemöglichkeiten. Der Nutzen ist allerdings längst nicht bei allen belegt. So werden etwa Borretsch- und Nachtkerzenöl als hilfreiche Mittel gegen Neurodermitis angepriesen. In den aktuellen Leitlinien  tauchen sie bisher jedoch weder als Nahrungsergänzungsmittel noch zur Anwendung auf der Haut auf. US-Dermatologen haben jetzt 27 Studien zu diesen Ölen als Nahrungsergänzungsmittel mit fast 1600 Patienten analysiert. Das in der Cochrane Library nachzulesende Ergebnis  ist ernüchternd.

Bei der oralen Einnahme konnten die Forscher in den Untersuchungen keinen Nutzen der beiden Öle finden, der über den von Oliven- und Paraffinölen hinausging - die beiden wurden als Placebo eingesetzt. Allerdings führten Borretsch- und Nachtkerzenöl zu Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen. Ring möchte dennoch nicht grundsätzlich von den Stoffen abraten: "Auch wenn die Metaanalyse für die orale Einnahme negativ war, muss man sagen, dass es Menschen mit trockener Haut gibt, denen die beiden Öle bei rein äußerlicher Anwendung zumindest teilweise helfen", so Ring. Auch Waltraud Anemüller, Oberärztin an der Lübecker Universitätshautklinik, hat mit der Beimischung von ungesättigten Fettsäuren etwa durch Nachtkerzenöl in Cremes oder Salben gute Erfahrungen gemacht.

Basistherapie hilft der Haut, sich zu schützen

Bei vielen anderen Therapieformen ist die Wirksamkeit klarer belegt. Dennoch gibt es nicht die "eine" Therapie für Neurodermitis, da sich die Krankheit von Fall zu Fall stark unterscheiden kann. So kommen etwasehr unterschiedliche Ursachen und Auslösefaktoren für die schubförmig verlaufende Hauterkrankung in Frage. Nur wer die Auslöser für seine Hautkrankheit kennt, kann sie auch meiden. Eine umfassende Diagnose ist äußerst wichtig. "Das hat den positiven Effekt, dass weniger antientzündliche Medikamente nötig sind", sagt Dermatologe Ring.

Grundlage aller Behandlungen ist eine Basistherapie, die auch in der beschwerdefreien Zeit angewendet wird und die trockene Haut mit Fett und Feuchtigkeit versorgt. Dadurch hilft sie unter anderem, die Schutzfunktion der Haut aufrechtzuerhalten und Bakterien, Viren, Pilze und Allergene abzuwehren. "Auch die Intensität der Schübe wird verringert", sagt Anemüller. Die Basispflege solle individuell auf den Patienten zugeschnitten werden, rät Ring. Außerdem ist laut Anemüller entscheidend, dass sie täglich erfolgt: "Dabei gibt es auch sehr gute preiswerte Produkte ohne Duft- und Konservierungsstoffe", sagt die Ärztin.

Anemüller rät außerdem zu feuchten Schlauchverbänden, die wie ein Strumpf übergezogen werden können. Sie können den Juckreiz stillen. "Auch Umschläge mit Schwarztee haben sich bewährt", sagt sie. Eine stärkere Wirkung entfalten Cremes und Salben mit Desinfektionsmitteln oder antibiotischen und antimykotischen Wirkstoffen.

Vor allem die Entzündung muss gestoppt werden

Bei akuten Schüben sollte außerdem die Entzündung gestoppt werden. Dabei sind niedrig dosierte entzündungshemmende Kortisonpräparate nach wie vor die Mittel der Wahl. "Sie sind sehr wirksam, begünstigen allerdings eine vorzeitige Hautalterung. Bei rein äußerlicher Anwendung bleiben aber alle anderen gefürchteten Kortisonnebenwirkungen wie zum Beispiel ein gestörter Zuckerstoffwechsel aus", sagt Ring. "Trotzdem sollte Kortison nicht dauerhaft, sondern nur bei akuten Schüben, nur in niedrigen Dosierungen und nicht im Gesicht verwendet werden." Im Gesicht helfen oft Umschläge mit schwarzem Tee und Kochsalz.

Eine Alternative zu Kortison sind für manche Patienten entzündungshemmende Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus-Salbe (Protopic) und Pimecrolimus-Creme (Elidel). Ihre Wirkung ist im Vergleich zu den Kortisonmitteln allerdings etwas schwächer. Dafür sind sie auch im Gesicht und bei einer langfristigen Therapie einsetzbar, allerdings nicht ununterbrochen. Beide Wirkstoffe hemmen die Aktivität des Immunsystems, schwächen dadurch die Reaktion auf Fremdstoffe und lindern den Juckreiz. Immungeschwächte und Hautkrebs-Patienten dürfen die Mittel nicht anwenden. Erkrankungsschübe werden hinausgezögert. "Langzeitnebenwirkungen sind in über 15-jährigen Nachbeobachtungsstudien nicht aufgetreten", sagt Dermatologe Ring.

Bei schwerer Neurodermitis eignen sich auch Wirkstoffe wie Ciclosporin und Azathioprin, die das Immunsystem unterdrücken. Antihistaminika sind dagegen bei der Hautkrankheit eher wirkungslos. Bei vielen Kleinkindern verschwindet die Krankheit in den ersten Lebensjahren auch wieder von selbst. Wer schwer erkrankt ist, sollte aber keine Scheu haben, sich zusätzlich psychologisch beraten zu lassen. Neurodermitis kann sehr belastend sein. Es ist erwiesen, dass verhaltenstherapeutische Ansätze beim Umgang mit der Krankheit helfen können.

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